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Unterallgäu

18.08.2019

Mutter pflegt 42-jährige Tochter: "Sie ist unser Riesenbaby"

Sandra Miller (rechts) puzzelt für ihr Leben gerne und liebt Schmuck. Im Alltag ist die 42-Jährige auf die Hilfe ihrer Mutter Amalie angewiesen.
Bild: Sandra Baumberger

Amalie Miller aus Haselbach liebt ihre Tochter und pflegt sie seit Jahrzehnten. Doch manchmal stößt sie an ihre Grenzen – zumal beide nicht jünger werden.

Wer es nicht besser weiß, könnte meinen, im Haus von Familie Miller in Haselbach lebt ein Kleinkind. Im Wohnzimmer liegen ein dickes Malbuch und Buntstifte, eine Schublade ist bis zum Rand gefüllt mit Rahmen-Puzzles für Dreijährige. Tatsächlich aber gehören die Sachen einer 42-Jährigen: Ausmalen und Puzzeln sind die Lieblingsbeschäftigungen von Sandra Miller.

Als sie zur Welt kam, war sie gesund. „Aber nicht lange“, sagt ihre Mutter Amalie und klingt dabei ein wenig bitter. Denn vier Stunden nach der Geburt kam es plötzlich zu einem gravierenden Sauerstoffmangel. „Es hat nur geheißen, das Miller-Baby ist ganz blau“, erinnert sich die 66-Jährige. Bis heute weiß sie nicht, was damals passiert ist, ob ihrer Tochter damals zu viel oder schlicht zu spät Sauerstoff verabreicht wurde. Sie weiß nur, dass ihre älteste Tochter seither körperlich und geistig schwerstbehindert ist: Sie leidet unter spastischen Lähmungen und kann zwar sprechen, beantwortet in der Regel aber nur Fragen, auf die sie mit Ja oder Nein antworten kann. Fragt Amalie Miller sie, was es zum Mittagessen gab, lautet die Antwort stets: „Nichts.“ „Sie kann mir nichts erzählen oder einem Fremden sagen, wie sie heißt. Ich glaube, Zweijährige können mehr mitteilen. Aber verstehen tut sie’s schon. Blöd ist sie nicht. Sie ist sehr intelligent, hat man immer gesagt“, sagt Amalie Miller.

Ihre ersten Schritte machte die Tochter mit zehn Jahren

Dass ihre Tochter behindert sein könnte, habe ihr damals niemand gesagt. Auch nicht, als die Eltern sie nach Wochen in der Kinderklinik endlich mit nach Hause nehmen durften. „Da hat niemand was gesagt. Keinen Ton.“ Dass Sandra nie so sein würde wie andere Kinder, merkten sie und ihr Mann trotzdem bald. „An einem gleichaltrigen Neffen haben wir gesehen, wie entwickelt der war. Und unsere hat nichts gekonnt.“ Nicht einmal schlafen. Dafür hat sie oft stundenlang geschrien. „Wenn meine Mutter nicht da gewesen wäre, hätte ich das nicht geschafft“, sagt Amalie Miller. Die Oma übernahm die Enkelin nachts, damit ihre Tochter Kraft schöpfen konnte für den nächsten Tag.

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Ihr ersten Schritte hat Sandra mit zehn Jahren gemacht – als ihre jüngste Schwester das Laufen lernte und ihr drei Jahre jüngerer Bruder das längst beherrschte. „Das war das Höchste für uns“, sagt Amalie Miller. Nach einem Oberschenkelhalsbruch vor einigen Jahren ist Sandra inzwischen jedoch auf einen Rollator angewiesen und nachts auf Windeln. Zähneputzen, sich waschen oder anziehen – für all das braucht Sandra die Hilfe ihrer Eltern.

Amalie Miller will ihre anderen Kinder nicht mit der Pflege belasten

„Ich lass sie nicht alleine, höchstens vielleicht mal eine Viertelstunde.“ Für die Eltern heißt das, dass gemeinsame Unternehmungen selten sind. Sind sie bei Freunden eingeladen oder gehen auf ein Fest, nehmen sie Sandra zwar häufig mit, doch gegen 21 Uhr wird sie müde und will lieber nach Hause. „Ich kann nicht weg. Ich kann nicht raus. Das ist halt so. Ich fühl’ mich wie ein Hund an der Kette“, sagt Amalie Miller, aber auch: „Ich häng’ am meisten an ihr. Die anderen zwei sind erwachsen. Aber sie braucht mich. Sie ist unser Riesenbaby.“

Und um das kümmert sich die Mutter aufopferungsvoll. „Ich darf nicht krank sein. Die Sandi braucht mich.“ Die Hilfe von Verwandten anzunehmen oder gar die Tochter in ein Heim zu geben, kommt für sie nicht infrage. „Das würde ich nicht übers Herz bringen, so lange ich so beieinander bin.“ Denn jünger werden sie eben beide nicht. Amalie Miller ist aufgefallen, dass ihre Tochter langsamer wird. „Ich hoffe, dass es nicht minder wird mit ihr.“ Und mit ihr selbst auch nicht. „Leichter wird’s nicht“, gibt Amalie Miller zu. „Aber ich bemüh’ mich.“ Ihre anderen beiden Kinder will sie keinesfalls mit der Pflege ihrer älteren Schwester belasten. „Das kann ich denen nicht aufhängen. Das tät ich nie und nimmer. Das darf man nicht und das kann ich auch nicht. Das wär’ ein Schmarren auf deutsch gesagt.“

Zumal das wohl auch für Sandra schwer wäre, die sehr an ihren Eltern hängt. Als sie von der Arbeit in den Unterallgäuer Werkstätten nach Hause kommt, erkundigt sie sich sofort nach ihrem Papi, danach nach der Katze, die nicht wie sonst im Wohnzimmer auf sie wartet. „Fee-Dust“, sagt sie dann, „Kaffee-Durst“, und fordert damit die Tasse Kaffee ein, die fester Bestandteil eines jeden Nachmittags ist. „Wie war die Arbeit?“, fragt ihre Mutter und Sandra antwortet wie eigentlich jeden Tag: „Schön.“

Mit viel kindlicher Freude greift die 42-Jährige zu dem Puzzle

Wer die beiden beobachtet, sieht schnell, dass sie ein eingespieltes Team sind. „Mami, dankeschön“, sagt Sandra manchmal, wenn ihre Mutter sie geduscht und angezogen hat. „Das ist halt unsere Sandi. Sie ist schon lieb“, sagt Amalie Miller und man merkt ihr die Freude darüber an. „Sie ist halt so – und wir machen das Beste draus. Manchmal ist es schon schwer. Aber ich kenn’s ja nicht anders mit ihr.“ Manche werfen ihr vor, Sandra zu sehr zu verwöhnen. „Was hat sie denn vom Leben?“, fragt Amalie Miller dann. Sandra greift derweil zu dem Puzzle, dass ihre Mutter für sie bereitgelegt hat. In den Augen der 42-Jährigen liegt kindliche Freude.

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