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Bad Wörishofen

28.05.2015

Sich stets erinnern und niemals vergessen

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3 Bilder
Diese zwei kleinen Messingplatten sollen künftig die Blicke der Passanten an der Bahnhofstraße auf sich ziehen.
Bild: Andreas Klemm

Auch Bad Wörishofen lässt künftig stolpern. Gunter Demnig verlegte vor dem Reisbergerhaus zwei Stolpersteine

Die Einzelschicksale hinter jedem Stolperstein bewegen den Künstler und Initiator der europaweiten Aktion, Gunter Demnig, noch immer. Und nicht nur ihn. Viele Wörishofer, die zur Verlegung der Stolpersteine gekommen waren, hatten Tränen in den Augen, als Michael Scharpf die Geschichte der Bad Wörishofer Opfer des Nationalsozialismus verlas.

Bereits 1895 sei das Ehepaar Abraham und Rebekka Glasberg mit ihrem Sohn Hermann nach Wörishofen in die Zweigstraße 7 gezogen. „Vermutlich gab die sprunghafte Entwicklung im aufstrebenden Kurort den Anstoß, hier eine neue Existenz aufzubauen, da zunächst eine Pension in der Hildegardstraße betrieben wurde“, erklärte Scharpf, der über zwei Jahre zusammen mit Paola Rauscher die Familiengeschichte recherchiert hat.

Mit Urkunde vom 17. Mai 1901 habe Hermann Glasberg die deutsche Staatsbürgerschaft erhalten und 1903 dann die Kaufmannstochter Emma Schulhöfer aus Buttenheim in Oberfranken geheiratet. Nur wenige Tage später habe das Ehepaar das Warenhaus Glasberg in der Bahnhofstraße 4 eröffnet. Fortan seien dort Stoffe, Kurzwaren, Herren- und Damenkonfektion, aber auch Herrenmaßanzüge verkauft worden.

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Ab 1930 seien die Glasbergs im Reisbergerhaus nicht nur Mieter des Ladens, sondern auch der Wohnung unmittelbar darüber gewesen. Sechs Töchter seien zur Welt gekommen, die Glasbergs hätten als ehrbare Bürger in Bad Wörishofen gegolten. „Bis zum 30. Januar 1933, als sich mit der sogenannten Machtergreifung Adolf Hitlers und der NSDAP der Wind radikal drehte – auch im Kurort“, erzählte Scharpf. „Es waren angesehene Einheimische, die sich in Uniform vor dem Haus aufstellten und jeden notierten, der sich nicht am Betreten des Ladens hindern ließ.

Es habe aber auch Wörishofer gegeben, wie den Bäcker, der heimlich für Glasbergs den koscheren Teig zu Brot backte, oder den Friseur, der zum Haare schneiden abends in den Keller kam, oder den Landwirt, der Milch und Kartoffeln ohne Lebensmittelmarken abgab. Oder den Vermieter, der vor Schlägertrupps warnte und das Mietverhältnis bis zuletzt aufrecht erhielt, obwohl Juden keinen Kündigungsschutz mehr besaßen“, so Scharpf.

Nach einer Verordnung vom Oktober 1938 hätten die Glasbergs dann ihre Pässe abgeben müssen, ab 1. September 1941 seien die Eheleute wie alle Juden gezwungen gewesen, den gelben Stern deutlich sichtbar an ihrer Kleidung zu tragen. Das Geschäft war inzwischen vom früheren Lehrmädchen Fanny Sirch übernommen und weitergeführt worden. „Am 10. August 1942, wurden Hermann und Emma Glasberg deportiert. Zwei ganz normale Bürger unserer Kneippstadt, die nichts verbrochen, die niemandem etwas Böses getan hatten. Es war eine Reise ohne Wiederkehr, eine Reise in die Vernichtung“, so Scharpf sichtlich ergriffen. Über ein Sammellager in Augsburg sei der Weitertransport nach Theresienstadt und am 18. Mai 1944 nach Auschwitz erfolgt. Dort seien sie kurz darauf ermordet worden.

Und wie erging es den Töchtern? Die älteste, Adele, habe in Dresden dank ihrer Ehe mit Erich Pauli, einem Arier, überlebt. Sie sei nach dem Krieg nach Bad Wörishofen zurückgekehrt und habe hier gewohnt, bis sie 1974, nach dem Tod ihres Mannes, ihrem Leben selbst ein Ende gesetzt habe. Ihre Schwester Selma Weissmann wurde mit dem elfjährigen Siegmund nach Auschwitz deportiert und dort ermordet, während ihr Mann nach England flüchten konnte. Hermine Blumenfeld habe rechtzeitig nach England emigrieren können und habe später in den USA gelebt. Flora Wiener sei zusammen mit ihrem Mann Max und der achtjährigen Tochter Margarete am 20. Januar 1942 von Dresden in das Ghetto von Riga deportiert worden, wo sie wenige Wochen darauf gemeinschaftlichen Selbstmord begangen hätten. Elvira Oppenheim, genannt Vera, sei bereits 1928 in die USA ausgewandert und habe bis zu ihrem Tod in Florida gelebt. Martha, die Jüngste, habe sich im Januar 1937 ebenfalls nach Amerika absetzen können und 1941 in New York den deutsch-jüdischen Immigranten Klaus Meyer aus Boppard am Rhein geheiratet. Sie sei 2008 im Alter von 94 Jahren gestorben.

Marthas Tochter Nancy Meyer ist auch extra zur Verlegung der Stolpersteine nach Bad Wörishofen gekommen. Sie dankte allen Initiatoren, der Stadt Bad Wörishofen, den Vertretern der Kirchen, dem Künstler sowie Michael Scharpf und Paola Rauscher. „Danke, dass sie mich gefunden haben! Was geschehen ist, kann man nicht ungeschehen machen. Doch wir können unsere Lehren daraus ziehen“, so Meyer. Ihre Mutter habe ihr immer nur von den schönen Zeiten in Bad Wörishofen berichtet. Vieles über ihre Familie habe sie jetzt erst bei diesem Besuch hier in der Heimat ihrer Eltern und Großeltern erfahren.

„Heimat und Zuhause sind für Menschen ein wichtiger Bezugspunkt im Leben. Die Stolpersteine setzen genau hier an, weil sie Spuren an den Orten hinterlassen, die für sie der letzte Ort eines selbst gewählten Zuhauses waren“, so Zweiter Bürgermeister Stefan Welzel, der davor warnte, den Krieg als „bloße Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln“ zu verharmlosen. Denn die ersten Opfer des Krieges seien Wahrheit und Menschlichkeit. Schuld treffe auch die Kirchen, so Pfarrerin Susanne Ohr. Sie und Kaplan Andreas Hartmann seien gerne der Einladung gefolgt, um auch der Wörishofer Opfer zu gedenken.

Dass Schlusswort hatte Gunter Demnig und seine Ausführungen über die Hintergründe seiner Aktionen gingen nochmals unter die Haut. Mehr als 52000 Stolpersteine in 19 Ländern habe er zwischenzeitlich verlegt und vielen Familientreffen bei den Verlegungen beiwohnen können.

„Eine große Freude ist es für mich immer wieder, wenn ich verfolge, welch großes Interesse Kinder und Jugendliche bei einer Solpersteinverlegung zeigen. Da kann ich drei Morddrohungen in 15 Jahren verschmerzen“, bilanziert Demnig. Auch er verbeugte sich zusammen mit allen Rednern noch einmal vor den zwei Stolpersteinen von Emma und Hermann Glasberg und legte weiße Rosen nieder.

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