Leichtathletik

20.06.2015

Nur nicht abheben

Steffen Meyer (Zweiter von rechts)vom SV Breitenbrunn zählt zu den besten Seniorengehern Deutschlands. Erst kürzlich wurde er im italienischen Grosetto über die 30 Kilometer in der Altersklasse AK 45 Vize-Europameister.
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Steffen Meyer (Zweiter von rechts)vom SV Breitenbrunn zählt zu den besten Seniorengehern Deutschlands. Erst kürzlich wurde er im italienischen Grosetto über die 30 Kilometer in der Altersklasse AK 45 Vize-Europameister.
Bild: Archiv Steffen Meyer

Steffen Meyer ist einer der besten Seniorengeher Deutschlands. Der Thüringer, der für den SV Breitenbrunn startet, war aber auch schon Vizeweltmeister in einer anderen Sportart.

Wenn am Samstag um 15 Uhr in Breitenbrunn der Startschuss für die süddeutsche Meisterschaft der Geher fällt, dann hat der gastgebende SV Breitenbrunn ein heißes Eisen im Feuer. Steffen Meyer, 48, zählt nämlich zu den besten Seniorengehern des Landes und startet seit 2013 für den Unterallgäuer Verein in dieser Sportart. Wir haben mit dem Thüringer vor seinem „Heimwettkampf“ gesprochen.

Herr Meyer, Sie gehören zu den besten Gehern in Ihrer Altersklasse. Dabei haben Sie ja vergleichsweise spät mit diesem Sport angefangen.

Steffen Meyer: Ich war ursprünglich Läufer, war in der damaligen DDR zu Jugendzeiten sogar als Mittelstrecken- und Hindernisläufer in der Sportschule Erfurt. Als Hindernisläufer war ich 2005 sogar Vizeweltmeister. So ab dem Jahr 2008 habe ich aber immer mehr Achillessehnenprobleme bekommen. Da war dann Gehen zunächst eher der Ausgleichssport.

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Wie schwer ist denn die Umstellung vom Läufer zum Geher?

Meyer: Die Umstellung ist mir überraschend gut gelungen. Ich habe im Oktober 2009 angefangen zu gehen, bin im Januar 2010 zur deutschen Meisterschaft gefahren und bin in der Altersklasse AK 40 auf Anhieb Vizemeister geworden.

Gab es wirklich gar keine Schwierigkeiten? Immerhin ist Gehen ja technisch äußerst anspruchsvoll.

Meyer: Sie meinen die Regel, dass beim Gehen kein für das menschliche Auge sichtbarer Verlust des Bodenkontakts vorkommen darf. Nein, die Technik war nicht das Problem. Aber ich hatte zu Beginn ständig Muskelkater im Schienbeinbereich. Das dauerte bestimmt ein Jahr, bis die für das Gehen beanspruchten Muskeln richtig aufgebaut waren.

Und disqualifiziert wurden Sie auch noch nie?

Meyer: Nein. Verwarnt schon, aber noch nie disqualifiziert. Es wird ja allgemein selten mit Vorsatz betrogen. Oft sind es zwei Dinge, die einen Geher „abheben“ lassen, wie wir es sagen. Entweder der Überehrgeiz zu Beginn des Wettkampfs. Deswegen stehen auch am Anfang viele Schiedsrichter und passen genau auf, ob die Technik eingehalten wird. Oder am Ende, wenn die Kraft nachlässt. Dann geht man unsauber.

Sie leben in Suhl in Thüringen, starten aber bei Wettkämpfen für den SV Breitenbrunn. Wie kam es denn dazu?

Meyer: Ich war in meinem Verein der einzige Geher. Und auf Dauer machte es einfach keinen Spaß, immer nur alleine zu Wettkämpfen zu fahren. Anfangs hatte ich noch die Illusion, dass ich eine eigene Gehergruppe gründen könnte. Doch daraus wurde nichts. Dann habe ich mich eben umgeschaut, wo es Vereine gibt, die den Sport anbieten.

Die sind sicherlich rar gesät.

Meyer: Ja, Gehen ist nicht so populär. Aber in Breitenbrunn hat es gepasst: Ich passe vom Alter her ganz gut in die Gruppe, man fährt gemeinsam als Mannschaft auf Wettkämpfe und ich verstehe mich mit den Maiers (Die treibenden Kräfte in Breitenbrunn heißen Felix, Andrea und Joachim Maier, Anm. d. Red.) sehr gut. Liegt wohl am Namen...

Wie oft sehen Sie sich denn?

Meyer: Ich bin im Jahr ein-, zweimal in Breitenbrunn. Am Wochenende auch wieder, wenn der Verein die süddeutsche Meisterschaft ausrichtet. Ansonsten treffen wir uns bei nationalen und internationalen Wettkämpfen.

Was war denn bislang Ihr größter Erfolg als Geher?

Meyer: Ich bin in der Altersklasse AK 45 2012 Vizeweltmeister in Finnland geworden. Der ganz große Titel fehlt also noch.

Der kommt dann in Kürze, wenn Sie altersbedingt in die nächsthöhere Altersklasse wechseln und dort der Jüngste sind?

Meyer: Da darf man sich nicht täuschen lassen. Es gibt richtig gute Geher, auch ältere. Es kommt auch immer etwas darauf an, wer bei den Wettkämpfen dabei ist. Es kann nicht jeder überall dabei sein.

Wegen der körperlichen Anstrengung?

Meyer: Nein, wegen des Aufwands. Seniorengeher zahlen ja alles selbst: die Reisen, die Spesen. Dann müssen sie für die Zeit der Wettkämpfe Urlaub nehmen. Es ist oft eine Frage der Örtlichkeit. Findet eine Weltmeisterschaft nun in Brasilien oder in Europa statt?

Verwässert das nicht etwas die Einordnung von Erfolgen?

Meyer: Nein, man will sich natürlich immer mit den Besten messen. Medaillen werden ja auch nicht verschenkt. Ich trainiere für meine Erfolge sechs Mal die Woche, gehe also beinahe jeden Abend zwischen zehn, 15 oder 20 Kilometer. Man weiß schon, was man leistet.

Wie ist es um die Konkurrenz am Samstag bestellt? Würden Sie sich als Favorit auf den süddeutschen Meistertitel sehen?

Meyer: Mit Andreas Janker ist ein herausragender Geher dabei. Ich denke, dass er der Favorit ist. Ich werde um Platz zwei kämpfen.

Nun ist Gehen ja auch ein olympischer Sport, fristet aber dennoch ein Nischendasein. Fühlen Sie sich manchmal an den Rand gedrängt?

Meyer: Ja, unser Sport ist schon etwas unterbewertet. Vor 20 Jahren sind bei Wettkämpfen durchaus noch Tausende Zuschauer an der Strecke gestanden. Es gab auch viel mehr Teilnehmer. Wenn ich heute trainiere und mich Kinder sehen, höre ich oft: „Wie rennt denn der?“ Die kennen den Sport gar nicht, weil auch das Fernsehen kaum etwas überträgt.

Sollte es trotzdem Interessenten für den Gehsport geben – was würden Sie einem Neuling als erstes beibringen?

Meyer: Ein Neueinsteiger müsste auf jeden Fall eine gute Beweglichkeit haben. Gymnastische Grundlagen und auch ein koordinatives Talent müssen vorhanden sein. Wenn jemand total steif ist, würde ich ihm abraten.

Und wie würden Sie für den Gehsport werben?

Meyer: Gehen ist eine schöne Sportart, bei der man sich kaum verletzt. Beim Laufen hatte ich früher immer Probleme mit der Achillessehne. Beim Gehen habe ich mich dagegen noch nie irgendwie verletzt.

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