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Bad Wörishofen

11.09.2018

„Schweigen kann sehr beredt sein“

Das Vier-Sterne-Hotel „Kneippianum“ wird im Herbst dicht gemacht, 68 Mitarbeitern wurde bislang gekündigt. Heute findet ein „Solidaritätsgang“ statt, mit dem die Organisatoren „Haltung und Wertschätzung“ zum Ausdruck bringen wollen.
Bild: alf

Organisatoren des „Solidaritätsgangs“ wünschen sich stilles Gedenken statt einer lauten Demo - und gute Gespräche statt Plakate.

Heute abend um 18.30 Uhr findet in der Kneippstadt eine Premiere statt: Die Bürgerinitiative „Kneippjubiläum 2021“ hat zu einem Solidaritätsgang aufgerufen, um sich dafür stark machen, „Kneipps so bedeutende Stiftung nicht untergehen zu lassen“. Mit dieser demonstrativen Solidaritätskundgebung soll auch die Wertschätzung gegenüber den von der Schließung betroffenen und bedrohten Mitarbeiter deutlich werden.

Dabei weisen die Organisatoren der Bürgerinitiative, Maria Luise Ludl und Regine Glöckner, aber ausdrücklich darauf hin, dass es sich heute keineswegs um eine „Demonstration“ handelt – daher werden alle Teilnehmer auch dringend darum gebeten, auf „das Vorzeigen von Plakaten oder andere Formen öffentlicher Verlautbarungen beim vorgesehenen Gedenkgang zu verzichten“, denn:. „Schweigen kann sehr beredt sein“, sagen die beiden Organisatorinnen.

Der Solidaritätsgang nimmt seinen „Anlauf“ an zwei besonderen Stellen im Heilbad: Um 18.30 Uhr wird einerseits von der Waldkapelle im Stadtgarten sowie zur selben Zeit von der Wandelhalle (Promenadestraße) eine Gruppe losgehen.

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Angeführt werden sie laut Maria Luise Ludl und Regine Glöckner von Vertretern der Bürgerinitiative. Dann führe der Gang in Richtung Sebastianeum und dann über die Gradieranlage Richtung Kneippianum, wo der Solidaritätsgang seinen Abschluss finden soll.

„Plakate und andere Verlautbarungen“ sind unerwünscht

Die Initiatoren des Solidaritätsganges, die Bürgerinitiative Kneippjubiläum 2021, bittet aktuell auf das Vorzeigen von Plakaten oder andere Formen öffentlicher Verlautbarungen zu verzichten. „Der Gedenkgang ist eine von einer privat getragenen Initiative angestoßene Aktion, die aus dem Gedanken von Würde und Hochachtung vor dem Erbe Kneipps entstanden ist“, betonen Maria Luise Ludl und Regine Glöckner: „Wir machen nochmals deutlich, dass dieser Friedensgang keine angemeldete Demonstration, sondern ein Gang in äußerer Stille ist. Daher sind Plakate und Kundgebungen weder vorgesehen, noch erwünscht“.

Mit dem Ordnungsamt und der Polizeidienstelle haben sich die Organisatoren abgestimmt und sind den Verantwortlichen dankbar, wie „umsichtig und zuvorkommend wir von deren Seite im Vorfeld dieser Maßnahme beraten und unterstützt werden“. Dieses Vertrauen möchte die Bürgerinitiative „Kneippjubiläum 2021“ nicht verspielen und würde sich daher „freuen, wenn Menschen auf diesem Gang miteinander und mit uns ins Gespräch kommen. Gute zwischenmenschliche Kommunikation, bescheidenes und – in diesem Falle besonders – stilles und zurückhaltendes Auftreten halten wir für die besten Mittel unserer Wahl Aufmerksamkeit zu zeigen“. Maria Luise Ludl und Regine Glöckner sind sicher: „Die Stille und das Innehalten einer schweigenden Menge kann sehr beredt sein“.

Zeitgleich liest der Stadtpfarrer eine Messe

Zeitgleich mit dem „Solidaritätsgang“ findet um 18.30 Uhr auch eine Heilige Messe in der Fachklinik für Herz-Kreislauferkrankungen und Orthopädie (LVA) statt: Pfarrer Andreas Hartmann wird hier die Messe zelebrieren. Der Ort ist ganz bewusst gewählt: „Hier wurde die Lehre von Pfarrer Kneipp angewandt,“ so Hartmann, der damit auch die Unterstützung der Pfarreiengemeinschaft Bad Wörishofen deutlich machen will. „Ich werde diesen Solidaritätsgang mit der Messe unterstützen und begleiten“. So soll auch die Unterstützung für „alle Menschen, die von der Schließung des Kneippianums betroffen sind“, deutlich werden. Hartmann will sich so aber „vor allem für die Zukunft des Hauses im Sinn von Pfarrer Sebastian Kneipp“ einsetzen: „Über das Gebet möchte ich mich mit den Menschen solidarisieren, die ihren Arbeitsplatz verlieren und Zukunftsangst haben“, betont Hartmann.

Auch kommunalpolitisch schlägt die Schließung des Kneippianums weiter Wellen: Die Stadtratsfraktion der Grünen nennt es „bedauerlich“, dass es zu keiner öffentliche Beratung zur Schließung des Kneippianums komme, so die Grünen-Stadträte Dr. Doris Hofer und Daniel Pflügl in einer Pressemitteilung: „Immer wieder werden wir von Bürgerinnen und Bürgern gefragt, wie die Stadt auf die Schließung des Kneippianums reagiert bzw. reagieren wird. Wir wissen es leider nicht“, wundern sich Hofer und Pfügl über das Schweigen aus dem Rathaus. „Deshalb haben wir Bürgermeister Gruschka gebeten, das Thema kurzfristig auf die öffentliche Tagesordnung der Stadtratssitzung am Mittwoch zu setzen“, so die Grünen-Stadträte. Aber: „Wir bedauern sehr, dass unserer Bitte ohne Begründung nicht entsprochen wurde“.

Bürgermeister will nicht am Solidaritätsgang teilnehmen

Darüber haben Dr. Doris Hofer und Daniel Pflügl kein Verständnis: „Bei einem Ereignis, das die Herzen und Gemüter der Stadt so sehr bewegt, sollte eine zeitnahe Beratung im Stadtrat eine Selbstverständlichkeit sein. Es geht um das Wesen und Seele der Stadt, um unsere Identität als die Original-Kneippstadt, um das Alleinstellungsmerkmal Bad Wörishofens. Eine öffentliche Beratung, was das für die Zukunft bedeutet und wie wir dem Zerbröckeln von Kneipps Erbe entgegenwirken können, halten wir für dringend für geboten“, so Hofer und Pflügl an die Adresse von Gruschka.

Der wollte dies aber nicht auf sich sitzen lassen und hat seinerseits in einer Pressemitteilung erklärt, dass er das Thema wie von den Grünen gefordert kurzfristig im Stadtrat behandeln lasse – aber im nicht-öffentlichen Teil. Auf Grund der Angaben von Verwaltungsdirektor Ansgar Dieckhoff sei „mindestens eine nicht-öffentliche Vorberatung erforderlich“, glaubt Gruschka, denn: „Es geht hier schließlich um vertrauliche Unternehmensdaten, wenn Dieckhoff zitiert werde, dass das Kneippianum seit langem defizitär sei und er von „substanziellen Summen, insbesondere in den letzten sieben Jahren“ spricht“, so Gruschka. Zudem habe er dem Stadtrat Ende August eine Stellungnahme von Dieckhoff zugeleitet, die vorerst eine nicht-öffentliche Behandlung nahelege, so Gruschka.

Der Bad Wörishofer Bürgermeister macht deutlich, dass er die Einschätzung von Dieckhoff teile, dass „gut gemeinte Initiativen möglicherweise kontraproduktiv sind“.

Laut Gruschka seien „die eingeschränkten Möglichkeiten, die die Politik bei solchen Fällen hat“, angesichts der Schließung der Kneipp´schen Kinderheilstätte im Jahr 2002 deutlich geworden. Zudem verbiete es sich, „Erwartungen in der Bürgerschaft zu erwecken, die möglicherweise unerfüllbar sind“.

Er wird daher heute nicht am Solidaritätsgang teilnehmen, denn: „Ein ,Stilles Gedenken an das Erbe Kneipps’ ist ein falsches Signal. Das Erbe Kneipps umfasst viel mehr als das Kneippianum. Seine Naturheilkunde lebt und ist immer noch das Alleinstellungsmerkmal der Kurstadt Bad Wörishofen“. Gruschka: „Es gilt jetzt nach vorne zu schauen, und nicht das Erbe Kneipps zu beerdigen“.

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