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MZ-Interview

29.10.2020

Nervenarzt Dr. Mütterlein erklärt: Was macht Corona mit uns?

Corona macht sich inzwischen in allen Lebensbereichen bemerkbar: Sogar die "Amerikaner" vom Bäcker tragen bereits Maske, Abstandsregeln sind in diesem Fall aber glücklicherweise nicht einzuhalten.
Bild: Alexander Kaya

Plus Der Mindelheimer Nervenarzt Dr. Mütterlein sieht in der Corona-Krise auch positive Seiten. Und er bricht eine Lanze für die Jugendlichen.

Die Corona-Pandemie hat das menschliche Miteinander durcheinandergerüttelt. Begegnungen sind nur noch eingeschränkt möglich, liebgewordene Freiheiten wie die des Reisens sind nicht mehr ohne Weiteres erlaubt. Virologen und Politiker versuchen, die Weiterverbreitung des Virus unter Kontrolle zu behalten. Was aber macht die Pandemie mit den Menschen? Johann Stoll sprach mit dem Mindelheimer Nervenarzt Dr. Wilfried Mütterlein. Der 62-Jährige praktiziert seit 1993 in Mindelheim.

Herr Dr. Mütterlein, Sie beschäftigen sich seit Jahrzehnten mit der menschlichen Seele. Was macht Corona mit uns, die wir ja soziale Wesen sind?

Wilfried Mütterlein: Die Gefahr der Vereinsamung ist gegeben. Vor allem jene Menschen sind betroffen, die ohnehin schon zurückgezogen leben und keinen guten familiären Rückhalt haben. Für jene ist es besonders schwierig, die alleine sind und mit seelischen Probleme zu kämpfen haben.

Wir laufen derzeit wieder Gefahr, dass das öffentliche Leben stark heruntergefahren wird, wenn sich die Fallzahlen weiter so nach oben bewegen.

Wilfried Mütterlein: Ich hoffe, dass man beim nächsten Mal die besonderen Randgruppen weiter betreuen kann. Es wäre nicht gut, wenn wieder psychosoziale Einrichtungen geschlossen werden.

Corona stärkt auch die Gemeinsamkeit, glaubt der Mindelheimer Nervenarzt Dr. Wilfried Mütterlein

Es war für viele Senioren in den Heimen im Frühjahr sehr belastend, weil sie von ihrer Familie nicht mehr besucht werden durften.

Wilfried Mütterlein: Ja, das war wirklich traurig. Bei allen notwendigen Einschränkungen sollte man diese Randgruppen nicht vergessen. Das war für die Betroffenen ganz schlimm.

Das gewohnte Leben gibt es seit gut sieben Monaten nicht mehr. Soziale Kontakte sind schwieriger geworden. Die Mund-Nasen-Maske ist zum Symbol für diese Veränderungen geworden. Wohin führt das auf Dauer?

Wilfried Mütterlein: Wissen Sie, das stärkt auch die Gemeinsamkeit. Wir kommen aus dieser Krise nur zusammen heraus. Wenn alle an einem Strang ziehen und zusammenhalten und wir uns auf einen gemeinsamen Weg einigen, dann sehe ich da eine gute Chance. Das wird vermutlich nicht die letzte Krise sein, die wir bewältigen müssen. Wir müssen lernen, zusammenzuhalten in einer freien Gesellschaft. Das ist auch etwas Wertvolles.

Spaltet Corona denn nicht eher? Die Mehrheit akzeptiert die Einschränkungen, weil sie ihr einleuchten. Eine Minderheit protestiert teils vehement dagegen, vor allem auch im Internet.

Wilfried Mütterlein: Es ist wichtig, die Vernünftigen, die Gutwollenden mitzunehmen. Man sollte sie nicht isolieren. Jene, die wirklich ernsthafte Bedenken haben und diese auch sachgerecht vortragen, sollte man mit ins Boot nehmen. Es gibt einige wenige, bei denen wird es nicht gehen. Aber einen guten Teil kann man schon mitnehmen. China ist das Problem Corona sehr autoritär, aber auch sehr effektiv angegangen. Dort zählt das Individuum nichts. Es geht schon auch darum, ob sich eine freie Gesellschaft mit freier Meinungsäußerung bewahren lässt.

Wilfried Mütterlein beschäftigt sich mit der Corona-Pandemie.

Junge Leute sollten nicht dafür kritisiert werden, dass sie feiern wollen, sagt der Mindelheimer Arzt

Aber wie wollen Sie mit Menschen ins Gespräch kommen, die von einer Weltverschwörung sprechen? Politiker und Medien würden alle unter einer Decke stecken, um eine neue unfreie Weltordnung zu schaffen.

Wilfried Mütterlein: Es wird einen kleinen Teil geben, mit denen kann man nicht mitgehen. Manche machen es aus Publicity-Gründen, manchen fehlt die Einsicht. Hier ist die Grenze. Da muss der Staat sagen: Das geht nicht. Aber es gibt einen guten Teil von Kritikern, die man sehr wohl ernst nehmen muss.

Noch etwas haben die ersten Corona-Monate hervorgebracht: Man sucht Sündenböcke. In Garmisch-Partenkirchen wurde eine junge Frau an den Pranger gestellt, weil sie angeblich das Virus in Gaststätten verbreitet habe. Der Vorwurf musste nach Tagen zurückgenommen werden. Laufen wir Gefahr, dass wir Sündenböcke suchen?

Wilfried Mütterlein: Das halte ich für sehr gefährlich. Garmisch-Partenkirchen war eine Vorverurteilung schlimmster Art. Auch junge Leute dafür zu kritisieren, dass sie feiern wollen, halte ich nicht für angemessen. Natürlich will die Jugend mal feiern. Schüler, Studenten, Kindergartenkinder haben große Opfer gebracht, obwohl sie selbst von Corona kaum betroffen sind. Sie haben minimales Risiko. Wenn die mal über die Stränge schlagen, habe ich Verständnis. Viele Jugendliche sind sehr zuvorkommend und hilfsbereit, kümmern sich um ihre Nachbarn oder kaufen für ihre Oma ein.

Bei der großen Pestwelle im Mittelalter wurden Juden als angebliche Brunnenvergifter verfolgt. Sind wir reifer geworden?

Wilfried Mütterlein: Ich glaube schon. Der große Teil der Menschen verabscheut solche Vorverurteilungen.

Bestehende psychische Probleme haben sich durch die Corona verschärft

Sie sind nicht viel in sozialen Netzwerken unterwegs?

Wilfried Mütterlein: Stimmt. Die Frage ist, ob die sozialen Netzwerke wirklich repräsentativ sind. Viele haben keine Lust, sich das anzutun.

Hat Corona zu vermehrten psychischen Erkrankungen geführt?

Wilfried Mütterlein: Bestehende Probleme haben sich verschärft. Einsamkeit ist das Hauptproblem. Für alte Menschen ist das schon sehr hart. Wir haben Einzelfälle gesehen, wo Ehepaare getrennt waren – einer im Altenheim, einer draußen. Auch für Menschen in Behinderteneinrichtungen war es lange Zeit ganz schlimm.

Wie kann Dialog besser funktionieren?

Wilfried Mütterlein: Gut zuhören und keine vorgefassten Meinungen äußern. Das Gemeinsame betonen, den gemeinsamen guten Willen suchen.

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