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Unterallgäu

24.01.2020

Prozess: Die Pächterin rettete Tiere aus dem brennenden Stall

Als Zeugen vor dem Landgericht sagten am neunten Prozesstag neben mehreren Polizisten auch die Pächterin des Stalls und ihr Ehemann aus.
Foto: Kraus

Plus Als Zeugin schildert die Pächterin im Unterallgäuer Brandstiftungs-Prozess die dramatischen Ereignisse der Nacht. Nicht jedes Tier überlebte das Feuer.

Seit Ende November stehen ein 48-Jähriger und seine 79-jährige Mutter wegen vorsätzlicher Brandstiftung vor Gericht: Sie sollen dafür verantwortlich sein, dass am 25. Februar 2019 der Stall ihres landwirtschaftlichen Anwesens im nördlichen Landkreis Unterallgäu in Flammen aufging. Dramatische Szenen müssen sich zugetragen haben; das wird in der Zeugenaussage der Pächterin deutlich, die ihre Tiere in dem Stall der beiden Angeklagten untergestellt hatte.

Die Frau schildert am Nachmittag des neunten Prozesstages vor dem Memminger Landgericht, wie sie auf das Feuer aufmerksam wurde. Sie rannte in den Stall, um ihre Pferde zu retten. Als sie das brennende Gebäude zum dritten Mal betrat, stürzten bereits Teile der Decke ein. Ihr Ehemann und ein Betriebshelfer kamen ihr zu Hilfe: Sieben Pferde und vier Galloway-Rinder konnten sie aus dem brennenden Stall treiben. Der Zuchthengst aber starb durch das Feuer, zwei weitere Pferde wurden schwer verletzt.

Die Pächterin wurde selbst verletzt, leidet heute noch unter Schlafstörungen

Die Pächterin selbst erlitt eine Rauchgasvergiftung, die ihr noch Monate später zu schaffen machte. Ihre Schlafstörungen halten bis heute an. Sie braucht psychotherapeutische Hilfe. Als Nebenklägerin wird die Frau von Rechtsanwalt Sebastian Glathe aus Freiburg unterstützt. Dass sie bei ihrer Aussage emotional angefasst ist, wird klar, als ihr der Verteidiger Ulrich Swoboda einen Facebook-Eintrag vorhält, in dem die beiden Angeklagten beleidigt und auf das Übelste beschimpft werden. Die Pächterin muss zugeben, dass der Eintrag von ihr ist.

Ihr Ehemann berichtet vor Gericht von Gesprächen und Streitigkeiten mit dem Vermieter, dem 48-jährigen Angeklagten. Er sei eigentlich immer betrunken gewesen und habe mal dieses und dann wieder jenes erzählt. Einmal habe er im Vorfeld des Brandes gesagt, dass man „am besten alles niederbrennen und neu aufbauen“ sollte.

Welche Rolle die Kameraüberwachung im Brandstiftungs-Prozess spielt

Bei allen Befragungen immer wieder ein Thema ist die von den Pächtern im Stall installierte Kamera zur Überwachung der trächtigen Pferde. Sie hat jedoch nicht aufgezeichnet, sondern die Bilder lediglich live auf das Handy der Pächterin übertragen, wenn die Übertragung denn funktionierte. Und das war offenbar nicht immer der Fall.

Die Bilder einer anderen Überwachungskamera, die bereits an vorherigen Prozesstagen gezeigt wurden, belasten hingegen die 79-jährige Angeklagte. Sie soll laut Anklage auf Geheiß ihres Sohnes den Stall angezündet haben, um so Geld von der Versicherung zu bekommen. Der 48-Jährige hatte nur wenige Tage vor dem Brand eine Feuer- und Sturmversicherung abgeschlossen. Zufall oder Versicherungsbetrug?

In der Verhandlung stupft der 48-jährige Hofbesitzer, der derzeit in Untersuchungshaft sitzt, hin und wieder die Verteidiger Anja Mack und Ulrich Swoboda an und spricht mit ihnen. Unentwegt schiebt er ein vor ihm liegendes Schriftstück hin und her. Ab und zu schüttelt er ungläubig den Kopf. Seine Mutter dagegen sitzt den ganzen Verhandlungstag über nahezu ohne jede Regung, scheinbar in sich versunken, auf der Anklagebank, den Kopf in die linke Hand gestützt. Beide Angeklagte würdigen sich keines Blickes. Die zweite Strafkammer des Landgerichts unter Vorsitz von Richterin Sabine Schuhmaier gibt sich indessen erkennbar große Mühe, die Wahrheit in dem Fall herauszufinden.

Der Verteidiger ist mit den Aussagen der Polizisten nicht einverstanden

Am Vormittag dieses neunten Prozesstags musste sich das Gericht jedoch erst mit einem Antrag von Verteidiger Ulrich Swoboda beschäftigen. Dieser hatte gleich zu Beginn beantragt, einen Polizeibeamten, der bei der ersten Vernehmung der 79-Jährigen zugegen war, nicht zu diesem Komplex zu hören. Die Frau sei nicht wie vorgeschrieben belehrt worden, deshalb unterliege die Vernehmung einem Beweisverwertungsverbot. Im Laufe der Sitzung stellte er den gleichen Antrag noch einmal für den Beamten, der die Frau vernommen hatte. Die Kriminalpolizisten hätten die damals ahnungslose Angeklagte überrumpelt und ohne Belehrung mit dem Tatvorwurf konfrontiert, begründete Swoboda seinen Antrag. Die 79-Jährige habe sich, da „ihr Hof voller Polizeibeamter war“, in einer psychischen Ausnahmesituation befunden, was ein Gutachter bestätigen könne.

Beide Beamte der Kripo Memmingen wurden deshalb in den Zeugenstand gerufen. Sie räumten ein, dass sie am 28. März 2019 durchaus mit dem Ziel auf den Hof gefahren seien, der Frau vorzuhalten, dass man sie für die Brandstifterin hält. Dann schilderten sie nacheinander übereinstimmend, wie sie auf die 79-Jährige getroffen seien und sie sehr wohl über ihre Rechte belehrt hätten.

Verteidiger Swoboda hakt nach: Obwohl rund zehn Monate seit der Vernehmung vergangen sind, will er von den beiden Zeugen möglichst den genauen Wortlaut des Dialogs mit der Angeklagten hören. Denn die Beschuldigte hatte den Kriminalbeamten gegenüber angegeben, den Brand gelegt zu haben. Schließlich sei sie ja immer an allem schuld, hatte sie damals sinngemäß gesagt. Der Polizist wertete die Aussage allerdings „nicht unbedingt als Geständnis, vielmehr als sarkastische Bemerkung“, sagte er nun vor Gericht. Am Ende kam die Strafkammer der Bitte von Oberstaatsanwalt Markus Schroth nach, den Antrag des Verteidigers auf ein Beweisverwertungsverbot abzulehnen.

Im Februar geht der Prozess gegen den Sohn und seine Mutter weiter

Anfang Februar wird der Prozess fortgesetzt – dann vermutlich mit der Aussage eines Betriebshelfers, auf dessen Worte die Verteidigung offensichtlich großen Wert legt. Der aus Serbien stammende Mann kam erst am Tag vor dem Brand auf den Hof und hält sich längst wieder in seinem Heimatland auf.

Hier gelangen Sie zu den Berichten über die vorherigen Sitzungstage im Brandstiftungsprozess:

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