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04.01.2019

Unterallgäuerin erlebt „Märchensommer“ in den Bergen

Um vier Uhr morgens begann der Tag auf der Alpe im Stall bei den Kleintieren: Anschließend holte die Unterallgäuerin die 17Kühe zum Melken. Den morgendlichen Sternenhimmel und die Ruhe hat sie dabei besonders genossen.
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Um vier Uhr morgens begann der Tag auf der Alpe im Stall bei den Kleintieren: Anschließend holte die Unterallgäuerin die 17Kühe zum Melken. Den morgendlichen Sternenhimmel und die Ruhe hat sie dabei besonders genossen.
Bild: Bettina Riedele

Bettina Riedele hat einen Teil des Jahres auf einer Oberallgäuer Alpe verbracht. Sie hatte dort viel zu tun, erlebte aber auch unbeschreibliche Momente.

Das Souvenir aus diesem Sommer ist groß und laut: Viereinhalb Monate hat die Unterallgäuerin Bettina Riedele auf einer Oberallgäuer Alpe verbracht – und als Erinnerung gaben ihr der Senner und seine Familie eine gebrauchte Kuhschelle mit, inklusive Gravur, die an „Bettis Alpsommer 2018“ erinnert. Die 28-Jährige weiß dieses außergewöhnliche Geschenk sehr wohl zu schätzen: „Das ist der Wahnsinn“, sagt sie und ihre Augen leuchten. „Normal gibt keiner eine gebrauchte Schelle her.“

Noch nie zuvor hat die Senner-Familie der Alpe Bärenschwand nahe Oberstaufen einem „Saisonarbeiter“ ein solches Geschenk gemacht. Bettina Riedele ist die Erste und sie hat diesem „Märchensommer“, wie sie ihn nennt, noch mehr zu verdanken: „Was ich mitgebracht hab: Schelle, Filzhut, steirische Harmonika, die ich jetzt lern, und eine zweite Familie.“ Sie ist sich sicher: „Das ist eine Freundschaft, die hält ein Leben lang.“

Dabei war es war reiner Zufall, dass die Unterallgäuerin im Frühjahr dieses Jahres noch einen Platz auf der Alpe bekommen hatte – ihre Vorgängerin hatte kurzfristig abgesagt. Schon vom ersten Tag an habe sie sich wohlgefühlt beim Senner, dem Opi und dem Rest der Familie, der am Wochenende kam und mithalf, berichtet Bettina Riedele nun, wo sie wieder zuhause ist.

Ein normaler Tag auf der Alpe begann um vier Uhr morgens mit der Stallarbeit bei den Kleintieren. Danach holte Bettina Riedele die Kühe von der Weide. „Der Sternenhimmel am Morgen war so brutal! Und die Ruhe ...“, schwärmt sie. Sie lauschte, wo die Kühe sind und lief dann los – oft noch mit Taschenlampe bewaffnet, die sie auf dem Rückweg schon nicht mehr benötigte. Im Stall angekommen, ging jede der 17Kühe an ihren Platz, um gemolken zu werden – auch da half die 28-Jährige mit. Während sie anschließend mit Opi zum Frühstücken ging, machte der Senner den Käse. Zweimal in der Woche stand Buttermachen auf dem Programm.

Bei ihren Wanderungen war sie einsam aber frei

Auch für Bettina Riedele ging die Arbeit weiter: Welcher Tag ist heute? Wie ist das Wetter? Wie viele Kuchen brauche ich? Fragen, die sie sich morgens stellen musste. Eine Stunde hatte sie noch Zeit für sich, zum „Naliegen oder Laufen“. Die Entscheidung fiel ihr selten schwer: „Ich bin meistens gelaufen“, sagt sie. Einsam sei sie bei ihren Wanderungen gewesen, aber frei. „Wenn die Touris unterwegs sind, sieht man die Welt gar nicht so, wie ich sie gesehen hab.“

Abends, wenn die Brotzeiten und Kuchen verkauft und die Wanderer schon wieder weg sind, wenn das Abendessen gemacht und das Haus aufgeräumt war, dann ging sie oft ein zweites Mal raus, um die Natur, die Stille und die Weite der Berge zu genießen. Am Abend saßen die junge Frau und die beiden Männer häufig draußen, beim Hoigata oder einfach nur, um zu genießen.

„Der Opi“ habe ihr viel über die Alpwirtschaft beigebracht, sie hat mit ihm 66 gespielt oder Memory, berichtet Bettina Riedele. Zwei Mal hat sie mit Rosi, der Schwester des Senners, und deren Kindern draußen geschlafen. Sie haben einfach die Bänke zusammengeschoben, Matratze und Bettzeug drauf und den Sternenhimmel genossen. „Ich hab noch nie so viel Sterne gesehen“, sagt Bettina Riedele. Ein Ritual hat sie vom Senner und dem Opi übernommen: das Beten vor und nach dem Essen. Sich nicht gleich drauf zu stürzen, sobald das Essen auf dem Tisch steht, sondern einen Moment innehalten, das findet sie besonders schön. „Das ist eine ganz andere Wertschätzung.“

Über Besuch aus dem Unterallgäu hat sie sich gefreut

Es hat sie gewundert und sehr gefreut, wie viel Besuch aus der Heimat sie oben auf der Alpe bekommen hat, von guten Freunden, aber auch von anderen, die sie gar nicht so gut kannte. „Die haben sich den ganzen Tag Zeit genommen, um mich zu besuchen.“ Die 28-Jährige kann es immer noch kaum glauben.

Eines Tages war ein Kaminkehrer auf der Alpe – und sie fragte ihn, ob sie seinen goldenen Knopf berühren dürfe. Kurz darauf kam ihr ehemaliger Chef vorbei. Dieser Besuch hat sie besonders gefreut. Kaum war er wieder verschwunden, da kam eine Frau, die sie anstrahlte und im Gegenzug über sie sagte: „Sie strahlen ja so.“ Und deshalb schenkte die Frau ihr ein vierblättriges Kleeblatt, das sie soeben gefunden hatte. Wenn Bettina Riedele davon erzählt, kann sie es selbst kaum glauben, dass ihr dies passiert ist – doch das getrocknete Kleeblatt in ihrem großen Kochbuch ist der Beweis.

Auf schlechte, traurige Momente angesprochen, ist die Unterallgäuerin ratlos. „Das Einzige, was traurig war, war die Zwiebeln für die Brotzeit zu schneiden“, sagt sie fröhlich. Doch dann kommt die Erinnerung an dem Almabtrieb Ende August zurück. Erst habe sie dazu ein Fest veranstalten wollen, sagt die 28-Jährige, wie bei den Viehscheiden, nur kleiner. Doch die Alpler hatten ihr schnell klar gemacht, dass es sich dabei um einen „Trauertag“ handelte. Und so war es dann auch: „richtig traurig“.

Sie wird auf jeden Fall wiederkommen

Bettina Riedele selbst ist bis Mitte Oktober auf der Alpe geblieben – und auch hier war der Abschied schlimm. „Aber wir haben ausgemacht, dass ich wieder komme“, sagt sie und lacht schon wieder. „Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht dran denk, wie lang’s no ist.“

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