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Volksbegehren: Die Bauern nicht an den Pranger stellen

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Kommentar Von Johann Stoll
08.02.2019

Unser Autor erläutert, warum das laufende Volksbegehren in die falsche Richtung geht.

Das laufende Volksbegehren „Rettet die Bienen!“ ist doch eine feine Sache. Ich kenne jedenfalls niemanden, der sagen würde, Bienen seien nicht wichtig. Also fahren wir vor die Rathäuser, schreiben unseren Namen in eine Liste und fahren mit gutem Gefühl wieder nach Hause. Welt gerettet, so einfach ist das.

Aber im Ernst: Es ist gut, dass endlich der Blick auf ein Problem gelenkt wird, das unser aller Zukunft betrifft. Es geht ja nicht nur um die Bienen. Jahr für Jahr verschwinden Tier- und Pflanzenarten für immer, auch in Bayern. Das zu ändern ist eine gesamtgesellschaftliche Herausforderung. Wer mit dem Finger nur auf die Landwirte zeigt, macht es sich viel zu leicht. Es ist richtig, dass die moderne Landwirtschaft einen gehörigen Anteil zum Rückgang der Insekten und damit in der Folge auch anderer Tierarten wie Vögel beiträgt. Aber die bäuerlichen Familienbetriebe sind längst selbst zur bedrohten Art geworden.

Die Zahl der Insekten hierzulande ist in den vergangenen 30 Jahren um 77 Prozent zurückgegangen. Die Zahl der Milchviehbetriebe in den vergangenen 50 Jahren ging um 93 Prozent zurück. Ein Milchbauer aus dem Raum Mindelheim sagte mir dieser Tage, er produziere heute viermal so viel Milch wie sein Vater, und doch kann er davon gerade so leben.

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Der Anteil von Bio-Lebensmitteln in Deutschland beträgt 5,3 Prozent. Für die Grünen haben mehr als 17 Prozent der Wähler gestimmt. Da klafft erkennbar eine Glaubwürdigkeitslücke. Man könnte auch sagen: Da ist ganz viel Scheinheiligkeit im Spiel.

Der Bauernverband hat sich leider in einer Position eingeigelt, die dem Problem nicht gerecht wird. Bloß nichts verändern, so könnte man das zusammenfassen. Bisher ist es beiden Seiten nicht gelungen, miteinander ins Gespräch zu kommen. Die Bauern sehen in dem Volksbegehren vor allem einen Angriff auf ihr Eigentum. Und viele Naturschützer stellen die Bauern in eine Ecke, als ob diese keinen Sinn für die Natur hätten. Schwarz-weiß-Denken führt aber nur zu Verhärtung und nicht zu Verbesserungen.

Es sollte allen klar sein: Jeder muss seinen Beitrag leisten und seinen Lebensstil überdenken. Das Artensterben ist kein bloßes Thema für die Bauern. Blühwiesen nur von den Bauern zu verlangen, greift zu kurz. Da sind auch die Kommunen und alle Privatgartenbesitzer gefordert. Vielleicht ließen sich auch die Schulen motivieren, mitzumachen. Jede Klasse könnte sich um ein paar Quadratmeter Blühflächen kümmern. Die Zusammenhänge in der Tier- und Pflanzenwelt ließen sich so der Generation Smartphone gut vermitteln.

Was läuft schief? Ein paar Beispiele gefällig? Mähroboter, die jedes Blümchen kappen, tragen dazu bei, dass Insekten wie Bienen weniger Nahrung finden. Wem das bisschen Grün sogar zu viel Natur ist, der legt sich gleich eine Steinwüste als Garten an.

Kommunen, die ihre öffentlichen Flächen wie Kreisverkehre oder Straßenränder regelmäßig mulchen lassen, verhindern so das Blühen von Pflanzen. Und wenn Städte und Gemeinden in ihren Bebauungsplänen heimische Hölzer und Bäume für die Privatgärten vorschreiben, sollte das auch durchgesetzt werden. In einem Mindelheimer Baugebiet zum Beispiel ist es untersagt, Thuja-Hecken zu pflanzen, die ökologisch kaum einen Wert haben. Warum aber wird dann überall geduldet, dass diese Hecken gepflanzt werden?

Beispiel Medikamente. Tonnenweise gelangen chemische Stoffe über die Abwässer in unsere Natur. Fachleuten bereitet das zunehmend Sorgen, weil in den Kläranlagen nur ein Teil dieser Stoffe herausgefiltert werden kann. Es ist also keineswegs nur die Turbo-Landwirtschaft mit ihren Pestiziden, die die heimische Tierwelt in die Zange nimmt. Und wer sich gerne in den Billigflieger setzt, dem muss schon bewusst sein, dass das Folgen für die Umwelt hat. Die toxikologischen Langzeitwirkungen von Kerosin sind noch gar nicht umfassend erforscht.

Beispiel Flächenfraß: Trotz aller Lippenbekenntnisse aus der Politik wird jeden Tag in Bayern die Fläche von 18 Fußballfeldern zugebaut. Wiesen und Äcker verschwinden, und immer gibt es nachvollziehbare Gründe.

Das Volksbegehren mag ein Weckruf sein. Die Schuldigen vor allem bei den Bauern festzumachen, ist einfach, greift aber viel zu kurz. Was wir brauchen, ist eine gesamtgesellschaftliche Debatte mit mehr Ehrlichkeit. Am besten fängt jeder bei sich selber mal an. Bringen wir alle dieses Jahr zum Blühen.

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Die Diskussion ist geschlossen.

12.02.2019

Der Titel und Untertitel passt meiner Meinung nach nicht zum Inhalt. Denn dieser Kommentar zeigt nicht auf, warum das Volksbegehren in die falsche Richtung geht, vielmehr entnimmt man diesem Kommentar, dass das Volksbegehren allein nicht ausreicht um die Artenvielfalt zu schützen/retten.

Die Initiatoren stellen in keiner Weise die Bauern an die Pranger. Vielmehr verbreitet der Bauernverband diese Ansicht.
Wenn überhaupt, dann wird die Agrarpolitik an den Pranger gestellt (und die wird wohl vom Bauernverband mit beeinflusst).
Das Volksbegehren wird auch von diversen Öko-Bauernverbänden unterstützt.

Der Autor bleibt auch eine Erklärung schuldig, was 77 Prozent weniger Insekten in 30 Jahren gegenüber 93 Prozent weniger Milchviehbetriebe in 50 Jahren aussagen. Hängt das eine mit dem anderen Zusammen? Ist das Insektensterben im Vergleich zum "Bauernsterben" harmlos? Ist es Kritik an der Agrarpolitik? Hat das eine mit dem anderen überhaupt einen Zusammenhang?

Übrigens wird in den FAQ des Volksbegehrens ( https://volksbegehren-artenvielfalt.de/faq-artenvielfalt/ ) klargestellt, warum z.B. Flächenverbrauch und Privatgärten nicht integriert werden konnten - Stichwort "Kopplungsverbot".
Ebenso bezieht sich das Volksbegehren auf 10% der Landesfläche und nicht 10% von jedem Bauern. Somit gehören dazu auch öffentliche Flächen, wie die in diesem Kommentar beschriebenen Kreisverkehre, Straßenränder etc. der Kommunen.

Nebenbei wird dann in einem Kommentar gegen Bauern-Bashing ganz heiter Grünen-Bashing betrieben (ohne Begründung warum).
Wo das Volksbegehren doch von zahlreichen anderen Gruppen und Parteien unterstützt wird. Und vermutlich werden nicht nur Grünen-Wähler für das Volksbegehren gestimmt haben. Da die Parteizugehörigkeit aber nicht erfasst wird, kann das niemand (auch nicht der Autor) wissen.
Was 17% Grünen-Wähler direkt mit 5,3 % Bio-Lebensmittel-Anteil zu tun haben, ist mir auch schleierhaft. Hätten wir 17% Bio-Lebensmittel, wenn alle Grünen-Wähler Bio kaufen würden? Sind alle CSU/CDU-Wähler auch der katholischen/evangelischen Kirche angehörig, wo doch klar "christlich" im Parteinamen steht?
Warum hört das Denken heutzutage immer noch an Parteigrenzen auf? Muss ich gegen etwas sein, nur weil eine andere, als von mir gewählte, Partei etwas initiiert? - Denn wie der Autor schon richtig schreibt: "Schwarz-weiß-Denken führt aber nur zu Verhärtung und nicht zu Verbesserungen."

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11.02.2019

Ein Klasse Kommentar - brilliant geschrieben!

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