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05.02.2015

Weniger Menschen bekommen Hartz IV

„Hartz IV“ – ein Ausdruck, der vor zehn Jahren für Diskussionen gesorgt hat. Auch heute noch ist es ein Schlagwort, das viele Menschen bewegt. Doch wie viele Unterallgäuer sind überhaupt von Hartz IV betroffen? Und was heißt das für deren Geldbeutel? Die Arbeitsagentur und das Landratsamt haben eine Bilanz gezogen.
Bild: dpa

Arbeitsagentur und Landkreis ziehen nach zehn Jahren Bilanz. Der gute Arbeitsmarkt hat aber auch Nachteile

Zehn Jahre ist es her, dass die Arbeitsmarktreform in Deutschland für Schlagzeilen und Diskussionsstoff gesorgt hat: Die Zusammenführung von Arbeitslosen- und Sozialhilfe war damals sehr umstritten. „Die Erwartungen waren hoch, die Befürchtungen riesig“, sagt Landrat Hans-Joachim Weirather heute. Der Landkreis Unterallgäu ist ebenso wie die Agentur für Arbeit Träger des vor zehn Jahren entstandenen Jobcenters in Mindelheim – und so trafen sich nun alle Beteiligten, um gemeinsam Bilanz zu ziehen.

Die Zahl der arbeitslosen Menschen, die Arbeitslosengeld II – also „ Hartz IV“ – bekommen, ist von 1083 im Jahr 2005 auf 446 im vergangenen Jahr zurückgegangen. „Es ist gelungen, zusätzliche Motivation und Perspektiven zu geben“, sagt Weirather. Heute hätten so viele Menschen wie nie im Unterallgäu Arbeit. „Wir sind glücklich über den Beschäftigungsmarkt“, so der Landrat.

Nicht in dieser Statistik erfasst sind vorübergehend kranke oder arbeitsunfähige Menschen, Personen, die sich in einer „Maßnahme“ zur Weiterbildung befinden oder Menschen, die älter als 59 Jahre sind und für die es ein Jahr lang kein passendes Angebot mehr gab. Auch Unterallgäuer, deren Gehalt nicht zum Leben reicht, erhalten vom Jobcenter Geld. Im Jahr 2012 waren dies im Durchschnitt 268 Menschen.

Doch auch insgesamt ist die Zahl der Hartz-IV-Empfänger in den vergangenen zehn Jahren geschrumpft: Erhielten 2005 noch 2778 Personen die Unterstützung, waren es 2013 nur mehr 1552. „Die Abhängigkeit von Leistungen hat sich deutlich reduziert“, fasst Peter Litzka, Leiter Arbeitsagentur Kempten-Memmingen, die Entwicklung zusammen. „Wir bringen viele Menschen in Bewegung.“ Fördern und fordern sei das Prinzip, um Menschen in Arbeit zu bringen – oder in eine Maßnahme, die sie an Arbeit heranführe.

Hermann Zwinger, Geschäftsführer des Unterallgäuer Jobcenters, schildert in dem Zusammenhang das Beispiel eines 42-jährigen Unterallgäuers, der seit dem Jahr 2000 arbeitslos war und auch keine Ausbildung hat. 2011 habe man ihn überzeugt, einen Ein-Euro-Job bei „Toys Company“ anzunehmen. Bei der Firma eines Bildungsträgers reparieren Langzeitarbeitslose Spielzeug für Bedürftige. Durch die Arbeit habe der Mann wieder Tagesstruktur, Pünktlichkeit, Ausdauer und Belastbarkeit erlernt. „Da hat sich ein Schalter umgelegt“, schildert Zwinger. Wenige Wochen nach einer Qualifizierung im Jahr 2012 habe der Mann schließlich Arbeit gefunden.

Doch es gibt auch problematische Fälle, die es dem Jobcenter nicht einfach machen: So manches Mal spielen Schulden oder eine Sucht eine Rolle. Des Weiteren könne es schwierig sein, für Schwerbehinderte oder Alleinerziehende eine passende Stelle zu finden. Dazu kommen die Langzeitarbeitlosen, deren Vermittlung ebenfalls schwieriger ist: 177 Unterallgäuer gab es im Januar 2015, die seit mehr als einem Jahr arbeitslos waren, 88 von ihnen haben eine Berufsausbildung.

Der gute Arbeitsmarkt und die geringe Arbeitslosenquote haben aber nicht nur positive Seiten, wie Landrat Weirather ausführt. Die Zuweisung von Bundesmitteln an die Jobcenter richte sich nach der durchschnittlichen Zahl der Bedarfsgemeinschaften. Bauchschmerzen bereitet dem Landrat der sogenannte Problemdruckindikator: In Regionen mit gutem Arbeitsmarkt stehe weniger Geld zur Verfügung als in Regionen mit schlechterem Arbeitsmarkt – und zwar pro Hartz-IV-Empfänger.

Wegen dieser „Schlechterstellung“ hat sich Weirather auch an die bayerische Sozialministerin Emilia Müller gewandt. Er hält das System aus mehreren Gründen für ungerecht. „Bei zwei Prozent Arbeitslosenquote sind diejenigen, die problemlos Arbeit finden, sowieso schon in Arbeit“, erklärt er. Für die übrigen brauche es einen besonders hohen Vermittlungsaufwand. Habe man es aber erfolgreich geschafft, Menschen so weit zu bringen, dass sie wieder über Grundtugenden wie Pünktlichkeit oder Motivation verfügen, gebe es hier auch einen intakten Arbeitsmarkt, der sie aufnehme – und der andernorts fehle.

Weirather befürchtet, dass durch stetige Kürzungen kleinere Jobcenter wie das in Mindelheim „letztlich handlungsunfähig“ werden. Schließlich gehe es mehr als nur darum, Langzeitarbeitslose zu verwalten.

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