Jazz isch

07.04.2014

Tempo und Temperament

Dass Chico Freeman und das Christian Stock Trio bereits Mitte der 90er Jahre gemeinsam auf Tour waren, hörte man beim Konzert im Mindelheimer Stadttheater deutlich.
Bild: Dominik Maier

Chico Freeman und das Christian Stock Trio füllen das Mindelheimer Stadttheater mit leidenschaftlichem Jazz

Mehr Gegensatz war nicht möglich: Waren es am Donnerstag bei Quercus die sanften Töne, die das Stadttheater in einen Seelenrausch tauchten, so triumphierten am zweiten Abend des Jazz-isch-Festivals Tempo und mitreißende Dynamik. Eine vollkommen andere Art der Atemlosigkeit machte sich breit, als das Christian Stock Trio mit Chico Freeman den Saal mit leidenschaftlichem Jazz füllten. Das Eingangsstück „Elvin“, eine Komposition ursprünglich für Elvin Jones von dem inzwischen 64-jährigen Freeman, setzte bereits die hohen Maßstäbe.

Martin Schrack spielte am Flügel mit einer Präsenz und brillant-akkurater Geschwindigkeit, dass man immer wieder hinsehen musste, ob es sich wirklich um nur einen Pianisten handelte. Walter Bittner am Schlagzeug entpuppte sich als Klangakrobat, dabei natürlich – das ist dem Trio zu eigen – von geradezu bestechender Ruhe. Er zauberte in unerschöpflicher Kreativität eine ganze Reihe von knisternden Tönen, setzte Akzente, überraschte.

Auch Christian Stock, der Mann am Bass im Hintergrund, explodierte geradezu in den Solo-Momenten, etwa bei seiner eigenen Komposition „Felix, the Conqueror“. Stock und sein Bass, das ist eine Einheit, zwischen die kein Blatt passt, so nah spielt er und dabei mit erstaunlich wenig Körpereinsatz. Sensationell, was Stock seinem Instrument abgewinnt, was das Instrument aus diesem sympathisch ruhig agierenden Musiker herausholt. Ein charmanter, winziger Augenblick: Stock war seinem Instrument und der Greifhand so nahe gekommen, dass er in seine Brille einfädelte und diese beinahe verlor. Doch er schaffte Dreierlei in Bruchteilen von Sekunden: sich die Brille wieder aufzusetzen, umzugreifen, den Rhythmus wiederzufinden – und über sich selbst zu staunen! Er und seine Kollegen quittierten es mit einem Lächeln. Wahre Größe zeigt sich manchmal in sehr kleinen Momenten.

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Zum Luftholen kam man eigentlich nur, wenn Freeman seine kurzen Moderationen, die er teils sehr charmant auf Deutsch versuchte, zwischen den Stücken einbrachte, ansonsten war man völlig beherrscht von den vier Ausnahmemusikern und ihrer Begabung, sich mit ihren Instrumenten und jenen der anderen zu verschmelzen.

Bereits Mitte der 90er Jahre spielten das Christian Stock Trio und Chico Freeman Tourneen. Immer wieder kommen sie zusammen und man spürte schnell, dass sie nicht nur das musikalische Verständnis auf der Bühne eint, sondern auch eine langjährige Freundschaft. Ihre Soli sind ein perfekt inszenierter Dialog. Eine Besonderheit sind die immer wieder filigran in Szene gesetzten Schlusspunkte, jenes kurze Innehalten etwa von Freemans Saxofon, als würde es vor dem Schlussakkord noch Atem schöpfen, diese Steigerung der Spannung, ein Vibrieren, das sich im Raum seinen Weg bahnte – dann der oft lächelnde Schluss, mal als gehauchtes Ausatmen des Saxofons, mal als zart angetipptes Schlagzeug.

Die coolste Nummer des Abends, funky, jazzig und mit Humphrey-Bogart-Touch: „Dark Blue“ von Freeman, inspiriert vom Film Noir – wunderbare Assoziationen, da hätten die Herren auch in schwarzen Anzügen sitzen können, eingehüllt vom Zigarrenrauch in einer grell ausgeleuchteten Bar. Dieses Aufspielen vier absoluter Jazzgrößen, diese blinde Übereinstimmung, all das ergoss sich in einem gewaltigen Klang- und Bilderregen über das Publikum im Forum, das zu Recht hingerissen war von diesem Feuerwerk.

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