Newsticker

Auswärtiges Amt warnt vor Reisen in die belgische Provinz Antwerpen
  1. Startseite
  2. Lokales (Mindelheim)
  3. Raus aus dem Sumpf der Alkoholsucht

Bad Wörishofen

19.07.2020

Raus aus dem Sumpf der Alkoholsucht

In der Beratung von Suchtkranken und deren Angehörigen sieht Claus-Peter Apfel seine Aufgabe. Der 65-Jährige leitet die Selbsthilfegruppe in St. Ulrich in der Gartenstadt und hat selbst einen jahrzehntelangen Weg als Süchtiger hinter sich.
Bild: alf

Plus Der Ramminger Claus-Peter Apfel leitet die Kreuzbund-Gruppe St. Ulrich in der Bad Wörishofer Gartenstadt. Als trockener Alkoholiker weiß er, wie hart der Weg aus der Sucht sein kann – aber auch, wie beglückend.

Viele Türkheimer kannten Claus-Peter Apfel, jahrzehntelang lebte und arbeitete der heute 65-Jährige an der Wertach – und war in einigen Kneipen ein gern gesehener und immer trinkfester Gast. Heute bezeichnet Claus-Peter Apfel diese Zeit selbst als „Sumpf der Abhängigkeit von Glücksspiel, Alkoholsucht und starkem Nikotingenuss“.

Selbsthilfegruppe für Suchtkranke trifft sich immer dienstags in Bad Wörishofen

Seit Anfang des Jahres ist er im Ruhestand und kehrte wieder ins Unterallgäu zurück, lebt heute in Rammingen und hat es sich selbst zur Aufgabe gemacht, anderen Süchtigen dabei zu helfen, den Weg in ein „Leben ohne Suff“ zu finden: Als Leiter der Selbsthilfegruppe des Kreuzbundes trifft er sich einmal in der Woche immer dienstags von 19 bis 21 Uhr in St. Ulrich in Bad Wörishofen in der Gartenstadt (Litauenplatz 1) – mit „Respekt und Distanz“, wie Claus-Peter Apfel betont. Und vor allem: Mit der Sicherheit für alle Teilnehmer, dass sie sich hier auf absolute Schweigepflicht verlassen können: „Das gesprochene Wort sowie das Wissen daraus unterliegt der Schweigepflicht und verlässt den Gruppenraum nicht“, verspricht Apfel.

Claus-Peter Apfel weiß es aus eigener, leidvoller Erfahrung, wie schwer es ist, aus dem Teufelskreis der Alkoholsucht zu entkommen – und er weiß auch nur allzu gut, wie schnell es gehen kann, den Boden unter den Füßen zu verlieren: keiner geht mit Absicht in die Abhängigkeit“, so Apfel. Und: „Die Spirale geht dann immer nur in eine Richtung: Nach unten“.

Raus aus dem Sumpf der Alkoholsucht

So war es auch bei ihm, der wie so viele Alkoholabhängige erst dann „auffällig“ wurde, als es beinahe schon zu spät war für eine Kehrtwendung. Und alle hätten damals unter seinem Missbrauch gelitten, vor allem natürlich seine Frau, seine Kinder, die Familie, Freunde, Verwandte, Arbeitskollegen. Und erst als er nach eigener Aussage „mit der Schnauze ganz tief im Dreck“ gelandet sei – da habe er erkannt, dass er nicht nur sein eigenes Leben mit seiner Sucht in Gefahr bringt.

Beim Kreuzbund fand er Hilfe, einen Weg aus der Sucht zu finden. Heute hilft er selbst Suchtkranken dabei

Es war um seinen 50. Geburtstag herum, als er sich entschlossen hat, eben dieses „Vegetieren“ zu beenden. Er wählte für sich den Weg der qualifizierten Entgiftung für zehn Tage auf der geschlossenen Abteilung im Christopsbad Göppingen, anschließend vier Wochen Motivationstherapie auf einer „Offenen Station“.

Nach sechs Wochen ging es dann „zurück in den Alltag“ – und das war für ihn der schwerste Schritt, wie Claus-Peter Apfel heute weiß. Er musste auch hier Abstand schaffen zu dem Umfeld, in dem er sich jahrzehntelang als Alkoholiker einen Schutzschirm aufgebaut hatte. Viele „gute alte Freunde“ gingen dadurch verloren, doch dies habe er in den meisten Fällen weniger als Verlust denn vielmehr als Befreiung empfunden.

Gut, dass dann noch einmal vier Monate in der Fachklinik Schönau eine Langzeit-Therapie zu absolvieren war, eine ambulante Nachsorge schloss sich an. Er habe diesen Weg gewählt, weil er gespürt habe, dass für ihn nur eine Therapie mit ärztlicher und psychologischer Betreuung langfristig etwas bringt.

Der Austausch in Selbsthilfegruppen war für ihn von Beginn seiner Therapie an eine wichtige Stütze: Vor allem die Erkenntnis, nicht der einzige Süchtige zu sein, öffnete ihm die Augen.

Er musste sich plötzlich nicht mehr schämen, weil er erkannte, dass sein Problem mit dem Alkohol ein Problem ist, das viele andere Menschen auch betrifft und häufig dafür sorgt, dass die Süchtigen ihr Leben damit zerstören.

2007 lernte er nach diversen anderen Gruppen den Kreuzbund kennen und fand hier auf Dauer seine Heimat und Betreuung in der Selbsthilfe. Jahrelang war er im Raum Aalen für den Kreuzbund aktiv, seit drei Jahren lebt der gebürtige Franke in Rammingen und hat die örtliche Selbsthilfegruppe des Kreuzbundes in Bad Wörishofen ins Leben gerufen, die er inzwischen leitet und in der wirklich jeder willkommen ist.

„Die Gruppe lebt von der gegenseitigen Offenheit des Erlebten und den Erfahrungen von anderen. Die absolute Schweigepflicht innerhalb des Raumes ist verbindlich und garantiert den Schutz jedes Einzelnen“, betont Apfel.

Die Gruppe befindet sich im Aufbau und ist offen für Frauen und Männer. Die Zusammenarbeit mit der beruflichen Hilfe, den Suchtberatungen der AWO-Mindelheim und Caritas Kaufbeuren mit der Außenstelle Buchloe, sowie dem Bezirkskrankenhaus in Kaufbeuren sind wichtige Bestandteile der Hilfe, so Apfel.

Lesen Sie dazu auch: Reden wir über das Leben mit Alkoholikern!

Hier werde auch zwischen Patient und Beratung entschieden, welche Therapieform für den individuellen Fall am erfolgreichsten scheinen und in das Lebenskonzept des Klienten passen. Selbstverständlich bestehe zwischen den Anbietern ebenso Schweigepflicht.

Nicht nur Betroffene und Abhängige sind hier willkommen, sondern auch Angehörige und Freunde von Suchtkranken, denn auch das hat Claus-Peter Apfel aus eigener Erfahrung gelernt: „Gerade diese Gruppe hat ein Recht darauf, über bestimmte Abläufe und Verhaltensweisen bei den Verwandten, Partnern und Freunden einen Einblick und etwas mehr Verständnis zu bekommen“.

Weil er selbst weiß, wie hilfreich der Halt einer Gruppe sein kann, gibt er seine Erfahrungen gerne an andere Betroffene weiter: „Ich begrüße in unserer Gruppe gerne Klienten aus allen Suchtbereichen, da der Therapieansatz bei allen Verlangensarten gleich ist. Die größte eigene Erfahrung bringe ich allerdings im Bereich Alkohol, Nikotin und Glücksspiel mit“.

Die Selbsthilfegruppe Kreuzbund St. Ulrich trifft sich immer dienstags von 19 bis 21 Uhr. Anmeldungen auch kurzfristig unter Telefon 08245/7744883, Mobil 0152/03401634 oder E-Mail info@kreuzbund-st-ulrich.de

Lesen Se dazu auch: Was Sucht mit Sehnsucht zu tun hat

Themen folgen

Sie haben nicht die Berechtigung zu kommentieren. Bitte beachten Sie, dass Sie als Einzelperson angemeldet sein müssen, um kommentieren zu können. Bei Fragen wenden Sie sich bitte an moderator@augsburger-allgemeine.de.

Bitte melden Sie sich an, um mit zu diskutieren.

Das könnte Sie auch interessieren