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Kongress

27.04.2015

Versöhnung ist möglich

Zeina Barakat berichtete in Bad Wörishofen über eine denkwürdige Spurensuche palästinensischer Studenten zum Thema Holocaust.
Bild: Daniela Hölzle

Zum Auftakt der Veranstaltung „Freiheit – wozu?“ wartet eine emotionale Spurensuche zum Thema Holocaust

Reconciliation – Versöhnung: Mit diesem Wort können die vier Festvorträge am ersten Abend des Kongresses „Freiheit – wozu?“ in Bad Wörishofen überschrieben werden. Eine erste Einführung gab Martin Leiner, Leiter des Jena Center for Reconciliation Studies. Er erläuterte ein trilaterales Projekt zur Versöhnungsforschung, das in Zusammenarbeit mit der Friedrich-Schiller-Universität Jena, der Ben-Gurion-Universität in Be’er Scheva und der Universität Tel Aviv initiiert wurde. Als weitere Referenten sprachen auch Arie Nadler über „Die Rolle der opferzentrierten Identität in Konflikt und Versöhnung“ und Shifra Sagy zum Thema „Ist es möglich, Empathie zu haben mit dem Leiden unseres Feindes? Ein kleiner Schritt auf dem langen Weg zur Versöhnung.“ Beide sind maßgeblich an diesem Forschungsprojekt beteiligt.

Im Rahmen eben dieses Projektes reisten im vergangenen Jahr 27 palästinensische Studenten nach Auschwitz, um sich über den Holocaust zu informieren. Die Doktorandin Zeina Barakat war Mitorganisatorin der Reise. In ihrem Vortrag „Einfühlungsvermögen für die Gegner?“ schilderte sie ihre Eindrücke. Der Holocaust werde kaum in palästinensischen Schulbüchern erwähnt, und in den wenigen Büchern in arabischer Sprache zu diesem Thema werde er geleugnet.

Auch die Studenten diskutierten anfangs in Auschwitz-Birkenau heftig, ob denn das, was sie im Lager sahen, die Wahrheit sei, oder nur ein Mythos, verbreitet von den Juden, die das Lager überlebt hatten? War es ein Trick, um von der internationalen Gemeinschaft Unterstützung für die Schaffung einer jüdischen Heimstätte in Palästina zu bekommen? Dass die Gruppe am ersten Tag zwei jüdische Zeitzeuginnen als Begleiter hatte, sei eher kontraproduktiv gewesen, berichtete die Referentin. Als diese von den Geschehnissen berichteten und dabei, von ihren Gefühlen überwältigt, zu weinen begannen, hätten die Studenten wütend reagiert. Sie fühlten sich unter Druck gesetzt, durch die Tränen der beiden Frauen Mitgefühl entwickeln zu müssen, so Barakat.

Andere Umstände hingegen hinterließen tiefe Eindrücke. „Als wir das Konzentrationslager betraten, war das Wetter kalt; es hatte gefroren. Ich hatte noch nie eine solche Kälte erlebt. Mir ging die Frage durch den Kopf: Wie kann man diese Kälte überleben? Was war mit den Kindern und den Frauen, die dort waren? Wie konnten sie ohne Heizung und warme Kleidung überleben?“ Beim Anblick einer engen Gasse zwischen den Baracken erinnerte sich eine Studentin mit Entsetzen an die neun Jahre, die sie in einem israelischen Gefängnis verbracht hatte.

In den Medien und insbesondere auf Facebook habe diese Reise einen Sturm der Entrüstung hervorgerufen. Die mitgereisten Studenten sahen sich dabei dem Vorwurf ausgesetzt, unpatriotisch zu sein, denn das Wort „Holocaust“ bedeute für viele Palästinenser die Aufgabe ihrer nationalen Rechte zu Gunsten der Israelis, berichtet Barakat. Die palästinensischen Studenten sind aber in der Überzeugung nach Auschwitz gereist, dass ein vertieftes Wissen über den Holocaust dazu beitragen könne, den Weg zum Frieden zu ebnen.

Zeina Barakat regte an, dass der Holocaust künftig in die Lehrpläne Palästinas aufgenommen werden soll, „ebenso Völkermorde im Allgemeinen einschließlich anderer Massaker wie dem Völkermord an den Armeniern 1915, der palästinensischen Nakba 1948, dem Völkermord in Kambodscha, das Massaker in Ruanda 1994 und andere.“ Dies könne die Empathie fördern und ein entscheidendes Instrument für Versöhnung und Koexistenz werden. (dani)

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