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Türkheim

15.02.2020

Türkheimerin wuchs in England auf: „Wir spinnen, wir Briten“

Valerie Schweisser mit dem „Union Jack“ (links) und der englischen Flagge: Die gebürtige Engländerin kann noch immer kaum fassen, dass ihr Heimatland wirklich aus der EU ausgetreten ist.
Bild: Alf Geiger

Plus Valerie Schweisser aus Türkheim wuchs im englischen Nottingham auf und liebt ihre Heimat bis heute. Für den Brexit hat sie aber so gar kein Verständnis.

Das wussten ja schon Asterix und Obelix: „Die spinnen, die Briten!“. Der Ausstieg aus der Europäischen Union hat viele geschockt – und noch immer ist der „Brexit“ irgendwie unglaublich, unfassbar, unheimlich. Auch Valerie Schweisser schüttelt den Kopf über die Entscheidung der Engländer, der EU den Rücken zu kehren – die gebürtige Engländerin lebt seit Jahrzehnten in Türkheim und ist vor allem traurig, dass es überhaupt so weit kommen konnte.

Auch nach Jahrzehnten in Türkheim hängst sie noch sehr an ihrer Heimat England

„Man muß dazu auch wissen, dass beim EU-Referendum 2016 fast die Hälfte (48 Prozent) der Wähler für den Verbleib in der Union gestimmt hat. Der Ausstieg konnte 2019 nur wegen der großen Mehrheit der Konservativen nach der Parlamentswahl durchgesetzt werden“, sagt die 74-Jährige mit diesem sympathischen, leichten, aber unüberhörbaren englischen Akzent. Diesen britischen Zungenschlag wollte sie sich auch gar nie abgewöhnen. „Warum auch?“, sagt die Wahl-Türkheimerin.

Schließlich sei sie nun mal Engländerin und das werde sie immer bleiben, auch wenn sie längst auch die deutsche Staatsangehörigkeit hat. Ihren englischen Pass wollte und würde sie aber niemals abgeben - zu sehr liebt sie ihre Heimat, die Menschen, die herrlichen Landschaften Mittelenglands, das Meer.

Valerie Schweisser kommt fast etwas ins Schwärmen, wenn sie an ihre glückliche Kindheit und Jugend in Nottingham zurückdenkt. Die Heimat von „Robin Hood“ kennt jedes Kind und auch die atemberaubenden Landschaften des Cornwall sind nicht nur allen Rosamunde-Pilcher-Fans ein fester Begriff. Weil sie als Schülerin ihr Talent für Fremdsprachen entdeckt hatte, wollte sie auch Sprachen studieren und bekam tatsächlich einen der begehrten Studienplätze an der weltberühmten Universität von Cambridge.

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Bis zu Semesterbeginn hatte die junge Valerie aber noch einige Monate Zeit – was lag da näher als ein Auslandsaufenthalt, um die fremde Sprache etwas besser kennenzulernen? Zur Wahl standen Frankreich und Deutschland und durch Zufall hatte ihre Schwester eine deutsche Brieffreundin in Wiesbaden. Also ab nach Wiesbaden, wo sie schnell auch eine Stelle als Au-pair-Mädchen fand. Dass die hübsche Engländerin auch den Blicken der deutschen Jungs nicht verborgen blieb, war keine Überraschung. Dass sie sich aber gleich in ihren späteren Ehemann Bernd verlieben würde, einen Chemiestudenten aus Wiesbaden – das war dann aber so gar nicht geplant.

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Der Trennungsschmerz war groß, doch Valerie ging zurück nach England und absolvierte erfolgreich ihr Studium zur Sprachwissenschaftlerin. Doch die Liebe zu ihrem Bernd hielt auch über die Distanz und kaum hatten beide ihre Diplome in der Tasche, wurde auch schon geheiratet. 1967 war das und Valerie Schweisser ging mit ihrem Mann und den beiden Kindern erst nach Berlin, dann nach Oberursel und 1982 dann nach Türkheim, wo Bernd Schweisser bei Salamander Karriere machte.

Seither lebt die Familie in Türkheim und ist hier so gut angekommen, dass sie gar nicht mehr wegwollen. Das schöne Haus mit dem großen Garten ist nur einer von ganz vielen Gründen, warum Valerie Schweisser so gerne in Türkheim lebt – mindestens ebenso wichtig sind ihr die vielen guten Freunde, die sie in den Jahren hier im Allgäu gefunden hat.

Eine Rückkehr nach England kann sich die Türkheimerin nicht vorstellen

Auch wenn sie immer mal wieder nach England fahren, um dort die Familie zu besuchen – eine Rückkehr nach England kann sie sich heute nicht mehr vorstellen. Und schon gar nicht, seit sich die Engländer für den Brexit entschieden haben – da zerbrach für Valerie Schweisser fast eine Welt: „Ich und viele meiner britischen Freunde haben immer die friedensstiftende und -erhaltende Rolle der EU besonders geschätzt.“

Aber ja, leider, der Brexit ist Realität – und Valerie Schweisser hat kaum mehr Hoffnung, dass sich daran auch auf lange Sicht wieder etwas ändern könnte. „Ich bin sehr traurig darüber“, sagt sie und blickt etwas gedankenverloren auf den „Union Jack“, die Flagge des Vereinigten Königreichs, die sie extra für’s Zeitungsfoto aus dem Kinderzimmer geholt hat.

Natürlich werde sie auch von vielen ihrer (deutschen) Freunde und Nachbarn immer wieder auf den Brexit angesprochen – genauso wie sie auch mit ihren englischen Freunden und Verwandten ganz viele und lange Diskussionen über den Brexit, die Ursachen und die Folgen geführt hat. Am Ende blieb aber immer nur Kopfschütteln: „Man muss es akzeptieren, so schwer das auch sein mag“, sagt Valerie Schweisser.

Und, na ja, ein wenig „eigen“ seien sie nun mal, die Britten, sagt die gebürtige Britin mit einem großen Schuss trockenen, britischen Humors. Und schließlich wussten es ja auch schon Asterix und Obelix: „Wir spinnen, wir Briten“, sagt Valerie Schweisser und lacht.

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