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Eppishausen

17.11.2019

Vermisster Unterallgäuer: Post aus der Vergangenheit

Eine Geldbörse mit ein paar Münzen, einem Rosenkranz und zwei Rentenmark als Geldschein: Diese Habseligkeiten sind von dem vermissten Michael Dietmayer an die Familie nach Eppishausen zurückgeschickt worden.
Bild: Johann Stoll

Plus Seit 75 Jahren ist Michael Dietmayer aus Eppishausen vermisst. Heuer kamen sehr persönliche Sachen zur Familie zurück - und zwar überraschend.

Leo Dietmayer ist in Eppishausen auf einem kleinen Bauernhof aufgewachsen. Ihm war nur ein kurzes Leben geschenkt. Leo starb im Alter von 21 Jahren als junger Wehrmachtssoldat am 19. September 1943 in Russland, als er versuchte, einen schwer verwundeten Kameraden aus der Schusslinie zu ziehen und selbst getroffen wurde. Die Todesnachricht hat die Eltern und fünf Geschwister – drei Mädchen und zwei Buben – tief getroffen. Nur ein gutes halbes Jahr später musste auch der jüngere Bruder Michael in den Zweiten Weltkrieg ziehen. Im April 1944 wurde er mit noch nicht ganz 17 Jahren eingezogen und legte den Zwangseid auf den „Führer“ ab. Irgendwann im Sommer 1944 verliert sich seine Spur in Frankreichs Süden.

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Lange Zeit bestand keine Hoffnung mehr, etwas über den Verbleib des Buben zu erfahren. Jahre später meldete sich dann ein früherer Kamerad. Er berichtete der Familie, Michael sei mit anderen deutschen Soldaten auf einem offenen Lastwagen gesessen. Da seien Schüsse gefallen. Michael sei tödlich ins Herz getroffen worden, so der Zeuge. Von offizieller Seite ist der Tod nie bestätigt worden. Auch die Erkennungsmarke, die jeder Soldat bei sich trug, war nie mehr aufgetaucht.

Die Palmen verraten den Süden: Michael Dietmayer aus Eppishausen als junger Soldat in Südfrankreich.

Die Eltern haben die Trauer mit ins Grab genommen

Die Eltern haben ihren Kummer über den Verlust ihrer beiden Söhne mit ins Grab genommen wie so viele ihrer Generation. Und auch Karl, der einzig Überlebende der drei Brüder, ist 2013 gestorben. Er hätte sich unbändig gefreut, wenn er noch etwas von Michael erfahren hätte, erzählt seine Witwe Elisabeth, die inzwischen 85 Jahre alt ist und selbst Opfer dieses mörderischen Zweiten Weltkrieges war. Als junges Mädchen musste sie ihre Heimat Sudetenland verlassen und kam so nach Eppishausen.

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Niemand hat bei Familie Dietmayer mehr erwartet, dass sie noch etwas von dem vermissten Michael erfahren würden, schon gar nicht nach so langer Zeit. Umso größer war das Erstaunen, als Karl Dietmayer eines Tages in der Post ein Briefpaket fand, das an ihn adressiert war. Absender: Bundesarchiv Berlin. Im zweiseitigen Anschreiben steht, dass es sich bei der Zusendung um persönliche Sachen des in Frankreich gefallenen Wehrmachtsangehörigen Michael Dietmayer handelt. Es war der Onkel von Karl Dietmayer, der viel zu früh gestorben war, auf dass sie sich hätten je kennenlernen können.

Elisabeth Dietmayer hat nicht mehr an ein Lebenszeichen geglaubt.
Bild: Johann Stoll

Die Post kam von Berlin nach Eppishausen

Das Französische Rote Kreuz hatte nach so langer Zeit hatte die persönlichen Gegenstände an die deutschen Behörden übermittelt. Und weil zum Januar 2019 diese Fundstücke offiziell dem Bundesarchiv übereignet wurden, hat die Berliner Behörde versucht, Angehörige ausfindig zu machen, um die Gegenstände zurückzugeben. Im Falle Dietmayer wurden sie in Eppishausen fündig.

In dem kleinen Päckchen befanden sich all die Dinge, die Michael damals mit in den Krieg genommen hat. Eine Impfbescheinigung war dabei, ein Zeugnis, der Dienstausweis des Reichsarbeitsdienstes, eine braune Leder-Ausweishülle, ein Bleistift, ein Taschenmesser und ein Kamm. In der Geldbörse befanden sich ein Zwei-Rentenmark-Geldschein, ein paar Pfennig-Münzen, zwei Briefmarken, ein Heiligenanhänger und ein Rosenkranz. Auch ein handgeschriebener Zettel des französischen Roten Kreuzes war beigefügt. Erhalten geblieben ist auch der Mitgliedsausweis der Hitler-Jugend, zu der Michael mit zehn Jahren kam. Auch Brotmarken für Wehrmachtsangehörige waren dabei.

Auch ein Brief von der Schwester an den Soldaten ist dabei

Und da ist noch dieser Brief, den ihm eine seiner drei Schwestern, die Beppi, nach Frankreich geschickt hat. Sie erzählt darin, wie es daheim auf dem Bauernhof so zuging. Das Wetter sei sehr wechselhaft gewesen damals im Juli 1944. Sie wollte nach Ziemetshausen am Sonntag zum Beten fahren, hat das dann aber wegen des schlechten Wetters bleiben lassen. Die Gerste sei gemäht worden. Aber vor allem mache der Kartoffelkäfer zu schaffen. Den hätten die Amerikaner abgeworfen, schreibt sie. Heute weiß man: Das hat nie stattgefunden, das war Propaganda an der Heimatfront im Nationalsozialismus.

Auch diese Brotmarken fanden sich in dem kleinen Briefpaket, das das Bundesarchiv aus Berlin den Angehörigen zugeschickt hat.
Bild: Johann Stoll

Die Beppi erzählt auch von der neuesten Todesnachricht aus dem Dorf. Franz Nägele war mit dem Flugzeug über Italien abgestürzt. Dabei war er doch erst zum Leutnant befördert worden. Daheim seien alle gesund sie hofften alle, dass es auch ihm gut gehe.

Beppi schrieb auch für Vater, Mutter und Heinz. Letzterer war ein Hirtenbub auf dem kleinen Hof. Kurz nachdem der Brief in Frankreich angekommen war, verliert sich die Spur von Michael. Heute, 75 Jahre später, sind nur ein paar persönliche Sachen zurückgekommen. Wo Michael begraben liegt, weiß niemand.

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