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Mindelheim

31.05.2020

Sprache verbindet – nicht nur an Pfingsten

Im Deutschen gibt es bis zu 500.000 Worte. Viele davon leiten sich von anderen Sprachen ab – zum Beispiel von Latein. Doch eine Sprache wird nicht nur von Wörtern bestimmt. Auch der Tonfall oder die Gestik sind Teile davon. Fünf Unterallgäuer erzählen, was sie mit dem Thema Sprache verbindet.
Bild: Oliver Wolff

Plus Mindelheimer Bürger sprechen über Deutsch als Fremdsprache, Lieblingswörter und Sprache, die ganz ohne Worte auskommt.

In der biblischen Erzählung kommt das Thema Sprache immer wieder vor. Das sogenannte Pfingstwunder in der Apostelgeschichte des Neuen Testaments etwa handelt von einer wundersamen Begebenheit: Die zum Fest versammelten Personen hörten die Apostel in ihrer eigenen Sprache reden. Reden gehört zum Menschen wie die Luft zum Atmen. Aber ist Sprache nur eine Aneinanderreihung von Wörtern, um Informationen auszutauschen, oder steckt mehr dahinter? Wir haben uns in Mindelheim umgehört.

Sprache als ist für den Mindelheimer Pfarrer und Seelsorger wichtig

Dekan Andreas Straub ist Pfarrer der Pfarreiengemeinschaft Mindelheim. Er sagt: „Ich lege im privaten Bereich sehr viel Wert auf die sprachliche Kommunikation.“ Besonders wichtig sei ihm dabei, die Stimme und ihre Untertöne zu hören. Das gehe etwa nicht über E-Mail oder Whatsapp. „Solche Medien nutze ich nur zur Informationsweitergabe, nicht zum Dialog oder Austausch.“

In Straubs Beruf als Seelsorger hat Sprache eine große Bedeutung, genauso bei der kirchlichen Arbeit: Die Predigt oder Ansprache lebt von der Sprache. Die liturgische Sprache in ihrer Symbolkraft, Dichte und theologischen Bedeutung setze sich allerdings zum Teil deutlich von der eher profanen Sprache des Alltags ab, sagt der Mindelheimer Dekan. „Damit tun sich heutzutage manche Menschen schwer.“

Warum eine Dolmetscherin aus Zaisertshofen Italienisch liebt

Claudia Bänsch aus Zaisertshofen ist staatlich geprüfte Dolmetscherin und gibt Italienisch- sowie Deutschkurse. Zwar ist Deutsch für sie die Muttersprache, doch konnte Bänsch sich in ihrer Jugendzeit schnell für die südeuropäische Sprache begeistern. „Immer wenn ich Italienisch höre, geht mir das Herz auf.“ Ihr Lieblingswort lautet daher „terra“. Die Sprachlehrerin sagt: „Das Wort klingt schon so erdig.“

Besonders faszinierend findet Bänsch an der Fremdsprache Italienisch die nonverbale Kommunikation. Die Mimik und Gestik beim Sprechen habe eine viel höhere Bedeutung als im Deutschen. „Italiener können sich sogar komplett sprachlos unterhalten.“ Manche Gesten verständen viele Ausländer gar nicht. Die Dolmetscherin gibt ein Beispiel: Den rechten Zeigefinger an der rechten Wange auf Höhe des Mundes leicht hin und her drehen bedeutet, dass das Essen geschmeckt hat.

Wenn die Privathaftpflichtversicherung zum "Horror" wird

Von ausländischen Schülern, die Deutsch lernen, hört Bänsch immer wieder, dass ihnen die zusammengesetzten Wörter mit vielen Konsonanten Probleme bereiten. „Worte wie Privathaftpflichtversicherung sind für manche der Horror.“ Eine Kursteilnehmerin von Bänsch liebt dagegen „Kaffe und Kuchen“ oder „Erdbeermarmelade“. „Es sind Begriffe, die typisch deutsche Gepflogenheiten gut treffen.“

Ujjwal Kumar ist vor viereinhalb Jahren von Ambala, im nördlichen Teil Indiens, nach Deutschland gekommen. Der heute 16-Jährige hilft im Restaurant seines Vaters in der Mindelheimer Maximilianstraße aus. Sein neues Leben sei für ihn am Anfang nicht leicht gewesen. „Ich konnte mich nur auf Englisch unterhalten.“ Die Deutsche Sprache habe er am besten gelernt, als er mit seinen Freunden Zeit verbracht hatte. Nun möchte der Teenager seine Sprachkenntnisse weiter verbessern, dafür liest er etwa die Zeitung.

"Kässpätzle" für jungen Inder aus Mindelheim kein Problem

Auffallende Probleme hat Ujjwal aber mit der deutschen Sprache, etwa dem Wortschatz oder der Grammatik, nicht. Das Wort „Kässpätzle“ spricht der junge Inder schon mit leicht Allgäuerischem Akzent aus. In Indien gibt es 29 offizielle Landessprachen, erzählt Ujjwal. „Sie werden unterschiedlich ausgesprochen und geschrieben.“ Zwei davon kann der 16-Jährige.

Die 18-jährigen Albaner Andi und Lanti leben seit fast einem Jahr in Deutschland. In der Berufsschule Mindelheim besuchen die beiden Deutschkurse. „Wir lernen jeden Tag vier bis sechs Stunden“, erzählen sie. Zwar sei die deutsche Grammatik schwer, doch haben sie Gefallen gefunden an der neuen Sprache. Der Klang sei anders. „Die Albaner haben eine härtere Aussprache“, sagt Lanti. Das Lieblingswort von Andi lautet „Moin“. Das hört er jeden Tag auf dem Schulhof. Für die jungen Albaner sei es wichtig, Deutsch einmal fließend sprechen zu können, erklären die beiden Teenager. Davon ist ihre private und berufliche Zukunft abhängig.

Sprache wichtig für Völkerverständigung

Für Pfarrer Straub geht es beim Thema Sprache auch um Völkerverständigung. „Es ist nicht nur der Absender wichtig, sondern ebenso der Empfänger, also wie das Gesprochene beim Hörer ankommt.“ Missverständnisse seien häufig auf falsche Wahrnehmungen zurückzuführen – nicht nur beim gesprochenen Wort, sondern auch bei der Mimik, Gestik und im Tonfall. „In der Kommunikationstheorie gilt der Grundsatz: Missverständnisse sind die Regel.“

Aber es gebe auch eine nonverbale Sprache im eigenen Innersten, erklärt der Mindelheimer Theologe. Zwar vollziehe sich das Fühlen und Denken durchaus in sprachlichen Bahnen, doch gebe es auch eine intuitive, wortlose Sprachebene. Jeder Mensch hat eine Herzmitte, eine Seele. „Für mich gibt es eine Art der seelischen Kommunikation.“

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