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Tussenhausen

06.04.2019

Warum Toni Riederle niemals Nein sagt

Anton Riederle aus Tussenhausen ist begeisterter Musiker. In einer alten Scheune am Bauernhof hat er ein Heimatmuseum eingerichtet.
Bild: Johann Stoll

Der Tussenhausener ist ein liebenswerter und ungewöhnlich hilfsbereiter Mensch. Dabei hätte er allen Grund gehabt, mit seinem Schicksal zu hadern.

Das Ehrenamt ist das Rückgrat unserer Gesellschaft. Wer aber sind diese Menschen, die sich für ihren Ort selbstlos einsetzen und jede Menge Freizeit für andere opfern? Die Mindelheimer Zeitung stellt in einer losen Reihe solche Vorbilder vor.

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Sieben, acht Kühe standen Mitte der 70er Jahre im Stall von Toni Riederle. Das wäre heute ein Streichelzoo, aber kein Bauernhof, wenn man sich die Riesenställe vor Augen hält, in denen 500 und mehr Tiere leben. Reich wurde damals zwar keiner, „aber man konnte davon leben“, sagt er.

Allein mit der Landwirtschaft wäre es aber wohl nicht gegangen, zusammen mit seiner Frau drei Kinder in Tussenhausen großzuziehen. Weil der Hof so idyllisch am Hang lag, bauten die Riederles für Gästezimmer an. Da waren immer Leute da, und oft sind daraus jahrzehntelange Freundschaften geworden.

Warum Toni Riederle niemals Nein sagt

Als es in Tussenhausen noch eine eigene Poststelle gab, war Toni Riederle dort beschäftigt

Der Toni ging zur Post, die damals noch eine eigene Poststelle in Tussenhausen unterhielt, seiner Heimatgemeinde. „Das war eine Top-Zeit“, schwärmt der rüstige Rentner. Um 3.30 Uhr ist er jeden Tag aufgestanden, um die Kühe zu versorgen, und ab 5.30 Uhr war er bei der Post Briefe ausfahren, mit den Leuten netten Kontakt halten und den Älteren ihre Rente bar auszahlen. Es war ein Leben voller Arbeit, aber ein glückliches.

Eine Geschichte ist ihm dabei unvergesslich geblieben. Sein Chef hatte eines Tages vorbeigeschaut, da musste Toni Riederle noch einmal los zu einer größeren Ausfahrrunde durch Tussenhausen. Der Chef wartete und wartete, nur Toni Riederle kam und kam nicht zurück. Endlich tauchte er doch noch auf, roch aber fünf Meter gegen den Wind. Wo er denn geblieben sei? Die Strecke sei doch gar nicht so weit gewesen, hielt der Vorgesetzte ihm entgegen.

Es war ein Notfall der besonderen Art. Toni Riederle war an einem Bauernhof vorbeigekommen, wo die Bäuerin gerade dabei war, einer Kuh beim Kälbern zu helfen. Für den Toni war klar: Da packe ich sofort mit an. Sein Chef übrigens hat das gut gefunden, auch wenn er ihn erst mal zum Waschen geschickt hat. Wie der Toni stammte er aus der Landwirtschaft.

21 Jahre lang war der Tussenhausener Chef der Blaskapelle und hat dabei auch ein Musikfest organisiert

Toni Riederle ist jemand, der mit allen gut auskommt. So einer muss auf einem Dorf nicht lange betteln und er hat ein Ehrenamt auf Jahre sicher. 21 Jahre lang war er Vorsitzender der Blaskapelle. Höhepunkt war das Musikfest 1988, das er mit seinen Vorstandskollegen organisiert hat. 30 Jahre lang gehörte er der Postkapelle Buchloe an. Als Postillon war er sogar bei Thurn & Taxis in Regensburg gebucht. Und bei der Feuerwehr löste der Toni mit seinem Hornsignal Alarm aus, wenn es irgendwo brannte.

Zuviel ist ihm das nie geworden. Toni Riederle sagt dazu nur: „Ich habe das gern gemacht. Unser Herrgott hat es gut mit mir gemeint.“ Nein sagen kann er nicht. Als die Grundschule in Tussenhausen vor acht Jahren einen Hausmeister gesucht hat, meldete sich Toni Riederle. Auch diese Jahre will er nicht missen – mit den Kindern, mit dem Bürgermeister, mit dem Lehrkräften, mit der Bürokraft und den Leuten vom Bauhof ist er blendend ausgekommen. Und manchmal schaut er auch noch vorbei und überrascht alle mit etwas Süßem.

Bereits mit 15 Jahren war der Tussenhausener Herr auf dem Bauernhof

Dabei hätte der Toni allen Grund gehabt, mit seinem Schicksal zu hadern. Seine Kindheit hat ihm alles abverlangt. Erst zehn Jahre alt war er, da starb sein Vater viel zu jung. Die zwei älteren Brüder waren bei der Bundeswehr, also musste der kleine Toni daheim auf dem Hof mithelfen. Mit 15 Jahren war er der Bauer.

Um so wichtiger war die Musik als Ausgleich. Schon sein Vater war Musikmeister, der die Trompete zu spielen verstand. In der guten Stube daheim waren immer wieder junge Burschen, denen der Vater das Musizieren beibrachte. Auch sein älterer Bruder machte Blasmusik. Weil das der Mutter irgendwann zu viel wurde, durfte Toni anfangs nur Akkordeon spielen. Das Instrument macht einfach weniger Krach.

Neben der Volksmusik gibt es noch eine Leidenschaft: Riederle sammelt alte Sachen auf Flohmärkten. Als der kleine Hof vor ein paar Jahren in der Bergstraße stillgelegt wurde, war plötzlich Platz für einen großen Traum: In der früheren Scheune hat der Toni ein Heimatmuseum aufgebaut mit Ansichtskarten von früher, mit Kaffeemühlen, mit landwirtschaftlichem Gerät. Der Toni freut sich über jeden Besuch und nimmt sich Zeit für jeden.

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