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Mindelheimer Hütte

05.06.2016

Sie führen ihr Leben im Dienste der Wanderer

Hüttenwirt Jochen Krupinski und seine Stellvertreter Luzia Kitzelmann und Rainer Müller führen die Mindelheimer Hütte seit fünf Jahren im Team. Von Juni bis Oktober leben und arbeiten sie auf über 2000 Metern. Den Winter verbringen sie im Tal – dort fehlt ihnen das Hüttenleben sehr.
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Hüttenwirt Jochen Krupinski und seine Stellvertreter Luzia Kitzelmann und Rainer Müller führen die Mindelheimer Hütte seit fünf Jahren im Team. Von Juni bis Oktober leben und arbeiten sie auf über 2000 Metern. Den Winter verbringen sie im Tal – dort fehlt ihnen das Hüttenleben sehr.
Bild: Anika Zidar

Auf 2058 Metern bewirten die Hüttenwirte der Mindelheimer Hütte fast wie im Hotel. Nur hinaufkommen muss der Wanderer selbst - zu Fuß natürlich.

Wer Hüttenwirt Jochen Krupinski besuchen will, muss ganz schön was auf sich nehmen – dieser Tage noch mehr als sonst. Zwar ist die Mindelheimer Hütte seit Fronleichnam geöffnet, doch den Weg dorthin bedecken ab 1800 Metern Höhe noch beträchtliche Altschneefelder. Andererseits: Wer eine Tour zur Hütte der Mindelheimer DAV-Sektion auf 2058 Metern plant, der läuft nicht auf gut Glück los. Oder?

Mindelheimer Hütte: Die Materialseilbahn ist hier unverzichtbar

Hüttenwirt Jochen kennt andere Geschichten: „Wir hatten hier auch schon einen Koreaner, der mit Regenmantel und Gummistiefeln hochgekommen ist. Der hat sich dann aber auch mehr für die Technik der Seilbahn als für Berge interessiert.“ Die Materialseilbahn ist die einzige Verbindung der Berghütte ins Tal. Vom Dieselkanister bis zum Toilettenpapier transportiert sie täglich fünf 350-Kilo-Fuhren hinauf. Ob Semmelbrösel für die Knödel, Leberspätzle für die Suppe oder Sahne für die Nachspeise: Alles, was Jochen in der Stube seinen Gästen anbietet, muss über die Seilbahn hochgeschafft werden. Und bei 10 000 Übernachtungen im Jahr ist das nicht nur eine ganze Menge, sondern auch eine große Vielfalt an Produkten und damit ein erheblicher Aufwand.

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Denn die Mindelheimer Hütte liegt auf hochalpinem Gebiet. Bis auf über 2000 Meter führt keine Straße, keine Zahnradbahn und auch kein Gondellift. Den Wanderer tragen durch das Rappenalptal, das Wildental oder das Gemseltal allein die eigenen Füße auf den Berg. Aber das ist auch schon der einzige Umstand, der sich hier oben nie geändert hat.

Jochen ist einer der dienstältesten Hüttenwirte im Allgäu. Seit fast 40 Jahren verbringt der 65-Jährige jeden Sommer auf der Mindelheimer Hütte. Hier lebt und arbeitet er – und im Winter vermisst er die Berge. Sein Handwerk hat er in all den Jahren immer wieder neu am Wesen der Wanderer ausgerichtet. „Früher war das Bergwandern ja noch den gestandenen Mannsbildern vorbehalten“, erinnert sich der Hüttenwirt und lacht: „Die sind damals in meine Stube gekommen, haben ein Bergsteigeressen und ein Skiwasser bestellt und mir ein paar Mark dagelassen.“ Eher einfache Gerichte zur Stärkung nach dem Aufstieg hat Jochen damals serviert. Zu Trinken gab es Bier, Skiwasser und Obstler sowie eine Sorte Rotwein und eine Sorte Weißwein.

Bergwandern hat sich im Laufe der Zeit sehr gewandelt

Heute führen Jochen und sein Team die Mindelheimer Hütte wie ein großes Hotel. Mit den zwei Stellvertretern Luzia Kitzelmann und Rainer Müller und seinen acht Mitarbeitern bewirtet er von Juni bis Oktober Tages- und Übernachtungsgäste. An betriebsamen Wochenenden nächtigen in den Schlaflagern der DAV-Hütte über 200 Wanderer. Sogar 300 Gäste fänden auf der Hütte im Notfall einen Schlafplatz, dann aber mit Isomatten in der Gaststube, sagt Jochen: „Wir sind hier in hochalpinem Gebiet immer auch eine Schutzhütte. Aufnehmen werden wir am Abend im Zweifel jeden Wanderer, ob er die Nacht bezahlen kann oder nicht.“ Mit Kreditkarte kommen Gäste auf seiner Hütte allerdings nicht weit. Allein die Standleitung zur Installation der Geräte wäre enorm kostspielig.

Seine Speisen serviert Jochen den Gästen vom Feinsten. Brotwaren kommen aus Oberstdorf, auch das Fleisch bezieht er aus dem Allgäu und die Nudeln und Teigwaren fertigt das Team auf der Hütte von Hand. Nur wenn es nicht anders geht, kauft Jochen Produkte, die nicht aus der Region stammen. Auf der Speisekarte bietet die Mindelheimer Hütte mittlerweile eine Vielfalt an Lebensmitteln und Getränken – genau das wünscht sich der hungrige Wanderer von heute, sagt Jochen: „Man ist halt einfach gewohnt, dass man heutzutage alles überall bekommt. Und deshalb muss auch ich mehr anbieten, wenn sich die Leute bei mir wohlfühlen sollen.“ Doch den Espresso sucht man auf der Hütte noch vergebens. So eine Siebträgermaschine kommt den Wirten nicht ins Haus, sagt Jochen sehr bestimmt und erklärt: „Die würde so viel Strom brauchen, wie wir jetzt schon mit der Hütte insgesamt verbrauchen!“

Hüttenwirte der Mindelheimer Hütte: Bei Smartphones ein spezieller Humor

Viel öfter als nach der italienischen Kaffeespezialität wird Jochen aber nach etwas anderem gefragt: dem WLAN-Schlüssel. „Früher ist der Gast erschöpft reingekommen und hat sich was zu Trinken bestellt. Heut gehen’s extra in die Berge, um zu entspannen – und sobald sie oben sind, möchten’s sofort wieder für alle erreichbar sein.“ Dafür hat der Hüttenwirt kein Verständnis, zumal es auf seiner Hütte eine Internetverbindung gar nicht gibt. Die Installation und die Netzkosten würden auf 2058 Meter den finanziellen Rahmen sprengen. Und auch bei allem, was mit Smartphones zu tun hat, reagiert Jochen mit einem ganz speziellen Humor. Als „Handyausschalter“ liegt am Hütteneingang ein Hammer bereit, zum Telefonieren schickt Jochen auch seine besten Stammgäste nach draußen. „Ich will, dass die Leute auf dem Berg miteinander ins Gespräch kommen. Mit dem Tal können die sich danach wieder beschäftigen.“

In die Berge zieht es heute weit mehr Menschen als nur Bergfexe, Alpenvereinsmitglieder und Einheimische, sagt Jochen: „Heute kommen viele mit ihren Familien zu mir hinauf. Gerade die Kinder sind einfach toll: So neugierig und verspielt – und oft viel fitter als die Eltern.“ Der einzige Nachteil daran, dass auch aus dem Flachland viele Wanderer auf seine Hütte kommen, sei deren Unbedarftheit. Guten Grundes auch mal jemanden vom Wandern abzuhalten, das gehört für die Hüttenwirte zum Geschäft, sagt Jochen: „Wenn einer mit ganz schlechtem Schuhwerk und einem riesengroßen Rucksack zum Klettersteig aufbrechen will, dann sagen wir dem schon: Hör mal, du gehst jetzt erst ohne Rucksack und nur ein kleines Stück, dann drehst um. Und dann hat sich des meistens schon von selbst erledigt, die bleiben dann schon freiwillig auf der Hütte.“ Überhaupt seien die Menschen aber „viel größere Hosenscheißer“ als früher, findet der Hüttenwirt: „Damals sind sie auf den Berg gestiegen und haben bei Unwetter halt zwei Tage auf der Hütte gewartet. Heute sagt der Wetterbericht ein paar Schauer vorher, da bleiben viele schon weg.“ Doch ganz falsch ist der Respekt vor dem Berg nicht. Denn wer sich auf hochalpinem Gelände bewegt, der weiß besser, was er tut.

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