1. Startseite
  2. Lokales (Mindelheim)
  3. „Kinder brauchen Geschichten“

Kinderbuchtag

03.04.2018

„Kinder brauchen Geschichten“

Antonie Schneider ist zwar ungeheuer fleißig, hat aber keine festen Arbeitszeiten. „Ich bin leider so undiszipliniert“, sagt sie. Ihre Ideen notiert sie sich an Ort und Stelle und schreibt die Geschichte dann erst einmal von Hand in den Block, ehe sie sich an den Computer setzt. Für die passenden Bilder arbeitet sie mit unterschiedlichen Illustratoren zusammen.
Bild: Baumberger

Gute Bücher sind für die Autorin Antonie Schneider viel mehr als ein schöner Zeitvertreib – und haben in ihrem Fall oft auch mit Mindelheim zu tun.

Wären alle Kinder so wie Antonie Schneider damals, bräuchte es den Internationalen Kinderbuchtag am 2. April gar nicht. Der nämlich will nicht zuletzt die Freude am Lesen wecken und die hatte und hat die gebürtige Mindelheimerin – davon zeugen die vielen dicht gefüllten Bücherregale in ihrem Haus in Weiler im Landkreis Westallgäu eindrucksvoll – schon immer. „Mir musste man immer Geschichten erzählen. Ich hab jeden gelöchert“, sagt sie heute.

Als sie selbst lesen konnte, war kein Buch mehr vor ihr sicher: In der Mindelheimer Stadtbücherei hat sie sich schon als Kind die Erwachsenenbücher ausgeliehen und auch der Dachboden ihres Elternhauses, prall gefüllt mit alten Büchern, war für sie, ein verträumtes Kind mit viel Fantasie, die reinste Schatzkammer. „Das waren fremde Welten, wie Gärten, die sich geöffnet haben.“

Antonie Schneider liest aber nicht nur gerne Gedichte und Romane, Philosophisches, Experimentelles und Klassiker, eigentlich fast alles, was ihr in die Finger kommt, sondern vor allem schreibt sie selbst: Gedichte und jede Menge Kinderbücher. Um die 60 sind es inzwischen, in rund 20 Sprachen übersetzt und mit beinahe ebenso vielen Preisen ausgezeichnet. Dabei hatte die Grundschullehrerin, die ein Jahr in Mindelheim und vier Jahre in Memmingerberg unterrichtet hat, das eigentlich gar nicht vor.

Lesen Sie jetzt: Die heutige Ausgabe Ihrer Tageszeitung als E-Paper.

Ihr erstes Buch schrieb die Mindelheimerin für ihre Tochter

Wie Astrid Lindgren hat sie ihr erstes Buch, in ihrem Fall „Das Buch vom Schaf“, ursprünglich für ihre Tochter verfasst und selbst illustriert. Ihr Mann riet ihr dann aber, weiterzumachen und die Manuskripte einem Verlag zu schicken. Schließlich seien gute Kinderbücher rar. Und bücherbegeistert wie Antonie Schneider nun einmal ist, musste er sie nicht lange überreden. Für die 63-Jährige haben Buchstaben eine Sinnlichkeit. „Sie sind wie kleine Wesen, mit denen man was bewirken kann.“ Es sei immer wieder faszinierend zu sehen, „was das Wort entstehen lassen kann an Wirklichkeit“.

Daneben ist Antonie Schneider, selbst Mutter dreier erwachsener Kinder, überzeugt: „Kinder brauchen Geschichten, damit sie das Leben bestehen können. Damit sie das Handwerkszeug bekommen, um selber mit diesem Leben umzugehen.“ Bücher können in ihren Augen zu Gefährten werden. „Kinder finden die Bücher, die für sie wichtig sind in ihrer Lebenssituation.“ Ein gutes Kinderbuch müsse spannend sein, die Kinder staunend machen, es ihnen ermöglichen, in verschiedene Charaktere zu schlüpfen – und es muss unbedingt ein gutes Ende haben. Das Buch „Ida ist da“ – eine Art „Warten auf Godot“ für Kinder und vom Dadaismus inspiriert – endet deshalb nicht von ungefähr mit den Worten: „Alles ist gut.“

An dem Buch, dessen Text auf das Nötigste reduziert ist, hat Schneider gut ein Jahr gearbeitet. Ursprünglich war das Manuskript sehr viel dicker. „Das war ein ganz ungeheurer Prozess.“ Einer, der sich gelohnt hat. Auch wenn die Autorin selbst sagt: „Am besten sind die Geschichten, die ich in einem Zug schreibe.“ Die Fortsetzung von „Der kleine Bär und der Weihnachtsstern“ etwa war in einer halben Stunde fertig. „Aber das ist nicht immer so. Manchmal muss ich spazierengehen und das in mir herumwälzen.“

Auslöser für eine Idee kann ein Erlebnis sein oder auch eine Zeitungsnotiz so wie damals bei „Gustl Löwenmut“. In der Zeitung hatte sie von einem Jungen gelesen, der einen Löwen gesehen hatte, was ihm freilich niemand glaubte. „Das hat mich beschäftigt.“ Im selben Buch hat sie der Flüchtlingsfrau ein Denkmal gesetzt, die früher bei ihrer Familie im Haushalt gearbeitet und ihr geduldig Rübezahlgeschichten erzählt hat. Auch in viele andere Bücher sind persönliche Erlebnisse und Erinnerungen eingeflossen.

Ein Buch über Mindelheim und seine Menschen ist geplant

Am offenkundigsten wird das wahrscheinlich bei dem Buch werden, das es noch nicht gibt, das der Autorin aber eine Herzensangelegenheit ist: Ein Buch über Mindelheim und über die Menschen, die sie geprägt haben: der Maler Erwin Holzbaur zum Beispiel, die Künstlerin Sigrid Dietz, ihre Kunstlehrerin an der Maria-Ward-Realschule, Schwester Ulrike Möhrle, oder auch der Schriftsteller Arthur Maximilian Miller.

Ihre Geburtsstadt verbindet sie mit Überschaubarkeit und Geborgenheit, aber auch mit Enge. Als sie 16 Jahre alt war, war ihr Mindelheim zu kleinbürgerlich und Neu-Ulm, wo sie die Fachoberschule für Sozialwesen besuchte, für sie eine große Stadt. „Das war ein Kontrastprogramm.“ Heute ist ihr Blick auf die Kleinstadt, der sie bereits einen Gedichtzyklus gewidmet hat, milder, sie kommt gerne zurück. So wie neulich zu einer Lesung an der Grundschule, bei der viele Erinnerungen an die eigene Schulzeit wach wurden. Und auch an die Aufsätze, gewissermaßen ihre ersten Geschichten, die allerdings bei ihren Lehrern meist nicht ganz so gut ankamen. „Das waren bestimmt oft Themaverfehlungen, weil mir die Fantasie durchgegangen ist“, sagt sie und lacht.

Den Grundschülern hat sie unter anderem aus „Die wunderbare Reise des Jungen“ vorgelesen, einem derzeit vergriffenen Flüchtlingsroman, der nun neu aufgelegt werden soll. Daneben gibt es schon Ideen für mehrere neue Projekte: Das Thema von „Hans im Glück“ würde Antonie Schneider gerne aufgreifen oder – schließlich hat sie Theologie studiert und ist ausgebildete Religionslehrerin – auch die Ringparabel. Nur einen Roman für Erwachsene kann sie sich bislang nicht vorstellen. „Ich liebe die kurze Form“, sagt sie – und das ist für bücherbegeisterte Kinder ja nicht die schlechteste Nachricht.

Themen Folgen

Sie haben nicht die Berechtigung zu kommentieren. Bitte beachten Sie, dass Sie als Einzelperson angemeldet sein müssen, um kommentieren zu können. Bei Fragen wenden Sie sich bitte an moderator@augsburger-allgemeine.de.

Bitte melden Sie sich an, um mit zu diskutieren.

Lesen Sie dazu auch
Copy%20of%20180808_D46_Gr%c3%b6nenbacher_Wald.tif
Naturschutz

Warum Förster zu Bauern werden

ad__starterpaket@940x235.jpg

Webseite und App freischalten!

Die schnellsten Lokalnachrichten - live,aktuell und multimedial.
Alle Online-Inhalte auf allen Endgeräten zu jeder Zeit, mtl. kündbar.
Damit sind Sie daheim und im Büro immer auf dem Laufenden.

Zum Web & Mobil Starterpaket