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MZ-Serie "Mein Jahr"

19.01.2021

Mit dem Fahrrad auf Expedition in der Heimat

Mit dem Fahrrad hat Martin Schalk das gesamte Unterallgäu erkundet. Alle Weiler und Einöden mit mindestens fünf Häusern hat er 2020 besucht.
Foto: müsa

Plus Martin Schalk aus Oberrieden hat sich das Unterallgäu erradelt und dabei nicht nur den vermutlich kürzesten Radweg des Landkreises entdeckt

Der Landkreis Unterallgäu ist mit seinen 1230 Quadratkilometern beachtlich groß. 52 Gemeinden zählt er, außerdem die beiden Städte Mindelheim und Bad Wörishofen. Wenn man nun noch alle Weiler und Einöden zusammenzählt, ist man bei 527 Ortschaften. Einer, der sie fast alle kennt, ist Martin Schalk aus Oberrieden. Denn im vergangenen Jahr hatte er eine besondere Idee.

Mit Kamera im Gepäck das Unterallgäu erkundet

Er wollte auf dem Fahrrad einmal den gesamtem Landkreis in Augenschein nehmen – und zwar nicht nur die großen Orte. Seine persönliche Vorgabe lautete, alle Weiler mit mindestens fünf Häusern zu durchfahren. Mit im Gepäck hatte er stets seine Fotokamera, um alles bildlich zu dokumentieren. Und so kam der 69-jährige Ortschronist, der bereits seit seiner Jugend ein begeisterter Radfahrer ist, auch nach Böhen, der höchstgelegenen Gemeinde im Unterallgäu. Zu ihr gehören sage und schreibe 20 Orte mit so klingenden Namen wie Nollen, Lampolz, Hüners oder Kuttern.

Der Rentner schwingt sich fast jeden Tag auf sein Fahrrad und erkundet die Umgebung – und das schon seit 50 Jahren. Dabei ist er in einem Radius von rund 50 Kilometern rund um Oberrieden unterwegs und treibt den Kilometerstand seines Tachos beharrlich nach oben: Sein Ziel ist, rund 7500 Kilometer im Jahr mit einer ungefähren Durchschnittsgeschwindigkeit von 22 km/h zu radeln. „Ich schaue mir das Ziel zuhause auf der Karte an und dann geht’s los“, berichtet er. Unterwegs hat er sie dann allerdings nicht dabei, was ihm im Fall von Baustellen und Umleitungen schon zum Verhängnis geworden ist.

Erst Betätigung auf dem Drahtesel, dann erfrischendes Eisbad daheim

Langeweile kommt aber auch dann nicht auf, wenn alles nach Plan läuft. „Für ausreichend Abwechslung sorgen die vier Himmelsrichtungen. Ich kann zwischen flach und bergig wählen, nur sollte beim Heimweg immer der Wind im Rücken sein“, lächelt Martin Schalk über seine tägliche Routenauswahl. Als krönenden Abschluss seines Radlertages gehört dann das erfrischende Eisbad im Unterrieder Marienbrunnen obligatorisch dazu.

Er lobt das Radwegenetz im Unterallgäu. Nur die Beschilderung sei manchmal noch etwas verbesserungsfähig, so Schalk, und „bei manchen Ortsverbindungen wäre ein Radweg noch sinnvoll“. Was dem Oberrieder aufstößt, sind Autofahrer, die auf dem Radweg fahren. „Sowas macht man nicht.“

Für viele Radler sind Berge ein Graus, doch nicht für den 69-Jährigen. Er strampelt auf einem ganz normalen Tourenrad ohne Motorunterstützung durch die Gegend „und schieben ist für mich keine Option“, sagt er. Für ihn ist jeder Höhenmeter ein gewisser Ansporn. „Ich bin in Hohenreuten aufgewachsen und in jungen Jahren nach Frickenhausen gezogen. Das Dorf am Hang hat einen steilen Anstieg. Ich bin also Berge gewohnt“, schmunzelt er. Außerdem belohnt oben angekommen oft ein wunderbarer Fernblick die Anstrengung. Respekt hat Martin Schalk eher bei Gefälle. „Schnell hat man eine Geschwindigkeit auf dem Zweirad, die einen bei der kleinsten Unebenheit zu Fall bringen kann.“

Beim Fahrradfahren die Natur mit allen Sinnen erleben

Der zweifache Vater und sechsfache Opa ist überzeugt, dass man die Natur, die Landschaft und die Gerüche beim Radfahren viel besser wahrnehmen kann. So sind ihm bei seinen Touren auch die landschaftlichen Unterschiede zwischen den Altlandkreisen Mindelheim und Memmingen aufgefallen. „Hier in Mindelheim ist das Land flacher, bei der Tour nach Ettringen-Aletshofen habe ich 100 Kilometer auf dem Tacho gehabt, aber keinen einzigen Berg bezwungen. In den südlichen Gemeinden wird es zunehmend bergiger. Ollarzried oder Böhen haben innerorts keine einzige ebene Straße.“ Auch die Maisfelder werden dort weniger und die Kühe auf der Weide mehr. Dabei seien die 51 Gemeindeteile von Legau eine wahre Herausforderung und beinhalten das schwierigste Teilstück von 125 Kilometern, um alles abzufahren. Die Dörfer im Altlandkreis Mindelheim seien „geschlossener“, so seine Beobachtung. Nur Breitenbrunn steche mit seinen 18 Gemeindeteilen deutlich heraus.

Zahlreiche Sackgassen hat Martin Schalk ebenfalls erlebt. Immer wenn keine asphaltierte Straße weiterging, musste er umkehren, wie in Steinekirch (Markt Wald), Westerhart (Buxheim) oder Hatzleberg (Markt Rettenbach). Ebenfalls bemerkenswert sind mancherorts die Landkreisgrenzen. So durchfährt man auf der Straße von Immelstetten nach Obergessertshausen auf nur drei Kilometern drei Landkreise, nämlich Augsburg, Unterallgäu und Günzburg. Auch der Ort Dilpersried, der zu Lautrach bei Illerbeuren gehört, liegt in einer schmalen Landzunge. „Im Osten eingesäumt von Legau, im Süden liegt das Oberallgäu und im Westen grenzt Baden-Württemberg an.“ Und auch den vermutlich kürzesten Radweg im Unterallgäu hat Martin Schalk gefunden: Er beginnt am Kieswerk in Schlegelsberg und endet nach 20 Metern im Nichts.

Bei seinen Touren blieben auch kleinere Missgeschicke nicht aus. So sei ihm einmal bei einer schwierigen Etappe die Speicherkarte aus der Fototasche gefallen. Martin Schalk musste die Fahrt deshalb für seine Dokumentation wiederholen. Und einmal wurde eine vermeintliche Abkürzung zum Umweg. „Von Bad Grönenbach über Schulerloch und Pfaudlins zur Zeller Einöde stand ich plötzlich mitten im Kies- und Betonwerk Unglehrt im Darast.“

Für ihn besonders auffällig: Fast in jedem kleinen Weiler ist eine Kapelle oder zumindest ein Bildstock zu finden, worüber sich Martin Schalk immer freut.

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