Newsticker
Bericht: Merkel lässt sich am Freitag mit AstraZeneca impfen
  1. Startseite
  2. Lokales (Mindelheim)
  3. Vorsorge: Damit der Wille des Patienten zählt

Unterallgäu

27.01.2020

Vorsorge: Damit der Wille des Patienten zählt

Vorsorge treffen für den Ernstfall, dafür wirbt der Ärztliche Direktor der Unterallgäuer Kliniken.
2 Bilder
Vorsorge treffen für den Ernstfall, dafür wirbt der Ärztliche Direktor der Unterallgäuer Kliniken.
Foto: Patrick Pleul/dpa

Warum Patientenverfügung und Vorsorgevollmacht wichtig sind und worauf man achten sollte, erläutert der Ärztliche Direktor der Unterallgäuer Kliniken.

Wer mag sich schon ausmalen, wie das wäre, wenn er plötzlich schwer krank und handlungsunfähig im Krankenhaus läge, oder er wegen einer schweren Demenz nicht mehr selbst entscheiden könnte? Und darüber nachdenken, wann er sein Leben noch für lebenswert hält und in welchem Fall er vielleicht lieber sterben würde? Die Antworten darauf sind schließlich nicht leicht – aber überaus wichtig, wie der Ärztliche Direktor der Unterallgäuer Kliniken, Dr. Manfred Nuscheler, aus Erfahrung weiß.

Er wirbt dafür, sich über das Thema Patientenverfügung und Vorsorgevollmacht Gedanken zu machen und diese unbedingt mit einer nahe stehenden Person zu teilen. Das erleichtere es ungemein, herauszufinden, welcher Behandlung der Patient zugestimmt hätte – und welcher wohl eher nicht. Hat er nichts verfügt, „sind die Ärzte gesetzlich verpflichtet, den mutmaßlichen Willen des Patienten zu ermitteln“, so Nuscheler. „Das kann eine Detektivarbeit sein.“

Gleichzeitig stellt er aber auch klar: „Im Notfall müssen wir einfach handeln. Da ist keine Zeit, um eine Patientenverfügung zu sondieren. Das ist kein Instrument, um den Notfall zu regeln.“ Auf die Zeit danach kann sie dann aber eben sehr wohl Auswirkungen haben. „Patientenverfügung und Vorsorgevollmacht dienen einer patientenorientierten Medizin. Das ist das, was wir wollen.“

Als Beispiel nennt er den Fall einer 65-Jährigen, die nach einem Kreislaufstillstand wiederbelebt wurde und danach im Wachkoma lag. Während die Ärzte für eine künstliche Ernährung plädierten, wollte die Familie das Sterben zulassen. Sie verwies auf die Patientenverfügung, die die 65-Jährige selbst verfasst hatte. Darin verfügte sie, dass sie keine lebensverlängernden Maßnahmen befürworte, wenn sie sich in einem „unaufhaltsamen Sterbeprozesse“ befinde. Da es sich beim Wachkoma aber nicht um einen „unaufhaltsamen Sterbeprozess“ handelt und nicht klar war, ob sie auch in diesem Fall einen Therapiestopp gewollt hätte, musste letztlich das Betreuungsgericht entscheiden, wie die Frau weiter behandelt werden soll.

Manfred Nuscheler sagt, wie man Fehler vermeiden kann

„Die Patientenverfügung kann nicht durch den mutmaßlichen Willen ausgehebelt werden“, betont Nuscheler. Sie ist bindend – auch wenn sich der Patient im Gespräch mit Angehörigen später anders geäußert haben mag. Wie das Beispiel zeige, sei es außerdem problematisch, wenn die Verfügung unklar ist. „Lieber hat man keine, als eine, die missverständlich ist“, sagt er und empfiehlt: „Nehmen Sie ein vorformuliertes Formular, vertrauen Sie dem und scheuen Sie sich nicht, einfach Kreuze zu machen. Das ist ein gut ausformuliertes Grundgerüst und man vermeidet Fehler. Sie können das nicht selber schreiben.“

Er empfiehlt die Broschüre „Vorsorge für Unfall, Krankheit und Alter“ des Bayerischen Justizministeriums, die man sich im Internet kostenlos herunterladen und ausdrucken oder im Buchhandel bestellen kann. Wer sich bei der Beantwortung der Fragen unsicher ist oder generell Fragen zur Patientenverfügung hat, kann sich vom Hausarzt, dem Sankt-Elisabeth-Hospizverein, dem Bayerischen Roten Kreuz, den Maltesern und ähnlichen Organisationen beraten lassen.

Wann man seine bestehende Patientenverfügung überprüfen sollte

Nuscheler rät außerdem, etwa alle zwei Jahre zu überprüfen, ob die Patientenverfügung weiterhin zu den eigenen Vorstellungen passt oder abgeändert werden muss. Bleibt alles wie gehabt, könne man sie trotzdem nochmals mit Angabe des Datums unterschreiben, um so deutlich zu machen, dass der darin erklärte Wille immer noch aktuell ist. Juristisch nötig ist das allerdings nicht.

Neben der Patientenverfügung empfiehlt der Arzt, eine Vorsorgevollmacht auszustellen. Der Bevollmächtigte „ist das Sprachrohr, das dem eigenen Willen Ausdruck verleihen kann“, erklärt er. Es sollte diesen Willen also gut kennen und stark genug sein, um sich selbst und die eigenen Wünsche für die weitere Behandlung zurückzunehmen. „Eine enorm enge emotionale Bindung kann auch hinderlich sein“, gibt Nuscheler zu bedenken.

Er schätzt, dass im Unterallgäu bis zu 35 Prozent der Senioren und deutlich weniger jüngere eine Patientenverfügung und eine Vorsorgevollmacht hinterlegt haben. Das sei zwar schon eine recht gute Durchdringung, zeigt aber auch, dass es noch Luft nach oben gibt.

Schließlich schaffen die Formulare nach Einschätzung des Mediziners Rechtssicherheit für Ärzte und Angehörige und stärken vor allem das Selbstbestimmungsrecht des Patienten. (baus)

Vortrag Wegen des großen Interesses wiederholt Dr. Manfred Nuscheler seinen Vortrag „Patientenverfügung und Vorsorgevollmacht – medizinische, ethische und juristische Aspekte“ am Dienstag, 28. Januar, um 19.30 Uhr im Casino der Klinik Mindelheim und am Donnerstag, 6. Februar, um 19.30 Uhr im Haus zum Gugger in Bad Wörishofen. Der Eintritt ist frei.

Themen folgen

Die Diskussion ist geschlossen.

Das könnte Sie auch interessieren