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Mindelheim

23.02.2021

Reichsgründung 1871: Mindelheimer auf Beutezug in Frankreich

Vor 150 Jahren wurde das Deutsche Reich gegründet. Im Mindelheimer Heimatmuseum erinnert dieses Franzosen-Käppi an diese Zeit. Die Mütze stammt aus dem Deutsch-französischen Krieg von 1870/71.
Bild: Markus Fischer

Plus Vor 150 Jahren ging der Deutsch-Französische Krieg zu Ende und das Deutsche Reich wurde gegründet. Wie die Menschen im Unterallgäu auf die Reichsgründung reagiert haben.

Der Deutsch-Französische Krieg 1870/1871 gehört aus heutiger Sicht eher zu den vergessenen Konflikten, gemessen an den Millionen von Toten des Ersten und Zweiten Weltkriegs, die nachfolgen sollten. 180.000 Soldaten ließen auf den Schlachtfeldern 1870/71 ihr Leben, 230.000 wurden verwundet. Opfer wurden auch in Mindelheim beklagt. Im Spital neben dem Kapelleneingang in der Mindelheimer Altstadt befindet sich noch heute eine Gedenktafel. Im Heimatmuseum werden einzelne Käppis aufbewahrt, die Soldaten aus dem Krieg mit nach Hause gebracht haben. Nach dem Kriegsende 1871 brachen in Mindelheim keine Begeisterungsstürme aus - dennoch wurde ein großes Friedensfest gefeiert.

Der Krieg, der offiziell am 10. Mai 1871 zu Ende ging, war die Geburtsstunde des Deutschen Reiches. Dieses Datum jährt sich heuer zum 150. Mal. In Mindelheim wie im ganzen Bayern hat dieses Ereignis anfangs nur verhaltene Begeisterung ausgelöst. Den Preußen in Berlin empfanden sich die Bayern nicht sehr zugehörig. Der Akt der Reichsgründung hat denn in Mindelheim keine Begeisterungsstürme ausgelöst, wie der Leiter des Heimatmuseums der Stadt Mindelheim, Markus Fischer, berichtet.

Einige Mindelheimer Soldatenfamilien waren in Not geraten

Aus den „Acten des Stadt-Magistrats Mindelheim“ aus dem Jahr 1871 geht hervor, dass einige Soldatenfamilien in Folge des Krieges in Not geraten waren. Ihnen wurde aus städtischen Mitteln Unterstützung gewährt.

Wörtlich heißt es im Protokoll: „An Unterstützungen wurden bewilligt an die dürftigen Familien der Reservisten und Landwehrmänner Johann Baptist Grabherr, Messerschmied 5 Denar; Ludwig Kiefer, Schlosser 6 Denar; August Walter, Maurer 4 Denar; Aloys Fackler, Buchdrucker 3 Denar; Jacob Maerz, Maurer 4 Denar für die Zeit vom 21. November 1870 bis 21. Januar 1871 an die Familien von Georg Demmler, Spängler 6 Denar; Martin Schwank, Schlosser, 4 Denar für die Zeit vom 21. Dezember 1870 bis 21. Januar 1871 und für die Familie des Baders Karl Becherer 5 Denar für die Zeit vom 28. November 1870 bis 28. Januar 1871.“

Am 24. Februar 1871 wurde beschlossen, ein Friedensfest in Mindelheim abzuhalten. Am 6. April 1871 legte der Magistrat nach. Aus Anlass der Feier des Friedensschlusses wurde verfügt, auf dem Gemeindeplatz, die „Saulache“ genannt, eine Friedenslinde zu setzen. Dieses Friedensfest fand dann am 13. März 1871 gemeinsam mit der Kirche statt. Auch Menschen aus der Umgebung strömten nach Mindelheim. Redner betonten die Wiedererrichtung des Deutschen Kaiserreiches und die „Wiedergewinnung geraubter Gebiete“. Die Heller’sche Kapelle spielte frühmorgens einen Festgruß, die Pfarrkirche konnte die Volksmenge kaum fassen.

Auf dem Mindelheimer Gemeindeplatz wurde ein Friedensfest abgehalten

Am Nachmittag um 3 Uhr setzte sich der Festzug vom Kommandantschaftsgebäude aus in Bewegung, die Schuljugend war ebenso vertreten wie das Häuflein Veteranen, die Vereine mit ihren Fahnen und Standarten, die hiesigen königlichen Beamten, die Geistlichkeit, Bürgermeister und Magistratskollegien und Feuerwehr-Abteilungen.

Lehrer Johann Nepomuk Trieb rühmte in „bündigen und markigen“ Worten „den Sieg über den „Erbfeind“ und die Segnungen des Friedens. Es waren auch viele Transparente zu sehen. Als Höhepunkte der Feier gab es noch eine abendliche Serenade auf dem Marktplatz, später noch „bengalische Feuer auf den Türmen der Stadt, Feuerräder und Raketen, die dem gestirnten Nachthimmel ihre Grüße übersandten“.

Preußen gelang es, die süddeutschen Staaten als Verbündete zu gewinnen

Am 19. Mai 1871 wurde die Gründung eines Veteranenvereins beschlossen. Zugleich brachten die Stadtväter eine Geldsammlung zugunsten verwundeter oder erkrankter „Krieger“ auf den Weg. Eine Gedenktafel sollte an die Gefallenen erinnern. Zu der militärischen Auseinandersetzung zwischen dem Norddeutschen Bund und Frankreich war es 1870 unter der Führung Preußens gekommen. Auslöser des Krieges war der Streit zwischen Preußen und Frankreich um die spanische Thronkandidatur des Prinzen Leopold von Hohenzollern-Sigmaringen.

Dabei gelang es dem Königreich Preußen, die süddeutschen Staaten für seine Sache zu gewinnen. Bayern trat dem Militärbündnis bei. Am 24. November 1870 jubelten die Münchner, Bayern sei dem deutschen Bunde beigetreten.

Vielerorts wurden in Bayern Denkmäler wegen des Sieges errichtet

Vielerorts wurden in Bayern auf den Sieg über Frankreich „Vaterländische Säulen“, Bismarckdenkmäler oder Straßen mit „Siegesbezug“ errichtet und benannt. So gibt es in München das sogenannte „Franzosenviertel“ am Ostbahnhof mit Straßennamen glorreicher Schlachtorte, in Augsburg ein Bismarckdenkmal und in Mindelheim ist noch die Bismarckstraße als Nebenstraße der Georgenstraße zu finden.

Am 12. April 1871 wurde im Mindelheimer Anzeigeblatt ein Gedicht auf „Mindelheims Friedenslinde“ abgedruckt, das mit dem Satz endete: „Auch wir vertraun seinem lauen Winde den Friedensbaum, die deutsche Kaiserlinde.“

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