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Unterallgäu

31.01.2020

Vermisst! Auf der Suche nach einem Lebenszeichen

In Vermisstenfällen finden Suchaktionen zu Lande, im Wasser und aus der Luft statt.
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In Vermisstenfällen finden Suchaktionen zu Lande, im Wasser und aus der Luft statt.
Bild: dpa

Plus Wenn ein Mensch vermisst wird, geht die Polizei verschiedene Wege. Doch es gibt auch Fälle, in denen die Beamten Angehörigen eine Absage erteilen müssen.

346 Mal ist es in den vergangenen beiden Jahren im Unterallgäu und in Memmingen vorgekommen, dass ein Mensch als vermisst gemeldet wurde. Die gute Nachricht: Meist war binnen kürzester Zeit klar, was mit diesem Menschen passiert ist. „95 Prozent der Fälle lösen sich innerhalb der ersten Woche“, sagt Thorsten Ritter, der Leiter der Memminger Kriminalpolizei. Ist ein Mensch auch nach Wochen und mithilfe verschiedenster Suchmethoden der örtlichen Polizei nicht wieder aufgetaucht, so landet der Fall in seiner Behörde, genauer gesagt bei Kommissariatsleiter Werner Stetter und seinem Team. Sie kümmern sich um Tötungs- und Sexualdelikte, Brände, aber eben auch um vermisste Personen. Dabei steht die Polizei immer wieder in einem Spannungsverhältnis, wie Stetter schildert: „Für Angehörige ist es oft nicht nachvollziehbar, warum jemand verschwindet“, sagt er – und sein Chef Thorsten Ritter ergänzt: „... und warum die Polizei nicht sucht.“

Wann die Polizei nicht nach einem Vermissten sucht

Es ist gar nicht so unwahrscheinlich, dass Angehörige einen Menschen als vermisst melden, die Polizei aber nicht nach ihm fahndet. Denn grundsätzlich darf jeder erwachsene Mensch erst einmal selbst entscheiden, wo er oder sie sich aufhalten möchte. Wer von heute auf morgen seinen Lebensmittelpunkt verlässt und sich ins Ausland absetzt, der verletzt damit vielleicht die Zurückgebliebenen, macht sich aber nicht strafbar. „Wenn das der reine Aussteiger ist, ist das für uns kein Vermisstenfall“, sagt Ritter. Er nennt das Beispiel eines Mannes aus Oberbayern, der von heute auf morgen verschwunden ist und sich 17 Jahre lang in Neuseeland aufgehalten hat. Wird jemand als vermisst gemeldet, prüft die Polizei anhand verschiedener Anzeichen, ob ein Mensch freiwillig verschwunden ist – oder eben nicht.

Wenn Gefahr für Leib und Leben der Person droht – etwa, weil sie angekündigt hat, sich selbst das Leben zu nehmen –, hat die Polizei eine Handhabe, nach dieser Person zu suchen. Bei Kindern, Jugendlichen geht die Polizei sofort von einer Gefahr aus, wenn sie ihren Lebensbereich verlassen. Wenn Kranke, etwa mit Demenz, im Winter allein und womöglich leicht bekleidet unterwegs sind, wird natürlich ebenfalls schneller reagiert.

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Eine öffentliche Fahndung widerspricht erst mal dem Persönlichkeitsschutz

Nicht immer geht die Polizei gleich mit Namen und Bild eines Vermissten an die Öffentlichkeit – auch das ist eine Sache, die Angehörige nicht immer verstehen. Doch erst einmal gilt der Persönlichkeitsschutz. Durch eine öffentliche Suche würden Menschen vielleicht stigmatisiert, obwohl sie einfach nur ein paar Tage ihre Ruhe haben wollten, erklärt Ritter. Auch hier gilt: Nur bei konkreten Anhaltspunkten, dass eine Gefahr besteht, wird per Öffentlichkeitsfahndung gesucht, und das auch nur mit richterlichem Beschluss. „Der Satz der Ehefrau ,Wir haben uns gestritten und vielleicht bringt er sich bald um’ reicht dafür nicht aus“, erklärt Ritter.

Die schwierige Aufgabe für die Polizei ist in solchen Fällen, herauszufinden, ob wirklich eine Gefahr besteht, oder ob das Verschwinden der eigene Wille des Vermissten ist. Die Angehörigen sind dabei die wichtigsten Zeugen, erklärt Stetter. „Jeder Fall wird ernstgenommen.“ Und jeder Fall werde auch individuell geprüft – selbst der 15-jährige Streuner, der zum siebten Mal in diesem Jahr vermisst wird, ergänzt Ritter. „Es geht um ein Menschenleben und vielleicht befindet sich dieser Mensch ja gerade in einer Ausnahmesituation.“

Eine öffentliche Suche über soziale Netzwerke durch die Angehörigen sehen die Polizisten mit gemischten Gefühlen. Einesteils wird so natürlich eine große Öffentlichkeit geschaffen, doch diese sei nur selten zielgerichtet und ist in manchen Fällen sogar kontraproduktiv, weil dadurch Druck ausgeübt wird. Angehörige sollten sich in Thorsten Ritters Augen deshalb immer fragen: Was mache ich mit den Hinweisen? Bringen sie etwas? Würde der oder die Vermisste es wollen, dass sein oder ihr Gesicht im Internet zu sehen ist und daraus auch vermutlich nicht mehr verschwindet?

Die Polizei sucht mit Hubschraubern und Suchhunden nach einem Vermissten

Zunächst einmal sucht die örtliche Polizeiinspektion nach einem Vermissten, auch mithilfe von Hubschraubern und Suchhunden sowie einer Ausschreibung im internationalen Fahndungssystem. Sind alle diese Maßnahmen erfolglos, kümmern sich Stetter und seine Leute von der Kripo um die Vermisstenfälle. Diese sogenannten Langzeitvermisstenfälle aus der Region lassen sich an einer Hand abzählen. Hier forscht die Polizei nach einer Antwort auf die Frage: „Gibt es irgendwo ein Lebenszeichen?“

Die Polizei nimmt dazu Kontakt mit allen möglichen Anlaufstellen auf: mit Banken, Botschaften oder Ämtern, schaut aber auch in sozialen Netzwerken wie Instagram, Facebook oder Twitter, ob ein vermisst Gemeldeter vielleicht dort aktiv ist.

Zudem versucht die Polizei, eine DNA-Probe zu erheben, und fragt den Zahnstatus des Vermissten ab: Falls ein unbekannter Toter gefunden wird, so kann automatisch über die Datenbank abgeglichen werden, ob es sich um den oder die Vermissten handelt – auch, wenn der Leichnam im Ausland entdeckt wurde. Das ist auch der Grund, warum die Polizei solche Vermisstenfälle nie „zumacht“, sondern immer von Sachbearbeiter zu Sachbearbeiter weitergibt.

Ein vermisster Mensch kann nach zehn Jahren für tot erklärt werden

Bleibt ein Erwachsener trotz aller Suchmaßnahmen verschwunden, wird ein sogenannter Abwesenheitspfleger nach dem Verschollenheitsgesetz bestellt, der sich um den Nachlass des Vermissten kümmert. Einen Menschen für tot erklären lassen, könne man erst nach zehn Jahren, erklärt Ritter – was übrigens nicht Aufgabe der Polizei, sondern eines Zivilgerichts ist.

Ein Vermisstenfall, der Stetter besonders im Gedächtnis geblieben ist, ist die in Memmingen lebende Syrerin. Sie wurde im Sommer 2017 von der Familie als vermisst gemeldet. Erst sei man nicht vom schlimmsten ausgegangen, sagt Stetter, doch bald habe man sich in den Ermittlungen gefragt: Hat die Mutter freiwillig ihre Familie verlassen? Nichts habe darauf hingedeutet – bis wenige Wochen später in einem Schacht im benachbarten Memmingerberg ihre Leiche gefunden wurde. Ihr Ehemann und ihr Schwager wurden im Januar 2019 wegen Mordes verurteilt. Dass eine Vermisstensuche ein solches Ende nimmt, „ist aber der absolute Ausnahmefall“, betont Kripochef Ritter.

Lesen Sie hier mehr über Vermisstenfälle aus der Region:

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