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Bad Wörishofen

31.01.2019

Kneipps Gralshüter

Vor dem historischen Bild von der Gründung des Kneippärztebundes anno 1894 blicken Präsident Heinz Leuchtgens und Geschäftsführerin Ute Ammerpohl auf 125 Jahre Geschichte zurück.
Bild: Manfred Gittel

Vor 125 Jahren wurde der Kneippärztebund gegründet. Es ging um die Anerkennung von Kneipps Erbe. Heute steht der Verband vor ganz anderen Herausforderungen.

Der 2. Februar 1894 ist ein wichtiger Tag: An jenem Freitag wurde der „Internationale Verein Kneippscher Ärzte“ gegründet, heute bekannt als Kneippärztebund. 125 Jahre ist das heuer her. Sebastian Kneipp selbst hatte rechtzeitig die Ärzte mit in sein Boot geholt und gegen Ende seines Lebens in Sorge um den Fortbestand seines Lebenswerkes an die Ärzteschaft die Bitte gerichtet: „…nehmt Euch meiner Sache an.“

Das taten sie denn auch unter der Führung von Dr. Alfred Baumgarten. Schon am Vortag des 2. Februar waren etwa 30 Ärzte aus dem In- und Ausland in Bad Wörishofen eingetroffen. Viele von ihnen hatten bereits bei Kneipp hospitiert. Unter ihnen waren Österreicher, Schweizer und je ein Holländer, Engländer und Pole. Auch Kneipp erschien auf der Versammlung und ermunterte die Ärzte, Einigkeit zu bewahren und seine Lehre nicht zu verfälschen.

In der Satzung, die tags drauf verabschiedet wurde, steht deshalb: „…einen festen Zusammenschluss der Ärzte Kneippscher Richtung zu erstreben. Durch Gründung eines Vereins-Organs den Ärzten Gelegenheit zu geben, ihre Erfahrungen zu veröffentlichen und zur Diskussion zu stellen. Die wissenschaftliche Vertretung des Kneippschen Heilverfahrens zu bilden.“

Was sich Kneipp damals in Bad Wörishofen dringend gewünscht hat

Kneipp hätte sich, wie er in seinem Buch „Meine Wasserkur“ schreibt „nichts sehnlicher gewünscht, als dass ein Mann von Beruf, ein Arzt, mir diese schwere Last und drückende Arbeit abgenommen hätte“.

Einer, der dies dann tat, war Baumgarten, der ganz bewusst die wissenschaftliche Anerkennung der Anwendungen anstrebte. Er erstellte Statistiken zum Kurverlauf seiner Patienten, nahm systematische Messungen vor um die körperlichen Reaktionen der verschiedenen hydrotherapeutischen Anwendungen dokumentieren zu können. Sein Ziel: Die immer wieder vorgebrachten Vorwürfe, die Kneipptherapie sei bloße Kurpfuscherei, durch objektive Befunde zu entkräften. Somit ist Baumgarten als erster Vorsitzender des Kneippärztebundes nicht nur der ärztliche Nachfolger und Testamentsvollstrecker Kneipps, sondern auch der Wegbereiter und Garant einer wissenschaftlich begründeten Weiterentwicklung dieser Naturheilverfahren.

Darauf konnten seine Nachfolger aufbauen und schon nach wenigen Jahren stieg die Mitgliederzahl auf 400 an. Die in Bad Wörishofen ausgebildeten Ärzte gründeten Kneippsche Kuranstalten nicht nur in Deutschland und Österreich sondern weltweit in Italien, Böhmen, Ungarn, Kroatien, Polen, Holland, Frankreich, Norwegen, Spanien, Portugal, in Russland, den USA in Südamerika und Südafrika.

Ein Kneipp-Preis für Forschung sorgte für wissenschaftlichen Auftrieb in Bad Wörishofen

Trotz dieses Booms gab es weiterhin Angriffe von ärztlichen Standesvertretungen, was nach dem Tode Kneipps 1897 zu einem Rückgang der Mitgliederzahlen führte. Daraufhin ließ man den Namen Kneipp weg und nannte sich „Internationaler Ärzteverein für Hydrotherapie“.

Einschnitte brachten die Weltkriege sodass am 10. Februar 1948 der ärztliche Verein durch den Sohn von Alfred Baumgarten, Dr. Paul Baumgarten, neu gegründet wurde. Erste Lehrgänge zur Kneippheilkunde wurden ab Mai 1949 abgehalten. Die Aufnahme der Forschungsarbeit allerdings brauchte länger. Einen gewissen Anreiz für wissenschaftliche Aktivitäten bildete hier der 1971 von Apotheker Senator Leusser, dem Inhaber der Kneipp-Werke, gestifteten Sebastian-Kneipp-Preis für herausragende Arbeiten auf dem Gebiet der komplexen Kneipptherapie. 1972 wurde auf Initiative der Wörishofer Ärzteschaft durch die Stadt sogar ein Forschungsinstitut gegründet. In Zusammenarbeit mit dem Institut für Medizinische Balneologie und Klimatologie entstanden zahlreiche Doktorarbeiten, welche die Auswirkungen vor allem der Wasseranwendungen auf den Kreislauf, die Durchblutung sowie die immunologischen und hormonellen Reaktionen auf diese Anwendungen untersuchten. 1980 kam ein aktuelles Lehrbuch der Kneipptherapie heraus und 1986, 100 Jahre nach Erscheinen des Buches „Meine Wasserkur“, konnte offiziell verkündet werden: „Kneipptherapie ist Teil der Schulmedizin“.

2002 ändere der KÄB noch einmal seinen Namen in „Ärztegesellschaft für Präventionsmedizin und klassische Naturheilverfahren, Kneippärztebund e.V.“ (KÄB). Grund: Die bessere Herausstellung der Position in einem sich wandelnden medizinischen Umfeld.

Der Verband aus Bad Wörishofen ist heute bundesweit bedeutsam

Heute sind es unter Leitung von Präsident Dr. Heinz Leuchtgens, der dem KÄB seit 1995 vorsteht, 1200 Mitglieder. Dazu trägt auch die Arbeit der Akademie bei, die seit 26 Jahren besteht mit mittlerweile rund 100 Dozenten und Referenten. Die Akademie des KÄB ist der erfolgreichste Anbieter für ärztliche Weiterbildung zur Erlangung der Zusatzbezeichnung „Naturheilverfahren“ deutschlandweit. 1000 Kursteilnehmer besuchen sie pro Jahr.

Die Mitglieder genießen einige Privilegien. So haben die Ärzte Zugriff auf eine besondere Datenbank, auf der Indikationen und hierfür geeignete naturheilkundliche Anwendungen hinterlegt sind. Und der KÄB entwickelt sich stetig weiter schon allein weil, so Präsident Leuchtgens, „inzwischen so viele angebliche Naturheilverfahren auftauchen, die außerhalb der Wissenschaft stehen“. Hier die Spreu vom Weizen zu trennen sei auch Aufgabe. Leuchtgens: „Wir sehen uns als Ärztebund gewissermaßen als Gralshüter der Naturheilverfahren. Unsere Prämisse ist nach wie vor der Auftrag Kneipps: „Haltet mir die Lehre rein.“

Demnächst wird es ein weiteres Projekt in der integrativen Onkologie geben, sprich: die naturheilkundliche Begleitung von Nebenwirkungen bei Krebserkrankten. Zudem ist erstmals ein Kurs „Waldgesundheitstrainer“ in Planung und eine neue Fortbildung in Sachen Phytotherapie (Pflanzenheilkunde). Um das Ganze zu bewältigen, wurde erst vor kurzem ein neues Seminarzentrum in Betrieb genommen.

Die Zukunft ist also gesichert, wie Leuchtgens betont: „Unsere Weiterbildung ist von der Bundesärztekammer anerkannt, ist Teil des Ärzte-Studiums, wird auch verwendet bei integrativen Therapiekonzepten. Das Kneippsche Heilverfahren hat Zukunft, weil es sich mehr für die Prävention eignet“, etwa bei Diabetes und Bluthochdruck, so Leuchtgens. Vorsorge, so Leuchtgens, werde einen immer höheren Stellenwert einnehmen, weil Krankheit verhindern wesentlich kostengünstiger ist. Dass die Kassen „auch in Bezug auf die ambulante Kur offenere Ohren haben“, wäre dann noch Leuchtgens großer Wunsch.

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