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Unterallgäu

01.11.2015

Trauern fernab des Friedhofs

Nicht jeder Mensch geht auf den Friedhof, um zu trauern. Manche fühlen sich „ihren“ Verstorbenen in der Natur oder an bestimmten anderen Orten nahe.
Bild: Josef Hölzle (Symbolbild)

Viele Menschen gehen regelmäßig ans Grab ihrer Verstorbenen. Warum eine junge Witwe das nicht macht.

„Ich verstehe es nicht, wie man um Allerheiligen so ein Drama machen kann. Ich gehe so gut wie nie auf den Friedhof, denn da ist er ja nicht!“ Diese Aussage klingt in den Ohren mancher Katholiken sicherlich hart. Und weil ihre Einstellung hierzulande eher ungewöhnlich ist, will die Frau ihren Namen lieber nicht in der Zeitung lesen.

Vor vier Jahren hat die Mittdreißigerin ihren Mann zu Grabe getragen. Auf dem Friedhof ist sie jedoch selten anzutreffen. „Für mich ist er in unserem Haus viel präsenter und greifbarer“, erklärt sie weiter. Die beiden haben es zusammen geplant und gebaut, den Garten angelegt, darin gelebt. Es ist für sie und ihre beiden Kinder der Lebensmittelpunkt. Und statt sich um dunkle Erde, Kerzen oder Bepflanzung am Grab zu kümmern, hat die Witwe, die wir hier Monika Schmid nennen, lieber ein besonderes Andenken an ihren Mann rahmen lassen und es im Flur aufgehängt. Außerdem gibt es viele Bilder und Schnappschüsse, auf denen sie ihn sieht.

Die Grabpflege übernimmt die Schwiegermutter 

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Schon seit jeher war Allerheiligen für Monika Schmid und ihren Mann kein Feiertag, an dem sie den Verstorbenen mit einem Besuch an deren Gräbern gedacht hatten. Viel mehr war es oft der Tag, an dem er die Reifen gewechselt hatte oder noch Dinge im Garten erledigt wurden, erzählt sie.

Sie geht innerhalb ihrer Familie offen mit ihrer Meinung um. Die Grabpflege überlässt sie ihrer Schwiegermutter, die fast täglich auf dem Friedhof anzutreffen ist. Für die Mutter ihres Mannes sei es schon fast ein Ritual, meint Monika Schmid. Vor allem in den ersten Monaten nach der Beerdigung dachte auch die junge Witwe, regelmäßig das Grab ihres Mannes besuchen zu müssen. Aber nicht, weil sie es wollte, sondern mehr aus dem Gefühl heraus, dass es sich eben so gehört. Doch diese Besuche haben ihr nicht gutgetan. Außerdem fühlte sie sich auf dem Friedhof ständig beobachtet.

Die ganze Gemeinde hatte damals von dem Todesfall mitbekommen. Und wenn eine junge Frau mit zwei Kindern ihren Mann verliert, ist die Anteilnahme groß. Trotzdem vermied sie Situationen, in denen sie angesprochen werden konnte. Unvermittelt in seltsame Gespräche verwickelt zu werden, irritierte sie. Weshalb sie zum Beispiel damals bevorzugt abends einkaufen ging.

Zweimal hat sie eine Selbsthilfegruppe besucht

Monika Schmid hat nach dem Verlust ihres Ehemannes zweimal eine Selbsthilfegruppe besucht und ist für diese Erfahrung äußerst dankbar. Dabei war nicht die professionelle Begleitung dort ausschlaggebend, sagt sie, sondern der Austausch mit den anderen Frauen. „Es klingt egoistisch“, sagt sie, „aber die Erkenntnis, dass es manch andere noch viel härter getroffen hat, tat mir gut“.

Ihre äußeren Gegebenheiten gaben ihr nach dem Verlust ihres Mannes vor vier Jahren Sicherheit: der Beruf, der ihr Spaß machte und den sie problemlos in einen Teilzeitjob umwandeln konnte. Dazu die Familie, die in der Nähe war. Dass sie trotz des Todes ihres Partners das Haus halten konnte. „Wenn das nicht gewesen wäre, wüsste ich nicht, wie gut ich das alles verkraftet hätte.“

Doch nicht nur die Erinnerung an ihre gemeinsame Vergangenheit kann immer wieder zu Wellen der Trauer führen. Auch der Ausblick auf die Zukunft rührt Monika Schmid manchmal zu Tränen. Beim Besuch einer Hochzeit etwa, als die Braut am Arm ihres Vaters hereingeführt wurde und ihr bewusst wurde, dass ihre Tochter das nie erleben wird.

Manchmal wird ihr das Allein-Sein wieder bewusst

Obwohl es ihr momentan ganz gut geht, findet sie den Besuch mancher Veranstaltungen, zum Beispiel Schulfesten, immer noch grässlich. „Jedes Mal, wenn es etwas ist, bei dem man nur auf Familien trifft, fühle ich mich irgendwie schutzlos“, gibt sie zu. Dann werde einem eben dieses Allein-Sein wieder bewusst und darum sei sie froh, dass zum Beispiel das Thema Grundschule bei ihren Kindern abgeschlossen sei.

Wenn sie selbst einmal stirbt, würde sie in einer Urne bestattet werden wollen. Und außerdem vorher darauf achten, dass die Begräbnisstätte nur für einen bestimmten Zeitraum gemietet wird. Monika Schmid möchte niemandem die Kosten und Mühen für die Pflege eines Grabes aufbürden. Trotzdem hat sie Verständnis dafür, das Hinterbliebene einen Ort für ihre Trauer brauchen. Für sie selbst wird dies aber nie der Friedhof sein.

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