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Unterallgäu

21.06.2019

So kämpft das Unterallgäu gegen die Blauzungenkrankheit

Mit zwei Impfungen können Kühe und andere Wiederkäuer gegen die Blauzungenkrankheit immunisiert werden. Allerdings haben Tierärzte große Probleme, genügend Impfstoff zu bekommen.
Bild: Marijan Murat, dpa

Im Unterallgäu gelten seit Monaten strenge Regeln, um eine weitere Ausbreitung der Seuche zu verhindern. Was das für Landwirte und Tierärzte bedeutet.

Mit geübten Handgriffen steckt Tierärztin Felicitas Möckel die Nadel in den Hals der Kuh. Blut tropft auf den Boden. Möckel holt drei Spritzen aus einer der vielen Taschen an ihrer Weste und füllt sie mit ein paar Millilitern der roten Flüssigkeit. Dann zieht Möckel die Nadel wieder heraus, die Kuh schüttelt dankbar den Kopf. Ein junger Landwirt steht daneben. Er hat Möckel wenige Stunden vorher angerufen. Statt Milch kam aus einer Zitze des Tieres nur eine wässrige, gelbliche Flüssigkeit.

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Möckel legt die Spritzen in ein Fach im Kofferraum ihres Autos, um den Inhalt später zu untersuchen. Hunderte Blutproben hat sie in den vergangenen Monaten genommen – die wenigsten davon, weil ein Tier wirklich krank war. Der Grund dafür war vielmehr eine Seuche, die im etwa 200 Kilometer entfernten Landkreis Waldshut (Baden-Württemberg) ausgebrochen ist: die Blauzungenkrankheit. Das Unterallgäu ist seit Februar Teil der sogenannten Restriktionszone. Unter anderem dürfen Landwirte ihre Kälbchen nicht mehr aus der Sperrzone heraus verkaufen – es sei denn, sie sind gegen die Krankheit immun und per Blutprobe auf eine mögliche Erkrankung getestet.

Die Blauzungenkrankheit trifft die Bauern im Unterallgäu massiv

„Das trifft jeden Landwirt ganz massiv“, sagt Martin Schorer, der Unterallgäuer Kreisobmann des Bayerischen Bauernverbands. Viele Allgäuer Milchviehbetriebe verkaufen männliche Kälber, die sie nicht selbst großziehen, an Mastbetriebe in Südeuropa. Schorer schätzt, dass die Bauern durch den Zusatzaufwand etwa 100 Euro weniger pro Fleckviehkalb verdienen, bei den im Unterallgäu gängigeren Rassen Braunvieh und Holstein seien es etwa 50 bis 60 Euro. Betriebe, die ihre Schlachttiere in der Region aufziehen, sind von den Regelungen weniger betroffen. „Wir haben in Kempten und Buchloe Schlachthöfe in der Sperrzone“, erklärt Schorer. Dort habe der Bürokratieaufwand zwar zugenommen – „aber da haben wir ja eh schon viel über uns ergehen lassen.“

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Felicitas Möckel leitet eine Tierarztpraxis in Markt Rettenbach. Sie kümmert sich um die Tiere von etwa 110 Landwirten im Unterallgäu. Mehr als 700 Blutproben hat Möckel in den letzten Monaten allein wegen der Blauzungenkrankheit genommen. „Das dauert bei einem Tier nur wenige Minuten. Aber mit Anfahrtszeit und bei dieser Anzahl summiert sich das“, sagt Möckel. Außerdem musste sie für die Tests spezielle Glasröhrchen anschaffen, was mit Kosten und Aufwand verbunden sei.

Auch bei dem jungen Landwirt mit der kranken Kuh hat Möckel vor wenigen Tagen Blutproben von einem Kälbchen genommen „Sind die Proben schon unterwegs?“, fragt er. Es eilt, der Händler will das Kälbchen am nächsten Tag abholen. Und ohne das Ergebnis der Blutuntersuchung durch das Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit in Oberschleißheim geht das nicht. „Ich habe die Probe schon vor Tagen per Expresslieferung weggeschickt“, antwortet Möckel.

Die Regeln im Kampf gegen die Blauzungenkrankheit sind verschärft worden

In den ersten Monaten der Sperrzone reichte die Bestätigung, dass das Tier nicht erkrankt ist, aus, um es zu verkaufen. Vor einigen Wochen hat das Friedrich-Löffler-Institut die Regeln verschärft: Nur Kälbchen von geimpften Kühen dürfen aus der Sperrzone gebracht werden – nach vorheriger Blutuntersuchung. Kälbchen übernehmen den Impfschutz von ihrer Mutter, wenn sie nach der Geburt direkt mit deren Milch getränkt werden. Doch nur wenige Kühe im Unterallgäu sind überhaupt gegen die Blauzungenkrankheit geimpft. „Es ist nicht genug Impfstoff da, um den Bedarf zu decken – obwohl wir schon seit vier Monaten Sperrzone sind“, beklagt Schorer.

Im Auto von Tierärztin Möckel fiept Hund Malik im Kofferraum. Der Hof, an dem sie gerade vorbeifahre, gehöre zu ihren Kunden, erklärt Möckel. Malik weiß, dass er dort das Auto verlassen dürfte. Doch Möckel fährt direkt zurück zu ihrer Praxis. Dort hat sie inzwischen einen zweiten Kühlschrank aufgestellt, um Impfstoff in größeren Mengen zwischenlagern zu können – wenn er denn geliefert wird. „Man bekommt Impfstoff schon peu à peu her, aber sehr schleppend“, sagt sie.

Martin Schorer geht das nicht weit genug. „Wir haben in Bayern 50000 Blutproben untersucht: alle negativ. Trotzdem ist die Politik nicht in der Lage, das Sperrgebiet zu überdenken“, sagt er. Er bemerke bei seinen Berufskollegen ein Gefühl der Machtlosigkeit gegenüber der Politik. „Als Kreisobmann bin ich auf vielen Veranstaltungen unterwegs. Aber so eine resignative und gedämpfte Stimmung wie zur Zeit habe ich noch nie erlebt“, sagt er.

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