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Memmingen

14.01.2020

Überführt Telefonüberwachung die Brandstifter?

Wegen Brandstiftung müssen sich eine 80-Jährige und ihr 48-jähriger Sohn derzeit vor dem Landgericht Memmingen verantworten.

Plus Wegen Brandstiftung stehen ein 48-jähriger und seine Mutter vor dem Landgericht Memmingen. Werden Telefongespräche den beiden zum Verhängnis?

Mutter und Sohn schweigen. So war es zu Prozessbeginn vor gut sieben Wochen, und so war es nun auch am vierten Verhandlungstag. Und doch hörte man den 48-Jährigen und die 80-Jährige jetzt zum ersten Mal reden – in Telefongesprächen, die die Polizei nach dem Großbrand überwacht und mitgeschnitten hatte. Ihr Inhalt bringt weiter Licht ins Dunkel der Ereignisse vom 25. Februar, als die Angeklagte den eigenen Stall angezündet haben soll. Ihrem ebenfalls angeklagten Sohn wird vorgeworfen, er habe sie dazu angestiftet, um sich aus finanziellen Schwierigkeiten zu befreien. Bei dem Brand entstand ein Sachschaden von rund 500.000 Euro. Ein Pferd, das eine Pächter-Familie im Stall untergebracht hatte, starb.

Damit Telefongespräche überhaupt überwacht werden dürfen, muss laut Landgerichtssprecher Jürgen Brinkmann der begründete Verdacht bestehen, dass eine schwere Straftat vorliegt – die Kriterien dafür sah der zuständige Ermittlungsrichter am Amtsgericht Memmingen offensichtlich erfüllt. Als konkrete Anhaltspunkte dürften zwei Umstände gedient haben: einerseits die Brandschutzversicherung, die der Angeklagte erst fünf Tage vor dem verheerenden Brand abschloss. Andererseits die „desaströse finanzielle Situation“, in der er sich laut Staatsanwalt Markus Schroth damals befand.

Brandstiftung: Telefonüberwachung belastet 80-jährige Mutter

Der erste von zehn dokumentierten Telefonmitschnitten stammt vom 14. März – einem Zeitpunkt also, zu dem zumindest die Mutter bereits ins Visier der Ermittler geraten sein muss. Gegenüber einer Bekannten schilderte die Angeklagte damals aus ihrer Sicht die Vorkommnisse in der Brandnacht. Sie sagte, sie habe geschlafen, bis Rettungskräfte ein Fenster im Erdgeschoss eingeschlagen hätten, um sie aus dem Haus zu befreien. Wie es zu dem Brand gekommen sei, wisse sie nicht.

Auch direkte Telefongespräche zwischen Mutter und Sohn hörten die Beamten ab. So rief der 48-Jährige seine Mutter am 28. März an und sagte, er habe Neuigkeiten. In der Aufnahme erwidert die 80-Jährige: „Ich habe auch Neuigkeiten.“ „Welche?“ „Ich bin der Brandstifter, sagt die Polizei.“ Die Frau führt aus, die Beamten hätten sie gleich mitnehmen wollen, sie habe sich jedoch geweigert. Wie es dazu gekommen sei? „Ich bin gesehen worden auf der Kamera.“

Diese war vom Sohn selbst im Innenhof angebracht worden. Die Aufnahmen, die die Polizei erst nach Anweisung der Telefonüberwachung untersucht hatte, hatten die Mutter schon am zweiten Verhandlungstag schwer belastet. Darauf zu sehen war, wie am 25. Februar um 0.58 Uhr im Haus ein Licht angeht. Es dauert wenige Minuten, dann springt eine größere Lampe im Innenhof an. Ausgelöst hat sie ein Bewegungsmelder, der über der alten Milchkammer angebracht ist. Der Eingang der Kammer ist nur wenige Meter von der Haustür der Frau entfernt. Sie bildet einen Durchgang zum Stall. Das Licht über der Milchkammer geht aus, dann kurz darauf wieder an. Dann, gut acht Minuten nachdem das erste Licht im Haus erschienen ist, ziehen aus Richtung des Stalls dicke Rauchschwaden ins Bild.

Prozess am Landgericht Memmingen: "Ich bin die Schuldige"

„Du bist halt öfter unterwegs in der Nacht“, sagt der Sohn, als ihn die Mutter mit den Videoaufnahmen seiner Kamera konfrontiert. „Das habe ich auch gesagt“, antwortet die Mutter. Beide schweigen kurz. Dann wieder der Sohn: „Na super. Naja, jetzt warten wir mal ab.“ Die Mutter: „Es ist bewiesen.“ Kurz darauf der Sohn: „Jetzt kommen sie dann auf mich.“ Die Mutter antwortet: „Ich bin die Schuldige.“ Sie äußert die Sorge, sie komme nun ins Gefängnis. Ihr Sohn lacht und sagt: „Eingesperrt wirst du nicht.“ Die Mutter: „Die haben Beweise, da kannst du nichts machen. Ich war da hinten.“

Am nächsten Tag bekommt die Angeklagte einen Anruf von einer weiteren Bekannten. Die damals 79-Jährige erzählt, die Kripo werfe ihr Brandstiftung vor. Wie die Beamten darauf kämen? „Ich weiß nicht, was er gesagt hat mit seiner Gosch“, sagt die Mutter und meint damit offensichtlich ihren Sohn. Gegenüber der Polizei habe sie erklärt: „Ich habe den Stall nicht angezündet. Aber wenn Sie das sagen, wird’s schon stimmen.“

Ein Polizeibeamter berichtete vor dem Landgericht von den Untersuchungen am Brandort. Dort sei der Angeklagte „unwahrscheinlich neugierig und interessiert“ gewesen, gar „aufdringlich“. „Ich hatte das Gefühl, er wollte mich ausfragen, was ich schon weiß“, sagte der Beamte. Als ein Spürhund an der Ecke des Stalls anschlug, von der der Brand mutmaßlich ausging, habe der Angeklagte auffällig reagiert: „Er hat sofort gesagt, an diesem Eck hätten kürzlich zwei Albaner gestanden, die bei der Pächter-Familie arbeiten“, erklärte der Polizeibeamte. Er habe den Eindruck gehabt, der Angeklagte habe die Pächter-Familie anschwärzen wollen.

Finanzielle Situation des Angeklagten dramatischer als angenommen

Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass der 48-Jährige am Tag vor der Brandnacht nach Ungarn reiste, um sich ein Alibi zu verschaffen. Er fuhr dort zu einem Jugendfreund. Dieser nannte vor Gericht als Besuchsgrund „Diskrepanzen“, die der Angeklagte mit seiner Frau gehabt habe. „Er brauchte Abstand.“ Der Besuch sei eher spontan gewesen. In der Nacht habe der Angeklagte dann von einem Familienmitglied den Anruf bekommen, dass der Stall brenne. „Er hat immer wieder gesagt: ’Es brennt, es brennt!’ Er war total wirr und ist fast ausgetickt“, sagte der 55-Jährige. „Das hat echt gewirkt, so habe ich ihn noch nie erlebt.“ Kurz darauf sei sein Freund wieder ins Unterallgäu gereist.

Nach Informationen unserer Redaktion ist die finanzielle Situation des 48-Jährigen noch dramatischer als bisher angenommen. Demnach laufen parallel zum Strafprozess vor dem Landgericht Memmingen gleich mehrere Zivilprozesse gegen ihn. Baufirmen, die am Umbau eines Stalls auf dem Hof beteiligt waren, klagen offene Rechnungen ein. Es geht um den Stall, der im vergangenen Jahr am 25. Februar frühmorgens abbrannte.

Wie der Prozess wegen Brandstiftung bislang verlief, lesen Sie hier:

Brandstiftung im eigenen Stall? Details belasten Sohn

Bauernhof brennt: Brandstiftung aus Verzweiflung?

Brandstiftung? Videoaufnahmen belasten Mutter schwer

Brandstiftung? Mutter und Sohn schweigen im Gericht

Brannten Mutter und Sohn den eigenen Hof ab?

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