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Unterallgäu

21.01.2021

Warum viele Pfleger im Unterallgäu noch nicht geimpft werden wollen

Seit ein paar Wochen sind Impfteams in den Unterallgäuer Pflegeheimen und Krankenhäusern unterwegs, doch nicht alle der dort Beschäftigten wollen sich aktuell impfen lassen.
Bild: Ulrich Wagner

Plus Die Impfbereitschaft unter Pflegekräften im Unterallgäu ist nicht besonders hoch. Wir haben Mitarbeiter gefragt, warum das so ist. Kritik kommt wegen Söders "Drohung" zur Impfpflicht.

Ende vergangenes Jahr sind Impfteams in die Unterallgäuer Pflegeheime gegangen und haben mit den Corona-Impfungen der Bewohner und Pflegekräfte begonnen (wir berichteten). Doch wie hoch ist überhaupt die Impfbereitschaft der Pfleger? Wir haben nachgefragt und differenzierte Antworten bekommen.

Das Mindelheimer Seniorenheim St. Georg wird von der Caritas Augsburg betrieben, die Impfung wird deshalb zentral organisiert. Personalleiterin der Caritas Ylv Hundeck sagt auf Anfrage, ungefähr ein Drittel der Mitarbeiter in St. Georg haben sich bereits impfen lassen. Allerdings konnten etwa 30 Mitarbeiter bisher nicht geimpft werden, weil sie bereits nachweislich infiziert waren, sagt Hundeck. Im Mindelheimer Heim gab es im Oktober 2020 einen Corona-Ausbruch. Experten raten von einer Impfung ab, wenn man kürzlich nachweislich infiziert war. Die Impfquote in den insgesamt zwölf Pflegeeinrichtungen der Augsburger Caritas liegt nach eigener Angabe bei etwa 60 Prozent, St. Georg liegt darunter.

Pfleger wollen nicht mit Impfverweigerern oder Corona-Leugnern gleichgesetzt werden

Hundeck betont, es sei unfair, Pfleger, die seit Monaten und besonders in der Weihnachtszeit einer extrem hohen Belastung ausgesetzt waren, in der Öffentlichkeit in die Ecke der Impfverweigerer oder gar Corona-Leugner zu stellen. „Es gibt viele Mitarbeiter, die sehr klar formuliert haben, diesmal seien sie nicht das Versuchskaninchen, diesmal nicht an erster Stelle.“ Hundeck sagt, die Pfleger wollen sich nicht alle gleichzeitig impfen lassen, vor allem wegen der möglichen Nebenwirkungen. Sie machen sich Sorgen, was passiert, wenn viele Pflegekräfte auf einmal ausfallen.

Hundeck sagt, einige Pfleger seien einfach generell vorsichtig und wollen mehr über den Impfstoff erfahren. „Die Zurückhaltung der Mitarbeiter ergibt sich aus unterschiedlichen Überlegungen.“ Das heiße aber nicht, dass sie sich niemals für eine Impfung entscheiden werden. „Ich habe keine Mitarbeiter gehört, die gesagt hat, ich lasse mich nicht impfen, weil ich das unsinnig finde oder weil ich generell Covid-19 nicht als Risiko sehe.“

Kritik an Markus Söder: Impfpflicht als Vertrauensbruch

Die Ankündigung des bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder, es brauche eine Impfpflicht in der Pflegebranche, wenn sich zu wenige Pfleger impfen ließen, sieht Hundeck kritisch. „Das ist ein Vertrauensbruch. So werden wir keine weiteren Mitarbeiter für eine Impfung überzeugen, aber wir werden sie vielleicht verlieren.“

Johannes Fischer ist Pflegedienstleiter im Kirchheimer Sozialzentrum und täglich aktiv in der Pflege dabei. Er bestätigt die Unsicherheit einiger Pfleger bezüglich der Nebenwirkungen. „Einigen wurde aufgrund ihrer gesundheitlichen Situation aktuell von einer Impfung sogar abgeraten.“ Auch in Kirchheim gab es einen Corona-Ausbruch. Eine Pflegerin musste nach der Infektion eine Woche auf der Intensivstation behandelt werden. Einige Mitarbeiter spüren immer noch die Folgen der Erkrankung. Die Impfquote bei den Mitarbeitern liegt im Kirchheimer Sozialzentrum laut Fischer aktuell bei etwa 70 Prozent.

Der Pflegedienstleiter hofft auf erleichterte Arbeitsbedingungen durch die Impfung. Lieber wenige milde Nebenwirkungen einer Impfung in Kauf nehmen, anstatt eine symptomatische Infektion komplett durchstehen – so lautet seine Devise. „Die Langzeitfolgen einer Covid-19-Infektion sind bisher noch völlig unklar.“

Türkheimer Altenheim-Chef will seine Mitarbeiter aufklären

Stefan Drexel ist Leiter des Kreis-Seniorenwohnheims St. Martin in Türkheim und sagt, er habe sich sehr intensiv mit der Thematik befasst, um seinen Mitarbeitern verlässliche Informationen und Erklärungen liefern zu können. „Dabei habe ich mich auf Quellen wie die Ständige Impfkommission oder das Paul-Ehrlich-Institut berufen.“

Immer wieder sei ihm in Mitarbeitergesprächen die Frage gestellt worden, wie der Impfstoff so schnell entwickelt werden konnte. „Ich habe es so erklärt, dass in die Corona-Impfstoffentwicklung besonders viel Geld und Arbeitskraft investiert wurde und durch das sogenannte Rolling-Review-Verfahren eine schnellere, aber trotzdem sichere Zulassung möglich war.“ In den Kreis-Seniorenheimen in Bad Wörishofen und Türkheim liegt laut Landratsamt die Impfbereitschaft unter den Pflegekräften aktuell auch bei ungefähr 70 Prozent.

Und wie sieht es im Mindelheimer Krankenhaus aus? Die Sprecherin des Allgäuer Klinikverbunds, Kirsten Boos, sagt, etwa 900 Mitarbeiter der sechs Kliniken seien schon geimpft. Die Impfbereitschaft der patientennah eingesetzten Mitarbeiter liege derzeit verbundweit unter 50 Prozent. „Wir rechnen im Laufe der Zeit mit Spätentschlossenen und Umdenkern. Wir können derzeit keine Aussage über die abschließende Impfbereitschaft machen.

Eine flächendeckende Impfung der Bevölkerung gegen Corona scheine der einzige Weg zurück zur Normalität zu sein, sagt Boos. Darüber hinaus habe der Klinikverbund als Arbeitgeber ein hohes Interesse an dem Schutz seiner Mitarbeiter. Der Klinikverbund setze bei seinen eigenen Mitarbeitern auf Aufklärung, aber auch stets auf Freiwilligkeit.

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