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Unterallgäu
26.06.2019

Gewalt an Schulen: So ist die Lage im Unterallgäu

Zwei Schüler schlagen sich auf einem Schulhof. Wie steht es um die Gewalt in Unterallgäuer Schulen?
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Zwei Schüler schlagen sich auf einem Schulhof. Wie steht es um die Gewalt in Unterallgäuer Schulen?
Foto: Oliver Berg/Symbolbild (dpa)

Schulen haben viel unternommen, damit Konflikte nicht eskalieren. Dennoch müssen Lehrer immer wieder mit gewaltbereiten Schülern klarkommen.

Ein Erstklässler schlägt einem Mitschüler erst die Nase blutig und tritt noch auf sein Opfer ein, als dieses bereits am Boden liegt. An einer anderen Schule schlägt ein Bub einen Mitschüler mehrmals mit dem Kopf auf den Boden, zwei andere zwingen einen jüngeren, vor ihnen die Hose herunterzulassen: Wer solche und ähnliche Berichte von Eltern hört, kann den Eindruck gewinnen, dass an den Schulen im Landkreis mitunter raue Sitten herrschen.

Tatsächlich handele es sich dabei jedoch um absolute Einzelfälle, betonen Schulamtsdirektorin Elisabeth Fuß, Ute Wolfram, Rektorin der Mittelschule Mindelheim, Angela Börner, Rektorin der Mindelheimer Grundschule und Birgit Kraus, die an mehreren Schulen im Unterallgäu als Schulpsychologin tätig ist, im Gespräch mit der MZ. Während bayernweit immer mehr Fälle von Körperverletzung an Schulen registriert werden, sei im Unterallgäu das Gegenteil der Fall.

Im laufenden Schuljahr gingen zehn Anzeigen bei der Polizei ein

Im Jahr 2015 wurden laut der Statistik des Polizeipräsidiums Schwaben Süd/West 43 Schüler und ein Lehrer angezeigt, 2016 waren es 31, 2017 gingen 29 Anzeigen ein, im vergangenen Jahr 32 und im laufenden Schuljahr waren es bislang zehn. Die Bandbreite reicht von der am häufigsten angezeigten Körperverletzung über Beleidigung, gefährliche und schwere Körperverletzung, Bedrohung und Nötigung bis hin zu übler Nachrede. In der Statistik erfasst sind nicht nur Grund- und Mittelschulen, sondern auch alle anderen Schularten – und längst nicht alle Vorfälle. Denn oft wird die Polizei nicht eingeschaltet.

Deshalb und weil in einer Umfrage jeder fünfte Lehrer angegeben hatte, selbst schon einmal Opfer von körperlicher oder psychischer Gewalt geworden zu sein, hatte der Bayerische Lehrer- und Lehrerinnenverband im vergangenen Jahr gefordert, dass jede Schule eine Schulgewaltstatistik führen soll. Eine entsprechende Petition hat die CSU im Landtag aber abgelehnt. Und so bleibt es bei Schätzungen: Ute Wolfram spricht von ein bis zwei Fällen pro Jahr an ihrer Schule. Vereinzelte Handgreiflichkeiten habe es schon immer gegeben, gehäuft hätten sie sich aber nicht. Es sei jedoch möglich, dass sie teils härter geführt werden als vor einigen Jahren.

Manche Jugendliche seien an Gewalt gewöhnt, finden die Pädagoginnen

Durch die Mediennutzung seien manche Jugendliche an Gewalt gewöhnt. „Sie stumpfen ab und reagieren möglicherweise anders, als sie vor zehn Jahren reagiert hätten.“ Diesen Eindruck bestätigen auch Angela Börner und Schulpsychologin Kraus: Einzelne Schüler hätten kein Gespür, wo die Grenze ist und wann es genug ist. „Eine Eskalation, wie es oft dargestellt wird, habe ich so aber noch nie erlebt“, sagt Kraus.

Als vor einigen Jahren mehrere Schüler in der Turnhalle aneinandergeraten seien, hat Ute Wolfram gleich die Eltern, das Schulamt und auch die Polizei über den Vorfall informiert. Und als an einer Schule per WhatsApp Gewaltvideos verschickt wurden, hat Elisabeth Fuß den Eltern ebenfalls geraten, die Polizei einzuschalten. „Es gibt viele Situationen, wo wir die Polizei zur Klärung brauchen“, sagt sie. Das komme an allen Grund- und Mittelschulen im Landkreis etwa ein bis zweimal im Monat vor, dann allerdings nicht nur wegen Gewaltdelikten, sondern etwa auch, wenn der Verdacht im Raum steht, dass Drogen im Spiel sind. „Gewalt ist schon ein Thema – aber nicht hintennach, wenn’s schon passiert ist“, sagt sie.

„Wir sind präventiv sehr gut aufgestellt“, findet auch Ute Wolfram und verweist auf die Hausordnung, Klassen- und Gesprächsregeln, Streitschlichter und die Sozialpädagogen, die an vielen Schulen im Einsatz sind. Sie seien allerdings nicht installiert worden, weil die Schüler gewalttätiger geworden seien, sondern um den Schülern quasi als verlängerter Arm des Jugendamtes Rat und Hilfe anzubieten.

Ist Mobbing bereits in der Grundschule möglich?

Angela Börner glaubt, dass die Denke eine andere geworden ist: Vor 20 Jahren sei sie mit einem aggressiven Schüler allein dagestanden. Inzwischen gebe es Rückendeckung seitens des Schulamts, Angebote für die Kinder und auch die Eltern seien gesprächsbereit. Zudem ist sie überzeugt, dass Grundschüler sehr empathisch seien. „Die machen unbewusst Dinge, die nicht in Ordnung sind, sehen im Gespräch aber ein, dass sie sich falsch verhalten haben.“ Weil sie Gewalt gar nicht gezielt einsetzen könnten, spiele Mobbing an der Grundschule keine Rolle. Eine Studie der Ludwig-Maximilians-Universität kommt allerdings zum gegenteiligen Ergebnis: Bereits Grundschüler seien durchaus zu gezielten Attacken in der Lage, weshalb Mobbing auch schon bei den Kleinen ein massives Problem sein könne.

Fällt ein Schüler negativ auf, gibt es mehrere sogenannte „Ordnungsmaßnahmen“: Sie reichen von der Ermahnung, dem einfachen und dem verschärften Verweis über einen mehrtägigen Schulausschluss bis zur Versetzung in eine andere Klasse oder auch Schule. Letzteres sei in den vergangenen zehn Jahren an der Mittelschule Mindelheim allerdings kein einziges Mal vorgekommen. An der Grundschule musste jüngst ein Schüler die Klasse wechseln – allerdings nicht zur Strafe, wie die Schulamtsdirektorin betont. Wie beim Schulausschluss, der an den Grund- und Mittelschulen mehrmals im Jahr verhängt wird, handle es sich stattdessen um eine „Chance, Dinge neu zu strukturieren und zu ordnen“.

Es gehe darum, Abstand zur Situation zu gewinnen und einen Neuanfang zu ermöglichen. „Schule war zu jeder Zeit Teil des gesellschaftlichen Systems“, sagt Elisabeth Fuß. Deshalb spiegelten sich die gesellschaftlichen Herausforderungen, zu denen auch veränderte Familienstrukturen gehörten, auch in der Schule wider. Diese sei darauf aber eingestellt. „Es ist nach wie vor ein sehr schöner Beruf, junge Leute ein Stück in ihrem Leben zu begleiten“, sagt Ute Wolfram. „Ich könnte mir keinen schöneren Beruf vorstellen.“

Hier geht es zum Kommentar über das Thema Gewalt an Schulen: Der schöne Schein trügt

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