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Unterallgäu

17.01.2021

SOS: Hausarzt in Mindelheim dringend gesucht!

Auf dem Papier ist das Unterallgäu zwar aktuell noch gut mit Hausärzten versorgt, in der Praxis sieht das aber teils anders aus. Hinzu kommt, dass viele der Hausärzte dem Ruhestand entgegensehen, Nachfolger aber nicht in Sicht sind.
Bild: dpa

Plus Für Patienten im Unterallgäu ist es keine Selbstverständlichkeit mehr, einen Hausarzt zu finden.

Der Ernst der Lage ist längst erkannt. Schon vor 18 Jahren hat das Wissenschaftliche Institut der AOK auf die Überalterung der niedergelassenen Ärzte im Unterallgäu mit Memmingen hingewiesen. Seit Jahren machen Ärztevertreter und Kommunalpolitiker auf die schwieriger werdende ärztliche Versorgung auf dem Land aufmerksam. Davon ist auch die Kreisstadt Mindelheim nicht ausgenommen. Zwar war es zuletzt gelungen, Nachfolger für einzelne Praxen zu finden. Jetzt verschärft sich die Lage aber, weil eine Praxis Mitte Januar geschlossen hat.

31 Jahre lang bestand die Praxis Dr. Manfred Möllinger und Dr. Sigrid Horn. Vom 18. Januar an finden in der Praxis keine Sprechstunden mehr statt. Die Patienten müssen sich nun nach einem neuen Hausarzt umsehen. Das wird nicht einfach werden, sagt der stellvertretende Vorsitzende des Ärztlichen Kreisverbandes Memmingen-Mindelheim, Dr. Heinz Leuchtgens aus Bad Wörishofen. In Memmingen seien zwölf Hausarztpraxen unbesetzt. „Meine Kollegen sind alle extrem überlastet.“

Auf dem Papier ist der Bereich Mindelheim sogar mit Hausärzten überversorgt

Der Ärztliche Kreisverband beobachtet die Entwicklung seit Jahren. „Wir sehen uns durch zahlreiche Rückmeldungen aus der Bevölkerung in unserer kritischen Einschätzung bestätigt.“ Die Situation sei bayernweit überall ähnlich bedrohlich und für alle Beteiligten schon länger absehbar gewesen, sagte Leuchtgens.

Immer wieder hätten Ärzteverbände darauf hingewiesen. Allerdings seien bisherige Versuche, gegenzusteuern „leider nicht sehr erfolgreich“. Für die Bedarfsplanung ist die Kassenärztliche Vereinigung Bayern (KVB) zuständig. Das ist eine Körperschaft öffentlichen Rechts. Wie aus dem Versorgungsatlas der KVB hervorgeht, liegt der Versorgungsgrad aktuell bei 110,13 Prozent. Damit wäre der Bereich Mindelheim eigentlich überversorgt. Dieses Gebiet umfasst rund 38.500 Einwohner und reicht von Dirlewang im Süden bis Kirchheim im Norden und Tussenhausen/Markt Wald im Westen sowie Pfaffenhausen im Osten.

Nach dieser Auflistung sind insgesamt 26 Hausärzte genehmigt. Mindelheim hat 13, Kirchheim und Pfaffenhausen haben je vier, Markt Wald zwei, Dirlewang zwei und Tussenhausen einen Arztsitz. Das Durchschnittsalter der Ärzte betrage 53,8 Jahre und liegt damit etwas unter dem bayernweiten Schnitt von 55,2 Jahren.

Bürgermeister und Landrat können wenig gegen den Ärztemangel unternehmen

Der Ärztliche Kreisverband interpretiert die Daten der KVB zum Raum Mindelheim so, dass die zugrunde gelegten Zahlen nicht immer die aktuelle Situation widerspiegelten. Auch weiter entfernte Praxen würden mitberechnet. Auch spielt nach Ansicht von Dr. Leuchtgens „der Wunsch nach Ausdünnung der kleineren Praxen zugunsten von Gemeinschaftspraxen bei den Krankenkassen und der Politik eine gewisse Rolle bei der Bedarfsplanung“.

Die Politik hat das Thema schon seit Jahren auf dem Schirm. Die Möglichkeiten von Bürgermeistern und Landräten sind allerdings beschränkt. Angebote, bei der Suche nach geeigneten Praxisräumen oder bei der Wohnungssuche zu helfen, sind nach Auffassung von Leuchtgens nicht ausreichend, so lange das Berufsbild selbst nicht durch Abbau von Bürokratie attraktiver werde. Zu diesem Thema hat Landrat Alex Eder für unsere Region zu einem runden Tisch im März eingeladen.

Bürgermeister Stephan Winter hat die ärztliche Versorgung ganz oben auf der Agenda stehen. Vor eineinhalb Jahren äußerte er gegenüber der MZ, in spätestens vier, fünf Jahren werde rund die Hälfte der noch aktiven Hausärzte in Mindelheim in den Ruhestand gewechselt sein. Es müsse also gelingen, junge Ärzte für Mindelheim zu begeistern, soll die Versorgung der 14.000-Einwohner-Stadt nicht leiden.

Wenn ein Hausarzt aufhört, braucht man heutzutage nicht nur einen, sondern am besten zwei Nachfolger

Häufig reicht es aber nicht, einen ausscheidenden Arzt durch einen jungen zu ersetzen. Das Berufsbild der Mediziner hat sich verändert. Es ist weiblicher geworden. Junge Frauen wollen nicht nur in ihrem Beruf aufgehen. Sie wollen Familie und Beruf miteinander vereinbaren.

In der Konsequenz bedeutet das: „Wenn ein Arzt aufhört, brauchen wir heute zwei Nachfolger“, sagt Winter. Nur so lassen sich neue Arbeitszeitmodelle entwickeln.

Eine eigene Praxis zu führen, ist für immer weniger junge Ärzte ein attraktives Ziel. Sie wollen nicht Unternehmer sein, sondern bevorzugen eine Anstellung und wollen vor allem als Ärzte arbeiten und möglichst wenig mit Organisatorischem zu tun haben. Der Bürgermeister sieht die Zukunft in einem Ärztehaus. Die dort tätigen Mediziner sollten von Managementaufgaben entlastet werden. Mit Abrechnungen hätten sie dann nichts zu tun und müssten auch keine Vertretung im Krankheitsfall einer Sprechstundenhilfe organisieren.

Nach Corona soll es ein Treffen aller Mindelheimer Hausärzte geben

Aktuell teilt Stephan Winter nun auf Anfrage mit, bis Ende 2020 sei der Versorgungsgrad aufgrund der Anzahl der Hausärzte in Mindelheim durchweg sehr gut gewesen und bei über 100 Prozent gelegen. „Sehr erfreulich ist, dass die Ärzte, die in den Ruhestand gingen, Nachfolger gefunden haben, die ihre Praxis weiter betreiben.“ Die Lage werde sich nun aber verschlechtern, weil eine Praxis schließt.

Die hausärztliche Versorgung war voriges Jahr Thema im Stadtrat. Da war auch die Kassenärztliche Vereinigung eingebunden. Zu einem gemeinsamen Treffen aller Mindelheimer Hausärzte ist es wegen der Corona-Pandemie aber nicht mehr gekommen. „Sobald es die Pandemie zulässt, wird ein Gespräch stattfinden“, so Winter. Die Fachärzteversorgung ist laut Bürgermeister Winter in der Kreisstadt weiterhin sehr gut. Zudem beabsichtigt der Klinikverbund Allgäu, den Standort Mindelheim zum Medizincampus auszubauen. „Dies dient auch der langfristigen Sicherung einer guten fachärztlichen Versorgung“, betont der Rathauschef.

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17.01.2021

Eine Lösung wäre schnell da - nämlich die Anzahl der Studienplätze zu erhöhen bzw. den NC zu verringern. Bisher wird dies jedoch von der Staatsregierung in Verbindung mit der Kassenärztlichen Vereinigung verhindert. Weshalb wohl? Jede Zünfteregierung verhindert Konkurrenz und der Einfluss der Kassenärztlichen Vereinigung ist immens. Auch die Krankenkassen haben kein Interesse an mehr Ärzten - das erhöht die Kosten. Siehe Verhältnis Zahnarztstudienplätze - zugelassene Zahnärzte - Kostensteigerung...

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