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Mindelheim

10.01.2021

Sein Leben verdankt er seiner Hausärztin - und der Beatmungsmaschine

Jörg H. kam als Corona-Patient auf die Intensivstation und berichtet nun über seine Erfahrungen.

Plus Jörg H. musste wegen seiner Corona-Infektion auf der Intensivstation des Mindelheimer Krankenhauses beatmet werden. Was er dort erlebte und wie es ihm jetzt geht.

Jörg H. ist ein sportlicher Typ, den eigentlich so schnell nichts aus der Bahn wirft. Er raucht nicht, lebt gesund und hat in seiner Freizeit als Schlagzeuger viel Bewegung. Dennoch hätte ihn eine Krankheit beinahe das Leben gekostet: Jörg H. (Name auf Wunsch abgekürzt) war einer von 3035 Unterallgäuern, die sich bisher mit dem Corona-Virus infiziert haben. Während so mancher die Virus-Erkrankung mit leichteren Symptomen überwinden konnte, litt der 64-Jährige wochenlang unter den Folgen, die bis heute nicht völlig abgeklungen sind. Er gehörte zu jenen, die auf der Intensivstation des Mindelheimer Klinikums intensivmedizinisch betreut und beatmet werden mussten.

Der Unterallgäuer erzählt seine Geschichte: Inzwischen geht es dem 64-Jährigen besser. Die brennenden Schmerzen unterhalb der Schulterblätter haben ebenso wie die Gliederschmerzen nachgelassen. Sie waren so stark, dass er wochenlang nur im Sitzen schlafen konnte. Auch seine Antriebslosigkeit hat er überwunden. Wirklich gesund ist er auch heute noch nicht. Nach wie vor ist er krankgeschrieben und kann seiner Arbeit nicht nachgehen. Er hat wegen Corona zwölf Kilo Gewicht verloren. Der Geruchs- und Geschmackssinn ist nicht mehr vorhanden. Vor allem aber macht ihm das Treppensteigen zu schaffen. Dann bekommt seine angegriffene Lunge nicht genug Sauerstoff ab. Sein Arzt sagte ihm, er werde noch viel Geduld benötigen, bis er wieder voll auf dem Damm ist.

Sein Sohn hat Jörg H. mit dem Coronavirus angesteckt

Angesteckt hat sich Jörg H. über seinen Sohn. Der Jugendliche macht gerade eine Lehre. Dazu war er für überbetrieblichen Unterricht sechs Wochen lang in einem Kemptener Internat untergebracht. Nach den Allerheiligenferien klagte einer der Schüler über Beschwerden. Und drei Tage später wurden alle in Quarantäne nach Hause geschickt. Zwischenzeitlich hatte ein Test ergeben, dass zwölf der 34 Schüler mit dem Virus infiziert waren.

Unter den Infizierten war auch der Sohn von Jörg H. – nur wusste er das zunächst nicht. Eine Information durch die Behörden war ausgeblieben, sagt H. Daheim hat der Junge dann unwissentlich seine Eltern angesteckt. Während der Verlauf der Krankheit bei der Mutter und bei ihm selbst relativ leicht war, traf es Vater Jörg H. schwer. Die alarmierte Hausärztin reagierte sehr schnell. Sie hatte schon am Telefon erkannt, dass etwas mit der Atmung nicht stimmte, und verständigte den Rettungsdienst. 39 Grad Fieber und viel zu wenig Sauerstoff im Blut zeigten, dass keine Zeit mehr zu verlieren war. Heute weiß Jörg H., dass er dieser Hausärztin sein Leben zu verdanken hat.

Im Memminger Klinikum kam Jörg H. für eine Nacht auf der Intensivstation unter. Plätze in den Kliniken waren kaum noch zu bekommen. Die Computertomografie zeigte, dass die Lunge bereits angegriffen war. Jörg H. bekam wahnsinnige Angst vor der künstlichen Beatmung. Tags darauf wurde er in Begleitung eines Notarztes ins Klinikum Mindelheim verlegt. Dort erhielt er auf der Intensivstation eine „High-Flow-Sauerstofftherapie“. Sechs Liter Sauerstoff pro Minute wurden ihm dabei über eine Maske zugeführt, damit er ausreichend versorgt wurde.

Zehn Tage lang war der Patient auf der Intensivstation in Mindelheim

Zehn Tage lang war Jörg H. auf der Intensivstation. Er hat „unglaublich liebe, engagierte Ärzte, Pflegekräfte und Reinigungskräfte erlebt“, wie er sagt. Die Botschaft war klar: Wir helfen dir. Diese Sicherheit, dass ihm hier nichts passieren könne, hat Jörg H. stark gemacht. Und er wird das all den guten Geistern nicht vergessen.

Zehn weitere Tage verbrachte Jörg H. auf der Quarantänestation. Mitte Dezember, nach dem zweiten negativen Corona-Test, durfte er das Klinikum verlassen und musste sich daheim in häusliche Isolation begeben. Auch da hat er viel Unterstützung erfahren, diesmal von den Nachbarn. „Wir durften ja nicht mehr das Haus verlassen“, erzählt er. Die hilfsbereiten Nachbarn hatten immer wieder nachgefragt, ob sie etwas besorgen können und wie es ihnen geht.

Das waren die positiven Seiten seiner Covid-19-Erkrankung. Was Jörg H. vor dem Hintergrund seiner eigenen Erfahrungen allerdings nicht verstehen kann, ist, wie es immer noch Leute gibt, die dieses Virus auf die leichte Schulter nehmen. Es sei hochansteckend und eben keine übliche Grippe.

Jörg H. wundert sich über das Verhalten der Behörden

Verwundert zeigt er sich aber auch, wie wenig die Behörden auf die steigenden Fallzahlen vorbereitet waren. Von der erwarteten zweiten Welle war schon im Sommer die Rede. Als sie dann da war, hat sie offenbar doch viele überrascht. Niemand kontrollierte seine häusliche Quarantäne. Niemand habe sich nach dem Befinden erkundigt. Und niemand sagte ihm, er solle ein Krankentagebuch führen. Das aber wäre notwendig, um über die neue Krankheit möglichst schnell zu lernen. Die große Hilfsbereitschaft von Pflegern und Ärzten soll deswegen aber nicht in den Hintergrund rücken.

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