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Überall in Deutschland erinnern Stolpersteine an jüdische Mitbürger, die von den Nazis ermordet wurden.

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Eine alte Anzeige erinnert an die Anfänge des Kaufmanns Hermann Glasberg in Bad Wörishofen. 1944 starb er im KZ Auschwitz.

Judenverfolgung
22.02.2014

Stolpersteine sollen die Erinnerung wachhalten

Von Markus Heinrich

Bad Wörishofen soll dem Beispiels Mindelheims folgen. Ein großer Teil der Familie Glasberg starb im KZ

Bad Wörishofen Karl Schuster war neun oder zehn Jahre alt, als es begann. Emma Glasberg kam in dieser Zeit nachts heimlich zu Schusters Eltern zum „hamstern“, wie Schuster es nennt. Glasberg tauschte Textilreste gegen Nahrung. „Sie sah sehr verhärmt aus und weinte dauernd“, heißt es in Schusters Erinnerungen. Es sind schlimme Erinnerungen, denn sie handeln von der Jugendverfolgung in Bad Wörishofen. Für den Großteil der Familie Glasberg endete diese Schreckenszeit mit dem Tod in Konzentrationslagern der Nazis. Karl Schuster hat das Andenken an diese ehrbare Kaufmannsfamilie bewahrt. Schuster starb im Jahr 2008. Seine Erinnerungen sind in der Chronik Bad Wörishofen nachzulesen, unter der Überschrift „In den dunklen Jahren der Gewaltherrschaft“. An diese dunklen Jahren sollen sich die Wörishofer nun wieder erinnern. Die Grünen haben beantragt, dass die Kneippstadt ebenfalls mit sogenannten Stolpersteinen an das Schicksal der Glasbergs erinnert. Den Ausschlag habe die einmütige Entscheidung in Mindelheim für die Stolpersteine gegeben, sagt Michael Scharpf, der Fraktionssprecher der Grünen in Bad Wörishofen. Die Mindelheimer wollen auf dem Marienplatz im Herzen der Altstadt drei Stolpersteine einlassen, in unmittelbarer Nähe zum letzten freiwilligen Wohnort der Familie Liebschütz. Zwei der Steine sollen an Fanni und Jakob Liebschütz erinnern. Sie starben im Konzentrationslager. Der dritte Stein wird auf die namenlosen Opfer des Nationalsozialismus aufmerksam machen. An die Familie Liebschütz erinnert seit 1994 eine Gedenktafel, angestoßen von der damaligen SPD-Ortsvorsitzenden Ingrid Friedrich.

In Bad Wörishofen erinnert ein gemeinsamer Grabstein auf dem städtischen Friedhof an die Glasbergs. Nahe dabei steht ein weiterer Gedenkstein für 40 jüdische Häftlinge der Nazis. Amerikanische Soldaten brachten sie nach dem Kriegsende aus benachbarten Lagern nach Bad Wörishofen ins Parkhotel. Die so Geretteten starben allerdings später an den Folgen von Hunger und Misshandlungen durch die Nationalsozialisten. Bis auf vier Namen konnte Karl Schuster alle Opfer ermitteln. Auch ihnen hat er in der Stadtchronik ein Andenken bewahrt.

Für die Familie Glasberg, die ein Geschäft in der Bahnhofstraße 4 (Reisberger) betrieb, begannen die Schikanen gegen 1940 massiv zu werden. Bedrängt wurden sie bereits seit 1933. Sogenannte ehrbare Bürger hielten Wache vor dem Geschäft und notierten sich die Namen der Kunden, die „es noch wagten, beim Juden einzukaufen“, wie Schuster schreibt. Dabei hatte das Geschäft lange zum Stadtbild gehört. „Hermann Glasberg ließ sich bereits 1895 in Wörishofen nieder“, hat Michael Scharpf herausgefunden. In der Stadtchronik ist noch vom Jahr 1903 die Rede. Der 1871 geborene Glasberg stammte aus Russland. In Buttenheim hatte er Emma Schulhöfer geheiratet. Die Eheleute hatten sechs Töchter: Adele, Selma, Hermine, Flora, Elvira und Martha. Die Glasbergs zählten sich zur jüdischen Gemeinde in Memmingen. „Am 10. August 1942 wurde Hermann Glasberg deportiert, über ein Zwischenlager in Augsburg nach Auschwitz“, berichtet Scharpf. In Auschwitz wurden Emma und Hermann Glasberg im Mai 1944 ermordet. Andere Mitglieder der Familie starben in den Konzentrationslagern Maidanek und Riga. Adele Glasberg überlebte die Schreckenszeit wie durch ein Wunder in Deutschland, Elvira, Martha und Hermine waren schon früh ausgewandert und überlebten so ebenfalls.

Von dem Projekt Stolpersteine ist Scharpf überzeugt. Der Kölner Künstler Gunter Demnig hat in über 500 Städten und Gemeinden bereits rund 42500 Steine verlegt. In Bad Wörishofen könnte dies zum Beispiel „im Schulterschluss und in Abstimmung mit Mindelheim“ geschehen, findet Scharpf. „Die Gedenktafeln aus Messing werden vor den Häusern, in denen die Menschen lebten, ins Trottoir eingelassen, und lassen die Erinnerung an sie wieder lebendig werden.“ Über den Antrag der Grünen soll am 9. April im Stadtrat diskutiert werden.

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