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Kommentar

11.07.2019

Wehe, der Volkszorn gerät wegen einer Uhr in Wallung

Die historische Uhr im modernen Gehäuse stößt nicht überall auf Gegenliebe. Die eiserne Hülle wurde schon abschätzig als „Rostlaube“ bezeichnet.
Bild: ulf

Die neue Uhr am Mindelheimer Forum löst ein überwiegend kritisches Echo aus: zu teuer, unschön und eine Geldverschwendung. Eine Gegenrede.

Da heißt es immer, die Menschen würden sich nicht für Kunst interessieren. Von wegen! Kaum steht ein Kunstwerk im öffentlichen Raum, hat jeder eine Meinung dazu.

Aber vielleicht ist diese Einschätzung auch schon wieder verkehrt. Vermutlich geht es gar nicht um Kunst, die solche Emotionen auslöst, sondern um Veränderungen im gewohnten Stadtbild. Die rufen bei vielen offenbar erst einmal eine Abwehrreaktion hervor. Ein neues Haus mit ungewöhnlicher Dachform in der Nachbarschaft löst ähnliche Reflexe aus wie eine historische Uhr, die in einer Art transparenter Kirche am Mindelheimer Forum neu präsentiert wird.

Am Stammtisch und im Internet kochen dann die Emotionen hoch: Wahnsinn, so viel Geld für so eine Hütte (80.000 Euro sind da investiert worden, wobei die Hälfte gespendet wurde)! Da hätte man doch Toiletten an Schulen sanieren können (selbst wenn die neuwertig sind). Oder Spielplätze verschönern oder Straßen herrichten oder oder oder. Jeder hat da so seine eigenen Vorstellungen. Die (gemeint sind die Stadtoberen) müssen ja Geld haben! Die (gemeint sind wieder die Stadtoberen) verschleudern Steuergelder, also das Geld der Kritiker. Nur zart wenden ein paar ein, dass Kunst in Mindelheim schon auch ihre Berechtigung hat.

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Fair ist die Kritik einem gegenüber nicht: Wolfgang Vogt

So oder so ähnlich sah das Meinungsbild auf Facebook über die vergangenen Tage aus, seit die Uhr am Forum aufgestellt ist. Man kann diese Uhr natürlich ablehnen, man kann sagen, die Gestaltung mit der rostigen Außenhaut gefällt mir nicht. Und man kann den Standort unglücklich gewählt finden, weil der Blick aufs Forum genommen wird. Fair ist das aber vor allem einem gegenüber nicht: Wolfgang Vogt. Der frühere Konrektor an der Mittelschule hat in Mindelheim mit dem Schwäbischen Turmuhrenmuseum einen einmaligen Schatz zusammengetragen. Das allein rechtfertigt sicherlich nicht, dass jedem Wunsch des Uhrenexperten nachgegeben wird. Aber ein bisschen stolz dürfen die Mindelheimer schon auf Menschen wie Wolfgang Vogt sein, die historische Schätze bewahren und so zum liebenswerten Mindelheim erst beigetragen haben. Die schöne Altstadt ist nur dank solcher Menschen so schön geblieben oder sogar erst geworden wie sie sich heute präsentiert.

Der jetzt gewählte Standort war nicht der Wunschort von Wolfgang Vogt. Er hätte die Uhr am liebsten in der Altstadt gesehen. Das lehnten Stadtbaumeister und Stadträte aber gleichermaßen ab. Der jetzige Ort ist ein Kompromiss, und das sieht man leider auch. Darüber zu streiten, ist jetzt allerdings müßig.

Auch die Finanzierung ist ein Kompromiss. Die Hälfte kam über private Zuwendungen. Den Rest bezahlt der Mindelheimer Steuerzahler. Und die Restaurierungsarbeiten haben Auszubildende der Firma Grob ausgeführt.

Immerhin haben sich in den vergangenen Tagen schon Hunderte die Uhr näher angesehen und so mancher hat sich richtig viel Zeit genommen. Sie haben sich nicht nur in die Mechanik vertieft, die ja gut zu sehen ist, sondern auch die Zifferngestaltung des Gehäuses näher angesehen, die meiner Meinung nach sehr gelungen ist. Dass sich doch so viele mit dem Neuen auseinandersetzen, ist in jedem Fall positiv.

Aber damit der echte und virtuelle Stammtisch nicht am Ende des Tages noch in Euphorie verfällt, waren die Macher so nett und haben das Dach nicht ordentlich abgedichtet. Und so dürfen sich alle, die nach Kritikwürdigem suchen, an Pfützen und von innen beschlagenen Scheiben erfreuen. Aber das nur am Rande. Man muss ja nicht jedes Thema mit verbiestertem Bierernst und Schaum vor dem Mund diskutieren. Und wer weiß: Vielleicht schließen die Mindelheimer schon bald ihren Frieden mit dem Objekt. Die Stadt hat so viele Schätze, und die sind es wert, präsentiert und erhalten zu werden.

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