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Natur in der Stadt

10.09.2018

Mindelheim: Kleiner Garten, großes Summen

Im etwa zehn Quadratmeter großen Vorgarten haben Silke und Andi Lotterbach zusammen mit ihren Kindern Simon und Paula ein Magerbeet angelegt. Im kommenden Jahr sollen sich in der sogenannten „Hotspot-Zone“ die Insekten tummeln. Für ihre Arbeit wurde die Familie nun ausgezeichnet.
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Im etwa zehn Quadratmeter großen Vorgarten haben Silke und Andi Lotterbach zusammen mit ihren Kindern Simon und Paula ein Magerbeet angelegt. Im kommenden Jahr sollen sich in der sogenannten „Hotspot-Zone“ die Insekten tummeln. Für ihre Arbeit wurde die Familie nun ausgezeichnet.
Bild: Peter Seifert

Natur Dass man auch einen kleinen Garten bienen- und tierfreundlich gestalten kann, beweist Familie Lotterbach aus Mindelheim

Lange hat sich Silke Lotterbach gescheut, den Garten anzugehen. Schließlich ist das Reihenmittelhaus in Mindelheim, in dem sie seit viereinhalb Jahren mit ihrem Mann Andi und den beiden Kindern Simon und Paula lebt, nur gemietet. Die 43-Jährige hat zwar immer schon gern im Garten gearbeitet, bei den Großeltern oder den Eltern etwa, doch hier, in ihrer neuen, bayerischen Heimat hatte sich die Hessin bislang nicht so recht getraut. Stattdessen las sie Gartenbücher und stöberte im Internet. Als sie dort, auf der Homepage des Vereins „Naturgarten“, Hinweise auf Pflanzpakete entdeckte, bei denen das ganze Jahr über etwas blüht, dachte sie sich: „Ein paar Blümchen könnte ich ja bestellen.“ Heute muss sie darüber lachen: „Da nahm das Unglück seinen Lauf.“

Der Pflanzen-Bestellung lag nämlich ein Flyer über den Wettbewerb „ Deutschland summt!“ der Stiftung für Mensch und Umwelt bei. Silke Lotterbach war angetan – ihr Mann hingegen weniger: Während sie darüber nachdachte, was man im Garten alles aufbauen könnte, dachte er darüber nach, was man bei einem Auszug wieder abbauen müsste. Also fing die Familie klein an, mit einem Staudenbeet – und ab da wurde es immer mehr.

In kürzester Zeit wurde der Garten In Mindelheim zum Paradies

Von Anfang an dokumentierten die Lotterbachs ihre Arbeit und das, was sie in diesem Jahr auf den insgesamt rund 50 Quadratmetern im Garten und Vorgarten verändert haben. Für ihre Ideen, wie man auch auf kleiner Fläche binnen kürzester Zeit ein Paradies für Bienen, Insekten und andere Tiere schaffen kann, hat die Familie nun den vierten Preis des Wettbewerbs erhalten. Silke Lotterbach freut sich sehr, will damit aber vor allem andere motivieren: „Es sind Kleinigkeiten, die jeder machen kann“, sagt sie. „Wenn jeder darauf achtet und zwei, drei insektenfreundliche Blümchen hat, oder eine Wasserstelle, dann wär schon viel gerettet.“

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Auch auf kleinstem Raum und mit nur drei Töpfen könne man etwas für die Natur tun: ganz nach dem Hortus-Modell, das Markus Gastl entwickelt hat. Bei diesem Gartenkonzept wird der Raum in drei Zonen für Mensch und Tier eingeteilt: eine Pufferzone für den Unterschlupf, eine Ertragszone für die Ernte und eine Hotspot-Zone für die Vielfalt. „Das hat mich total inspiriert“, sagt Lotterbach über das Gartenkonzept. „Es führt alles zusammen, was ich je über Garten gelernt habe.“

Schnell wurde aus der Theorie Praxis: Die Familie pflanzte Beerensträucher und stellte verschiedene Tränken auf. Mithilfe der Wespenberater Bettina Thauer und Jan-Eric Ahlborn hab die Lotterbachs ein Insektenhochhaus gebaut und die graue Sichtschutzwand zum Nachbargarten mit bunt bemalten Paletten und einem darin angelegten Magerbeet, das fast nur aus Schotter besteht, verziert. Eine kleine Sandstelle für die Wildbienen, ein Quadratmeter Wildblumenwiese und viele Steine und Totholz, die den Tieren als Unterschlupf beziehungsweise Baumaterial dienen, sind inzwischen überall im Garten zu finden. „Ich hätte nicht gedacht, dass wir so viel Totholz verteilen!“, sagt Silke Lotterbach und muss sich immer noch ein wenig über sich selbst wundern.

In ihrer Einstellung zum Garten und zur Natur hat sich im Lauf des Jahres einiges verändert, schildert die 43-Jährige. So habe sie etwa von ihrer Oma gelernt, dass es wichtig sei, Beete regelmäßig zu harken. Heute zupft sie nur noch den Löwenzahn aus dem Boden. Denn das Umgraben zerstöre den Lebensraum von bodennistenden Bienen.

Seit der Umgestaltung hat die Familie regelmäßig Besuch von Schmetterlingen, aber auch von der gelbbindigen Furchenbiene, der schwarzen Holzbiene, von Löcherbienen und Feldwespen. Die hatte sie alle vorher gar nicht gekannt. Sie machte Fotos von den Tieren, stellte sie ins Internet und erhielt Auskunft von Experten. „Und wenn sie öfter kommen, erkennt man sie wieder“, sagt Silke Lotterbach über die Insekten. Dann liest sie nach, was die Tiere brauchen – und passt den Garten wieder an. Inzwischen hätten sie mehr winzige Löcher im Boden als in der eigens gebauten Insektenwand, berichtet Silke Lotterbach stolz – schließlich brüten die viele Bienenarten im Boden.

Auch Käfer und Igel sind willkommen

Dass unter den tierischen Besuchern bei den Lotterbachs auch Käfer sind, finden nicht alle Freunde, Bekannte oder Nachbarn gut. „Jeder mag Schmetterlinge und Igel, aber keiner Käfer und andere Insekten“, sagt Silke Lotterbach. Dabei seien diese doch auch wichtig für die Natur, etwa als Nahrung für die Vögel. Und: „Ich glaube, dass auch wir Menschen davon abhängen“, sagt die zweifache Mutter. Die Vorstellung, dass hier einmal im großen Stil Bäume von Menschenhand bestäubt werden müssen wie in China, wo fast alle Insekten abgetötet worden sind, findet sie schrecklich – ebenso wie Thujen, Kirschlorbeer oder Kiesgärten, die es hierzulande in zahlreichen Neubaugebieten zu sehen gibt. Nicht jeder mag den fröhlich-bunten Stil ihres Gartens, gibt Lottermann zu. „Aber man kann ja auch auf einem ganz ordentlichen Stück etwas für Insekten tun.“

Für ihre Kinder ist das Beobachten der kleinen Krabbeltiere besser als Fernsehen: Oder wann sieht man schon, wie eine Blattschneiderbiene immer wieder mit einem neuen grünen Stückchen Blatt geflogen kommt? Während die eineinhalbjährige Paula am liebsten die frisch angelegte Blumenwiese gießt, nascht der vierjährige Paul gern vom Oregano und Basilikum. „Ich habe auch viele Sachen gepflanzt, bei denen man die Blüten essen kann“, sagt Silke Lotterbach. Die Kinder wüssten inzwischen genau, wo sie zugreifen dürfen.

Zuletzt hat Silke Lotterbach ein kleines Sumpfbeet angelegt, das jetzt noch mit Steinen eingefasst werden soll. Im kommenden Jahr will sie die Ertragszone in ihrem „Hortus“ erweitern und das Hochbeet für kleine Naschereien nutzen. Den Dünger bekommt sie aus ihrer Hotspot-Zone, dem Magerbeet vor dem Haus: Denn dort dürfen Blätter und Co. nicht liegen bleiben, damit der Boden karg bleibt und die Wildblumen eine Chance haben.

Die Mindelheimer Nachbarn waren anfangs skeptisch

Das große Magerbeet hat die Familie in ihrem knapp zehn Quadratmeter großen Vorgarten angelegt – und wurde dafür durchaus skeptisch von manchen Anwohnern beäugt. Heuer ist bis auf einen Backstein-Wall und Steine noch nicht so viel zu sehen, doch darunter befinden sich Samen: Im kommenden Jahr sollen sich hier die Insekten tummeln. Auch für einen Igel ist ein kleiner Eingang vorhanden, denn auch um die kümmern sich die Lotterbachs.

Vor Kurzem hat die Familie einen Igel gefunden, der wegen der Hitze total dehydriert war. „Es wäre ein Leichtes, wenn die Leute im Sommer ein Schüsselchen mit Wasser herausstellen“, findet Silke Lotterbach. Sie berichtete einer Freundin von ihrem Erlebnis und als sie sie das nächste Mal traf, erzählte diese ihr, dass sie nun eine Schale für die Igel rausgestellt hätte. „Das ist wahnsinnig schön“, findet die 43-Jährige. Immer wieder kommen Bekannte vorbei, um sich Ideen für den Garten abzuschauen. Die Familie hat sogar Samen und Pflänzchen an Freunde verteilt und so dazu beigetragen, dass auch anderswo Insektenparadiese entstanden sind.

Eine Samen-Tausch-Station im Sebastianspark

Wer hingegen gar nicht weiß, was er ansäen könnte, der kann sich an der Samen-Tausch-Station bedienen, die die Lotterbachs im Vorgarten ihres Hauses im Sebastianspark errichtet haben und die für jedermann zugänglich ist. Denn kein Garten ist zu klein, um darin etwas für die Bienen zu tun – die Lotterbachs mit ihren rund 50 Quadratmetern Grün ums Haus sind der beste Beweis dafür.

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