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Bad Wörishofen

25.08.2020

So bereitet sich Bad Wörishofens Polizei auf Verfolgungsjagden vor

Ist die Polizei im Einsatz, müssen die Beamten am Lenkrad fit sein. Beim Fahrtraining üben die Polizisten – auch bei hohen Geschwindigkeiten – Extremsituationen ein, um im Alltag vorbereitet zu sein. Das Training findet natürlich nicht im fließenden Verkehr statt, sondern zum Beispiel auf einem Flugplatz.
Bild: Ralf Lienert

Plus Über physikalische Puffer, Schüsse während der Fahrt, unrealistische Filmeffekte - und ein "umwerfendes" Erlebnis des Bad Wörishofer Polizeichefs.

Verfolgungsjagden gehören in Filmen oft zu den spannendsten Höhepunkten. In der Realität sind sie vor allem eines: gefährlich. Das sagt Roland Krieger, der als Fahrsicherheitsinstruktor seine Polizei-Kollegen regelmäßig hinter dem Steuer schult. Das zahlt sich etwa aus, wenn Fahrer ohne Führerschein mit 150 km/h versuchen abzuhauen. Krieger verrät, wie die Beamten auf solche Situationen vorbereitet werden. Wie wichtig das ist, betont Bad Wörishofens Polizeichef Thomas Maier: „Wir haben hochmotorisierte Fahrzeuge und viele junge Fahrer, da ist es wichtig, die Fahrphysik zu kennen.“ Die lernte auch Maier selbst kennen – ein Moment, an den er sich heute mit Schmunzeln erinnert.

Damals war er auf dem Trainingskurs der Bereitschaftspolizei Königsbrunn mit einem PS-starken Wagen unterwegs – und legte ihn aufs Dach. Der Unfall passierte in einer Kurve. „Wir sollten mit 60 km/h reinfahren, ich habe es mit 70 km/h probiert“, sagt Maier. Schon war es passiert. Zum Glück habe das Auto schon vorher ausgesehen „wie ein Stuntfahrzeug“, sagt Maier. Ein paar Beulen mehr waren da nicht so schlimm. „Ein Tick zu schnell genügt da schon“, sagt Maier – und zieht die Parallele nach Bad Wörishofen. „Wer hier mit 30 km/h in den Kreisverkehr an der Hochstraße reinfährt, wird schauen, wie er da wieder sicher rauskommt“, sagt der Polizist. „Tempo 30 ist da schon zu schnell.“

So geht Bad Wörishofens Polizei mit dem Thema Fahrausbildung um

Fahrtraining ist wichtig, das sieht auch Maier so. Er schickt pro Jahr sechs bis acht Beamte zum Training. „Jeder soll alle paar Jahre mal drankommen“, sagt Maier. Die Ausbildung mit Roland Krieger erfolgt am Fliegerhorst in Kaufbeuren.

Gleich zu Beginn stellt er eines klar: Sobald eine Verfolgung zur Jagd wird, wird sie abgebrochen. Denn mit dem Jagdfieber komme der Tunnelblick.

„Das macht es gefährlich für Kollegen und Unbeteiligte.“ Ihm selbst sei es vor vielen Jahren mal so gegangen. Nachdem er die Flüchtigen eingeholt und gestellt hatte, fuhr er zurück und bemerkte: An die Strecke kann er sich gar nicht so recht erinnern. „Das hat mir Angst gemacht.“ Meistens merke man es den Kollegen am Funk aber an, wenn das Adrenalin mit ihnen durchgeht, sagt der 50-Jährige. Die Stimme verändere sich, sie würden hektisch. „Dann bricht die Einsatzzentrale die Fahrt ab.“ Das sei wichtig, betont auch Maier. „Bei uns gilt ganz klar: Verfolgung nicht um jeden Preis.“

Am Fliegerhorst werden Extremsituationen geübt

Am Fliegerhorst werden Extremsituationen geübt, auch bei hohen Geschwindigkeiten. „Wenn man das Fahrzeug beherrscht, kann man auch schnell hinterherfahren“, sagt Krieger. Das bringe den Beamten entscheidende Vorteile. Denn: „Der Fliehende will nur weg – der denkt nicht an seinen physikalischen Puffer.“

Die Verfolger dagegen wissen: Wenn die Reifen zu quietschen beginnen oder das Auto in Kurven eine zu große Kurve zieht, müssen sie vom Gas gehen. Manchmal reiche es, am Verfolgten dranzubleiben – bis er sich selbst von der Straße abbringt oder aufgibt, weil sein Adrenalin-Spiegel mit der Zeit sinkt. Hält er dagegen nicht an, überholen die Beamten und verringern dann ihr Tempo, sagt Krieger. Wenn auch das nichts hilft: Dann kommen andere Taktiken zum Einsatz – die dürfe er aber nicht verraten, sagt Krieger und grinst. Dass sich die Fahrertrainings bewähren, betont Thomas Maier.

Früher gab es mehr Dienstunfälle bei der Polizei, nun bewährt sich das Fahrertraining

Die Polizei allgemein habe zu früheren Zeiten recht hohe Zahlen an Dienstunfällen gehabt, berichtet er. Das sei nun anders. Auch wenn es ein Jahr ohne Schrammen eher nicht gebe. „In Bad Wörishofen hatten wir da bislang Glück, es blieb bei kleineren Schäden“, sagt Maier.

In der Fahrausbildung der Polizei gibt es verschiedene Stufen. Fahrsicherheitsstufe 1 erhalte jeder Beamte, sagt Krieger. Trainings für Stufe 1A durchlaufen Mitarbeiter der Fahndungsdienststellen, die häufiger verfolgen müssen. Alles andere sei Sondereinheiten vorbehalten, etwa dem SEK.

Sie trainieren dann beispielsweise auch, während der Fahrt zu schießen. Ob das normale Polizisten etwa nicht dürfen? „Doch – aber sie können es nicht üben.“ Trotz allem sind Verfolgungsfahrten im Allgäu eher selten. „Manchmal geht bei uns aber innerlich schon der Alarm los, wenn einer nicht anhält – und dann stellt sich heraus, dass er es einfach nicht mitbekommen hat.“

Anders als in den USA haben deutsche Polizeiautos deshalb auch keinen Ramm-Schutz, sagt Krieger. In Sachen PS seien sie dagegen „ausreichend“ ausgestattet – mehr wolle er dazu nicht sagen. „Natürlich wird es aber immer mal jemanden mit 300 oder 400 PS geben“, räumt er ein. „Allerdings kann man auch mit 80 PS abhauen, wenn man sein Auto gut beherrscht.“ Wer auf der Straße bemerkt, dass sich von hinten ein Fliehender nähert, solle sich übrigens besser raushalten, rät Krieger. „Da ist kein falscher Heldenmut gefragt.“ Im Zweifel werde man vom Verfolgten weggerammt. Besser sei es, Platz zu schaffen. „Und zwar nicht bremsen und zur Seite fahren – sondern andersherum.“

Ansonsten seien Verfolgungsszenen in Filmen aber oft weitab der Realität, sagt Krieger. Beispielsweise sei es mit heutigen Autos gar nicht möglich, um Ecken zu driften: Dafür müsse die Handbremse die Hinterräder blockieren. Diese sei aber gar nicht auf solche Geschwindigkeiten ausgelegt. „Das sind präparierte Autos und Stunts.“ Schön anzuschauen – aber oftmals nicht mehr als ein „Comic“, sagt Krieger. Und wiederholt: Verfolgungsfahrten sind vor allem gefährlich – wie alles über Tempo 100. „Die Technik suggeriert uns Sicherheit. Aber wenn das Auto ausbricht, sind wir plötzlich nur noch Beifahrer.“

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