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Abschied von Mindelheimer Rektor

28.07.2016

Schulschluss nach 54 Jahren

Rudolf Ruf verabschiedet sich nach 40 Jahren von der Grundschule Mindelheim. Bevor er vor zwölf Jahren Rektor wurde, hat er bereits dort unterrichtet. Der Felsbrocken, den er sich von einer seiner Bergtouren mitgebracht hat, wird demnächst umziehen müssen.
Bild: Sandra Baumberger

Rudolf Ruf, der Rektor der Grundschule Mindelheim, geht in den Ruhestand und verrät, was anstrengender ist: eine Horde Grundschüler oder ihre Eltern.

Wenn ein Rektor in den Ruhestand geht, ist diese Frage unvermeidlich: Waren Sie selbst ein guter Schüler?

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Rudolf Ruf: Mit den heutigen Abiturschnitten kann ich nicht mehr mithalten. Ich hatte 2,4 oder so. Und ich war ein kalkulierender Schüler.

Sie haben also gerade so viel gemacht wie nötig war?

Schulschluss nach 54 Jahren

Ruf:(lacht) Nein, immer ein bisschen mehr – weil einen gewissen Puffer hat man ja gebraucht.

Waren Sie ein Musterschüler oder mehr der Typ „Sargnagel“?

Ruf: Ich hab einmal nachsitzen müssen, weil ich in Musik nicht schön singen konnte – angeblich. Und manchmal war ich als Schüler etwas vorlaut und kommentierend – bis ich wieder eins auf den Deckel gekriegt hab. (lacht)

Wann haben Sie gewusst, dass Sie Lehrer werden wollen?

Ruf: Das war eigentlich noch vor dem Abitur. Bei der Berufsberatung wurde Werbung gemacht fürs Lehramt und dann sind ich und acht andere aus meiner Klasse Lehrer geworden.

Hätte es auch Alternativen gegeben?

Ruf: Ja, ich hätte mir auch die Bundeswehr vorstellen können. Bei der Luftwaffe rumfliegen, das wäre schon interessant gewesen. Aber in den 15 Monaten Wehrdienst habe ich mich so geärgert, dass ich gedacht habe: „Ich bleibe keinen Tag länger, als ich muss.“ Und ich wäre beinahe mal Pfarrer geworden. (lacht) Der Trauerzug zur Beerdigung von Kardinal Wendel aus München hat mich vor dem Fernseher so beeindruckt, dass ich als Achtjähriger Pfarrer werden wollte. Meine Eltern hätten mich dann auch beinahe auf eine Schule geschickt, wo man zum Priester herangebildet wird. Es wurden dann aber die Maristen in Mindelheim und die haben mich in Ruhe gelassen.

Ging die Faszination vom Pomp aus, oder auch vom Glauben?

Ruf: „Ich bin schon ein gläubiger Mensch – immer noch. Ich hab sogar mal ein Jahr Religion unterrichtet.“

Ihr Lieblingsfach war das aber nicht?

Ruf: „Nein, die naturwissenschaftlichen Fächer waren mir am liebsten. Den Sport muss ich gar nicht nennen – der gehört allgemein dazu bei mir.“

In welcher Form?

Ruf: „Früher habe ich Fußball und Handball gespielt und war beim Lehrer-Volleyballteam dabei. Vor drei Jahren habe ich aber beschlossen: „Mit 60 macht man keine Mannschaftssportarten mehr.“ Jetzt fahre ich noch Rad und gehe in die Berge.“

Würden Sie rückblickend wieder Lehrer werden?

Ruf: „Ja, doch, das würde ich schon wieder machen.“

Das klingt jetzt ein bisschen zögerlich.

Ruf:(lacht) „Das ist ja jetzt kein Thema mehr, aber ich könnte mir auch vorstellen, Hotelier zu sein, weil ich den Umgang mit Menschen einfach mag. Obwohl – wenn am ersten Abend überlästige Gäste da wären, würde ich die wahrscheinlich rausschmeißen.“ (lacht)

Hätten Sie dann eher ein kleines Familienunternehmen oder ein richtig großes Hotel?

Ruf: Das wäre schon eher eine Kette, damit ich ein bisschen rumkomme in der Welt. Ich verreise gerne und auch weit weg.

Wohin zum Beispiel?

Ruf: Immer in die Berge. Nach Tansania oder Ecuador. Im Herbst fahre ich zum dritten Mal nach Nepal.

Das hört sich nicht nach gemütlichem Bergwandern an.

Ruf: Ach, ich steig nicht mehr so schnell hinauf und brauche halt mehr Zeit, um mich an die Höhe zu gewöhnen.

Was fasziniert Sie so an den Bergen?

Ruf: Da kann ich total abschalten. Ich kann begeistert Berge anschauen.

Sie waren selbst 14 Jahre lang Schüler und 40 Jahre lang Lehrer, zwölf davon als Rektor. Wie hat sich Schule in dieser Zeit verändert?

Ruf: Man kann den Unterricht von damals überhaupt nicht mit dem von heute vergleichen. Das waren auch andere Kinder und andere Eltern. Die Klassen waren bei Weitem nicht so heterogen, wie sie heute sind. Heute treffen wir auf total veränderte Familienstrukturen, einen höheren Migrantenanteil und gestiegene Anforderungen an die Kinder. Die Eltern wünschen sich, dass sie es besser haben als sie – obwohl es den meisten von uns doch sehr gut geht. Da wird dann manchmal um einzelne Punkte diskutiert. Aber der Großteil der Eltern ist immer noch sehr vernünftig.

Was ist anstrengender: eine Horde Erstklässer zu unterrichten oder sich beim Elternabend mit deren Eltern auseinanderzusetzen?

Ruf:(grinst spitzbübisch) Der Elternabend ist nur ein Abend, die Horde hat man ein Jahr lang. Die braucht sicher viel Zeit und Aufwand.

Wie, glauben Sie, wird sich Schule in den kommenden Jahren verändern?

Ruf: Noch mehr Individualisierung in den Klassen wird wahrscheinlich nicht möglich sein – obwohl man nie weiß, was sich die Politik noch einfallen lässt. Die Zuwanderung wird eine der größten Herausforderungen werden und die Betreuung über den Unterricht hinaus wird zunehmen.

Wenn man so lange zur Schule geht wie Sie: Fiebern Sie da dem Schulschluss entgegen oder fürchten Sie sich ein bisschen vor dem letzten Gong?

Ruf: Ich freue mich wirklich drauf. Ich gehe ja schon etwas vorzeitig mit 64 und das war auch schon lange so geplant, deshalb ist das für mich kein Bruch. Und ich glaube, das Beste ist, wenn ich abends ins Bett gehe und nicht mehr denke: „Was wird morgen alles sein?“ Das war manchmal schon belastend.

Was steht jetzt an?

Ruf: Ich habe schon vier Bergtermine, mehr Zeit für meine Enkel und mein Sohn hat mir ein altes Auto besorgt, das in zwei Jahren wieder fahrbereit sein soll. Er ist der Fachmann und ich bin der Laie für die niederen Dienste. Da kann man noch schrauben. Ansonsten lasse ich mich nicht mehr binden und habe alle Ämter abgegeben. Irgendwer ist mal gekommen und hat gesagt: „Du könntest doch noch ...“ Da hab ich gesagt: „Ich könnt gar nichts mehr. Ich werde mich nicht mehr binden lassen.“

Rudolf Ruf ist gebürtiger Unterramminger, in Schöneberg aufgewachsen, lebt seit 1970 in Mindelheim – und wollte eigentlich nie an seinem Wohnort unterrichten. Er ist verheiratet, hat drei erwachsene Söhne und eine sehr abgegriffene, schwarze Schultasche, die für ein Pausenbrot viel zu dünn ist. Tatsächlich hat er schon als Schüler nie eines mitgenommen, sondern sein Taschengeld in Brezen investiert. Schule versteht er als Mannschaftssport: „Es gibt zwar einen Kapitän, aber ohne Mannschaft geht gar nichts.“ Heute wird er verabschiedet. Interview: Sandra Baumberger

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