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Rammingen

14.02.2019

Tierwohl-Gütesiegel macht Bauern Bauchschmerzen

Auf großes Interesse stießen bei den Mitgliedern der „Erzeugergemeinschaft Schlachtvieh“ Umsätze und Auftriebszahlen des Jahres 2018. Rammingens Bürgermeister Anton Schwele (links), EG-Geschäftsführer Berthold Kirchmaier (Mitte) und Paul Daum von der Firma Moksel (rechts) diskutierten a mit Landwirten die Situation auf den Schlachtviehmärkten.
Bild: Franz Issing

Erzeugergemeinschaft Schlachtvieh ist zufrieden: Im Vorjahr wurden im Allgäu mehr als 45 000 Kühe und Bullen und gut 47 000 Schweine geschlachtet.

Immer mehr Verbraucher wollen wissen, die das Fleisch erzeugt wird, das auf ihrem Teller landet. Besonders interessiert es sie, wie und wo die Tiere aufgewachsen sind, was sie gefressen haben und ob sie artgerecht gehalten und aufgezogen wurden.

Auf all diese Fragen gab es bei einer gut besuchten Versammlung der „Erzeugergemeinschaft Schlachtvieh“ (EG) im Gasthaus „Stern“ eine Antwort. Die Mitglieder der EG kommen aus dem gesamten Allgäu in Bayern und Baden-Württemberg. Geschäftsführer Berthold Kirchmaier machte deutlich, das Tierwohl für die EG selbstverständlich sei und Fleisch innerhalb einer geschlossenen Erzeugerkette produziert und auch verkauft wird.

Um das Wohl des Schlachtviehs macht sich neuerdings auch Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner Sorgen. Sie will ein Label einführen, dass Verbrauchern die Gewissheit gibt, das Schweinefleisch in ihren Einkaufskörben aus guter Haltung stammt.

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Gütesiegel soll für höhere Standards in der Landwirtschaft bei Mast und Aufzucht sorgen

Der Gesetzentwurf der CDU-Politikerin sieht ein dreistufiges System vor, dass Bauern, die mit dem Siegel werben wollen, höhere Standards bei Mast und Aufzucht abverlangt, als gesetzlich vorgeschrieben. „Mehr Bewegung für Schweine“ heißt die Devise. Wer danach handelt, soll staatliche Hilfe bekommen. Bürgermeister Anton Schwele, der früher selbst eine Landwirtschaft umtrieb und mit der Erzeugergemeinschaft, wie er betonte „gute Erfahrungen gemacht hat“, sieht ein Tierwohl-Kennzeichen mit gemischten Gefühlen.

Und ein Bauer aus Rammingen der nicht genannt werden will hält das ganze schlichtweg für Betrug. „Ich möchte den Verbraucher kennen, der Fleischstücke verschiedener Qualität auf Anhieb voneinander unterscheiden kann“, zweifelt er. Etwas differenzierter sieht das Thema Helmut Mader, Geschäftsführer des Bayerischen Bauernverbandes im Unterallgäu. „Ein staatliches Tierwohl-Label ist wohl oder übel nötig, weil sonst der Handel sämtliche Haltungsvorschriften vorgibt“ findet er. Ganz anders EG-Geschäftsführer Berthold Kirchmaier, der jede staatliche Einmischung ablehnt. „Unsere Landwirte und Mitglieder betreiben mehr Tierschutz als gesetzlich vorgeschrieben“, macht er deutlich und schimpft: „Wir haben mit den Vorschriften „QS“ und „CC“ schon genug Kontrollen“. Kirchmaier gibt sich überzeugt: „Der Verbraucher wird ein Tierwohl-Kennzeichen nicht akzeptieren und schon gar nicht bezahlen.

Die Zweifel des EG-Geschäftsführer teilt auch Paul Daum, der Leiter der „Strategie Einkauf Lebendvieh“ bei der Firma Moksel in Buchloe. Die „Erzeugergemeinschaft Schlachtvieh“machte in den 45 Jahren ihres Bestehens einen großen Strukturwandel durch, der wie anno 2018 in vielen Rekordjahren gipfelte. 4948 bäuerliche Familienbetriebe aus der Region sind bei der EG Mitglied, 899 davon schwören auf „Bio“.

Bei seinem Rechenschaftsbericht wartete Geschäftsführer Kirchmaier einmal mehr mit einem beeindruckenden Zahlenwerk auf. Danach schlachtete die Erzeugergemeinschaft im vergangenen Jahr 45 254 Stück Großvieh, wie Kühe, Färsen, Bullen und Kälber/Fresser. Aufgetrieben wurden zudem 47 152 Schweine. Sehen lassen kann sie auch die Bilanz der „Allgäu Schlachtvieh GmbH“. Die Tochterfirma vermarktete vergangenes Jahr 12 871 Stück Großvieh, wie auch 1654 „Borstentiere“ und 401 Lämmer. Gemeinsam melden EG und GmbH einen Marktumsatz von mehr als 60 Millionen Euro, gut 170 000 Euro mehr als im Vorjahr. Beide Unternehmen sehen sich weiter auf einem „aufsteigenden Ast“.

Nach Bekanntgabe des Prüfungsberichtes und des Rechnungsergebnisses schätzte Paul Daum von der Firma Moksel die Lage auf dem Schlachtviehmarkt ein. „Man kann davon ausgehen", schätzt der Experte, "dass die Erzeugung von Schlachtrindern in 2019 um etwa 2,3 Prozent sinkt". Dies habe auch einen leichten Rückgang von Schlachtungen zur Folge.

Als rückläufig in Deutschland beschrieb Daum auch die Selbstversorgung mit Rind-,und Kalbfleisch. Sie habe sich in 2018 auf 94 Prozent verringert. In diesem Jahr rechnet der Referent mit einem Rückgang auf 91 Prozent. Ähnlich die Entwicklung bei den Jungbullen. Hier gingen die Schlachtungen allein in Bayern um 2,06 Prozent zurück. Vermehrt wurde 2018 Rind-,und Kalbfleisch gekauft. Der Verbrauch stieg um 0,2 auf 10,3 Kilogramm pro Kopf. Laut Prognose von Paul Daum setzt sich dieser Trend auch 2019 fort. Angst haben die Landwirte derzeit vor einer weiteren Ausbreitung der Blauzungenkrankheit, die nach Bayern überschwappte.

Die Landwirte im Allgäu haben Angst vor der Blauzungenkrankheit

Zum Schutz vor der Epidemie wurde ein 150 Kilometer umfassendes Sperrgebiet eingerichtet, das zur Hälfte auch in den Landkreis Unterallgäu reicht. „Tiertransporte aus dem Sperrgebiet wurden erheblich eingeschränkt“, informierte Amtstierarzt Dr. Hubert Rainer. Will heißen: Ziegen, Schafe und Rinder dürfen nur unter strengen Auflagen in den Handel gelangen oder zu Schlachthöfen transportiert werden. Im Unterallgäu ist bis dato kein einziger Fall von Blauzungenkrankheit bekannt.

Schließlich befasste sich die Versammlung noch mit dem Volksbegehren „Rettet die Bienen“. Bürgermeister Anton Schwele sieht da große Belastungen auf die Landwirte zukommen. Hier gelte es wachsam zu sein und beizeiten gegenzusteuern, riet er. Deutlicher wurde da schon EG-Geschäftsführer Berthold Kirchmaier. „Allein die Bauern beschützen die Bienen und nicht die, die lautstark nach mehr Artenvielfalt rufen“.

Lesen Sie dazu auch Volksbegehren: Die Bauern nicht an den Pranger stellen

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