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MZ-Maskenserie

19.08.2020

Spurensicherer Kai Kitzinger hat für jeden Tatort die passende Maske parat

Fast schon ein bisschen furchteinflößend wirkt der Spurensicherungs-Beamte mit seiner Halbmaske.

Plus Kai Kitzinger braucht als Spurensicherer verschiedene Masken und erklärt, welches Modell er für verwesende Leichen, leuchtende Blutspuren und bei der Suche nach Fingerabdrücken nutzt.

Ob fürs Büro, den Theaterbesuch oder das Essen mit Freunden: Es soll Frauen geben, die haben für jeden Anlass die passenden Schuhe parat und wechseln sie entsprechend häufig. Und es soll in Corona-Zeiten auch Frauen geben, die den jeweils passenden Mund-Nasen-Schutz dazu tragen. Eine große Auswahl an Masken besitzt auch Kai Kitzinger. Er wechselt sie ebenfalls häufig, je nach Anlass. Die Gründe dafür sind allerdings weniger erfreulich als ein Theaterbesuch: Es geht um Mord und Totschlag, Raub und schwere Körperverletzung, Brandstiftung und schwere Sexualdelikte. Seit dreieinhalb Jahren arbeitet Kai Kitzinger als Spurensicherer bei der Kriminalpolizei in Memmingen. Masken gehören seitdem zu seinem Alltag.

Gleich mehrere Modelle hat er auf dem Tisch vor sich ausgebreitet: vom einfachen Mund-Nasen-Schutz, wie ihn wegen Corona derzeit viele tragen, bis hin zur Maske, die das komplette Gesicht bedeckt und die aus einem freundlich lächelnden Spurensicherungs-Beamten schnell eine fast angsteinflößende Figur macht, weil sie dann doch ein wenig an die Gasmasken erinnert, die man im Krieg getragen hat.

Die Halbmaske nutzt der Spurensicherer zum Beispiel bei verwesenden Leichen

Halbmaske heißt das orange-schwarze Ding, das man, je nach Einsatz, mit unterschiedlichen Filtern ausstatten kann. Kai Kitzinger schnallt sie sich vors Gesicht, wenn er etwa Spuren an Personen sichern muss, die schon wochenlang tot sind, verwesen und entsprechend stinken. „Man riecht so gut wie gar nichts“, sagt er, „aber man bekommt auch schwer Luft.“ Nur 50 bis 60 Prozent der Luft gelangen durch die Maske, schätzt er.

Wenn der 47-Jährige Blutspuren mithilfe der Chemikalie Luminol zum Leuchten bringen will, trägt er diese Maske ebenfalls, aber auch, wenn er auf der Suche nach Fingerabdrücken ist.

Ein spezielles Gerät, so handlich wie ein Föhn, verdampft Zyanacrelat: Dieser „Sekundenkleber“-Dampf legt sich auf den Fingerabdruck und macht ihn sichtbar, ist aber giftig. Zu seinem Filter trägt Kitzinger deshalb noch eine Schutzbrille. „Man sieht zwar aus wie auf dem Mond“, sagt er und lacht. „Aber anders geht’s nicht.“

Der "Tornado" wird von dem Memminger Spurensicherer nach Bränden getragen

Noch wilder wirkt nur der „Tornado“: Der schwarz-grüne Helm mit dem ungewöhnlichen Namen wird nach Bränden benutzt und besteht aus einem Visier vorne und einem Schlauch hinten. Damit wird der Polizist per Überdruck „beatmet“, damit er nicht das tödliche Kohlenstoffmonooxid einatmet, das bei Feuer entsteht – „ein selten benutztes, aber sehr gutes Einsatzmittel“, urteilt Kitzinger.

Je nach Einsatz gibt es verschiedene Maskentypen: (von links) der Tornado für Brandeinsätze, die Halbmaske für Verwesungsgeruch oder Chemikalien, die FFP2-/FFP3-Maske gegen den Feinstaub bei der Fingerabdruck-Suche und eine Mund-Nasen-Maske für das Arbeiten im Labor.

Deutlich häufiger im Gebrauch als den „Tornado“ hat der Kriminalhauptkommissar den einfachen Mund-Nase-Schutz. Er verwendet ihn für molekulargenetische Untersuchungen, also beispielsweise, wenn er DNA sichert. Das macht er etwa bei glatten Oberflächen wie Tischplatten, indem er mit einem angefeuchteten Wattestäbchen über die Stelle reibt und es dann in ein Röhrchen steckt. Für Stoffe oder andere raue Materialien wie Stein benutzt Kitzinger Klebestempel, an denen die Spuren haften bleiben. Damit diese Spuren nicht verunreinigt werden, trägt der Spurensicherer Mundschutz und Handschuhe. Auch bei Letzteren hat er verschiedene Modelle auf Lager: für das Umdrehen von Leichen benötigt er beispielsweise andere als für Arbeiten mit Chemikalien im Labor. „Wenn es ganz eklig wird, hat man ganz dicke, widerstandsfähige Handschuhe“, sagt der 47-Jährige.

Auch FFP2- und FFP3-Masken nutzt man bei der Kripo in Memmingen

Welche Ausrüstung für welchen Einsatz genutzt wird, ist bei der Polizei in sogenannten Betriebsanweisungen haargenau festgelegt. Auch die durch Corona „berühmt“ gewordenen FFP-3- und FFP-2-Masken gehören zu Kitzingers Sortiment – je nachdem, ob nur Eigenschutz oder Fremd- und Eigenschutz gefordert ist. Benutzt der Polizeibeamte Adhäsionsmittel, um Fingerabdrücke sichtbar zu machen, hat er eine solche Maske auf, um sich vor dem feinen Staub zu schützen.

„Das Unsichtbare sichtbar zu machen“, das ist für Kitzinger das Faszinierende an seiner Arbeit als Spurensicherer. An einem Tatort überlegt er: Was könnte der Täter angefasst haben? Wo könnte er Spuren hinterlassen haben? Im Idealfall rückt Kitzinger mit einem Kollegen aus, der fotografiert (teils auch mit Panoramakamera), während er sich auf Spurensuche macht. Etwa fünf Stunden brauchen sie zu zweit für einen „normalen“ Tatort. Gibt es mehrere Räume und größere Blutbereiche, können es auch schon mal zehn bis zwölf Stunden sein.

Nach dem Tötungsdelikt in Bad Wörishofen rückte er gleich achtmal aus

Nach dem tödlichen Streit in einem ehemaligen Bad Wörishofer Kurhotel (mehr dazu hier: Überraschung im Totschlagsprozess) etwa musste Kitzinger acht Mal ausrücken, sagt er. Immer wieder rückte ein anderes Detail in den Blick der Ermittler. Die Spuren schickt Kitzinger ans Landeskriminalamt nach München. Wenn dann nach einiger Wartezeit das Gutachten mit dem Ergebnis einer DNA-Probe zurückkommt, sei das schon ein gewisser Nervenkitzel, sagt er. War die Spur gut genug? Hilft sie dabei, einen Täter zu überführen?

Da ist Kai Kitzinger ohne Maske schon deutlich sympathischer.

20 Jahre hatte Kitzinger zuvor als „Streifenhörnchen im Schichtdienst“ gearbeitet, wie er es grinsend nennt. Seit einem Lehrgang gehört er zu den vier Memminger Spurensicherern „und es gibt keinen Tag, an dem ich nichts Neues lerne.“ Es freut ihn, dass der Sachbeweis immer wichtiger wird – und damit auch sein täglicher Job.

Wer einen Laden, Supermarkt oder eine Arztpraxis betritt, muss seit März wegen der Ansteckungsgefahr mit dem Corona-Virus Mund- und Nasenschutz tragen. Die meisten Menschen haben sich daran gewöhnt, auch wenn das lästig sein mag. Es gibt Personengruppen, die schon immer eine Maske aufsetzen mussten. Wir haben ein paar von ihnen besucht und hinter die Maske geschaut. Hier sind die bereits erschienenen Folgen:

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