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Unterallgäu

14.12.2018

Was machen Flüchtlingshelfer jetzt?

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Derzeit leben 1256 Flüchtlinge im Unterallgäu - deutlich weniger als zu den Hochzeiten der Flüchtlingskrise. Trotzdem geht den Helfern die Arbeit nicht aus. Sie hat sich allenfalls verändert.
Bild: Fotolia

Wie Isabel Mang von der Freiwilligenagentur „Schaffenslust“ und der Flüchtlingshelfer Stefan Kienle die aktuelle Situation einschätzen.

Münchner Hauptbahnhof. Tausende Flüchtlinge aus den unterschiedlichsten Ländern kommen in der bayerischen Landeshauptstadt an. Das war im Sommer 2015. Schon damals sind viele Menschen an den Bahnhof gekommen, um zu übersetzen, um zu erklären, um zu helfen. Auch heute, drei Jahre später, engagieren sich noch viele Flüchtlingshelfer, auch in Mindelheim und der Region. Wie beurteilen sie die Situation drei Jahre nach der großen Flüchtlingswelle? Gibt es Probleme? Und welche?

„Ja, es gibt teilweise Probleme“, sagt Isabel Mang. Sie leitet die Freiwilligenagentur Schaffenslust Memmingen-Unterallgäu: „Wir stehen allen einzelnen Ehrenamtlichen und Helferkreisen bei schwierigen Situationen, aber auch generell bei Fragen als Ansprechpartner und Kummerkasten zur Verfügung.“ Ein gewisser Frust sei bei einigen Flüchtlingshelfern definitiv da: „Gerade bei Abschiebungen oder wenn es um die Gesetzgebung geht“, berichtet die Agenturleiterin. In solchen Situationen versuche „Schaffenslust“ den Helfern auch die andere Seite zu vermitteln: „Ein Amt kann eben auch nur im Rahmen der Gesetzgebung agieren. Grundsätzlich erleben wir die Ämter als kooperativ.“

Die Arbeit mit Flüchtlingen kann bereichern, manchmal aber auch frustrieren

Auch Stefan Kienle, der sich seit Jahren in Mindelheim in der Flüchtlingshilfe engagiert, berichtet von frustrierenden Situationen: „Wenn Flüchtlinge Chancen nicht erkennen oder das in sie gesetzte Vertrauen im Nachhinein nicht rechtfertigen.“ Auch wenn man beispielsweise schon einige Flüchtlinge erfolgreich in Arbeit oder Ausbildung vermittelt habe, so tue es trotzdem weh, wenn ein anderer dann aus nicht nachvollziehbaren Gründen hinwirft: „So etwas ist immer frustrierend, ist aber nach meiner Erfahrung der Ausnahmefall“, betont Kienle.

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„Schmerzhaft und belastend kann es aber auch sein, wenn bei besonders integrationswilligen und begabten Flüchtlingen die rechtlichen Rahmenbedingungen keinen Spielraum für eine Perspektive lassen und man diesen Menschen das verständlich machen muss“, sagt Kienle.

Diese bürokratischen und rechtlichen Probleme sind laut Kienle mittlerweile vorherrschend: Früher waren es Kleidung oder Fahrräder – mittlerweile bräuchten die Flüchtlinge jedoch in anderen Dingen Hilfe, erklärt er: „Nach meinem Eindruck geht es heute weniger um materielle Dinge.“ Dies sei sicher auch der Tatsache geschuldet, dass die meisten Flüchtlinge, die derzeit im Unterallgäu leben, schon länger hier sind, erklärt Kienle. „Viele engagierte Flüchtlinge haben auch bereits Grundkenntnisse der deutschen Sprache.“ In solchen Fällen geht es eher darum, Wohnungen außerhalb der Asylunterkünfte zu finden und die Sprachkenntnisse weiter zu verbessern, damit die Geflüchteten dann noch bessere Chance auf eine Ausbildung hätten. Außerdem spielen das Thema der Passbeschaffung und damit verbundene Probleme heute oft eine große Rolle, betont Kienle.

Einige Flüchtlingshelfer im Unterallgäu sind erschöpft

Neben den bürokratischen Hürden gibt es laut Isabel Mang aber noch ein weiteres großes Problem: „Einige Helfer sind mittlerweile sehr erschöpft.“ Das liege zum einen daran, dass es im Laufe der drei Jahre immer weniger Flüchtlinge gab und deshalb auch viele Helfer einfach aufgehört hätten – die Aufgaben bleiben also an einer kleinen Gruppe von Helfern hängen.

Auch Stefan Kienle berichtet, dass viele Helfer ihr Engagement zurückgefahren haben: „Das liegt zum größten Teil daran, dass nicht mehr so viele Flüchtlinge Hilfe benötigen wie zu Hochzeiten vor zwei Jahren.“ Aber auch Frustration spiele in einigen Fälle eine Rolle. Laut dem Landratsamt Unterallgäu ruhen momentan elf der von „Schaffenslust“ ins Leben gerufenen 37 Helferkreise. Derzeit leben laut dem Landratsamt 1256 Flüchtlinge im Unterallgäu, „die eine Anerkennung oder subsidiären Schutz erhalten haben“.

Auf der anderen Seite gibt es laut Isabel Mang sehr übereifrige Helfer, die den Flüchtlingen alles auf dem Silbertablett servieren. Das führe dazu, dass die Flüchtlinge keine Eigeninitiative zeigen und sich dadurch schwieriger integrieren: „Wir sprechen da nicht von solchen Sachen wie Behördengängen und Wohnungs- oder Arbeitssuche – dass die Flüchtlinge da Hilfe brauchen, ist klar – sondern von einfachen Alltagsdingen. Wenn der Helfer beispielsweise Möbel auf- und abbaut oder als Handwerker einspringt“, erklärt die Agenturleiterin. „Und am Ende wundern sich die Helfer, wieso sie so erschöpft sind.“ Solch ein Verhalten schade letztendlich nicht nur den Flüchtlingen: „Auch in den Helferkreisen können so Unstimmigkeiten entstehen“, betont Isabel Mang.

Die Agentur "Schaffenslust" aus Memmingen hilft den Unterallgäuer Helfern

Stefan Kienle rät aufgrund seiner jahrelangen Erfahrung loszulassen, wenn die Zeit gekommen ist: „Man öffnet Flüchtlingen – nicht zuletzt auch aus christlichen Motiven – gerne durch seine eigenen Fähigkeiten und Kontakte Türen, aber man kann dann auch ohne schlechtes Gewissen erwarten, dass die Betroffenen die nächsten Schritte selbst gehen müssen.“

Helfern, denen das schwerfällt, bietet „Schaffenslust“ spezielle Kurse an: „Selbstschutzkurse, in denen die Helfer lernen, Nein zu sagen. Da geht es dann um Fragen wie: Wo sind meine Grenzen? Wo endet ein Ehrenamt?“, erklärt Isabel Mang. Die länderspezifischen Kurse seien mittlerweile nicht mehr nötig: „Jetzt geht es eher auch um Themen wie ,Loslassen’.“ Die Agenturleiterin erzählt, wie schwer es manchen Helfern falle, eine Abschiebung zu akzeptieren: „Die Helfer nehmen es oft persönlich, wenn das passiert.“

Dass man von außen für seine Tätigkeit als Helfer angefeindet wird, ist zumindest laut Stefan Kienle sehr selten: „Vielleicht ist das auch deshalb so, weil ich über Flüchtlinge in der Diskussion nicht pauschal einen Heiligenschein hänge. Auf der Basis der Aussage, dass es sich mit Flüchtlingen nicht anders verhält als mit Einheimischen, kann man meistens auch mit ,besorgten Bürgern’ gut und sachlich diskutieren.“ Und am Ende finde man oft auch Konsens: „Einig ist man sich meistens in dem Punkt, dass Flüchtlinge, die sich aus eigener Initiative um Integration bemühen und unsere Werteordnung akzeptieren, jede Unterstützung verdienen. Das ist überwiegend ja auch die Realität.“

Mehr zur Freiwilligenagentur Schaffenslust und die Hilfe für Flüchtlinge lesen Sie hier:

3623 Freiwillige fürs Ehrenamt gewonnen

Flüchtlingshelfer werden weiterhin unterstützt

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