Newsticker
10.000 Impfdosen stehen bereit: Bayern beginnt mit Impfungen für Polizisten
  1. Startseite
  2. Lokales (Mindelheim)
  3. Wenn Laien über andere richten

Justiz

02.01.2019

Wenn Laien über andere richten

Schöffe Reinhard Vetter (rechts)  und Richter Nicolai Braun im Beratungszimmer der Schöffen im Memminger Amtsgericht
Bild: Birgit Schindele

Der einstige Leiter der Mindelheimer Berufsschule, Reinhard Vetter, urteilt seit fünf Jahren über Angeklagte am Amtsgericht.

Zwölf Mal im Jahr urteilt Reinhard Vetter über Menschen. Genauer gesagt über Angeklagte am Memminger Amtsgericht. Der 66 Jahre alte Mann ist Schöffe. Eine fünfjährige Amtsperiode hat der Ottobeurer bereits hinter sich, die zweite liegt nun vor ihm. Etwa 70 Fälle hat er bereits mitentschieden. Neben ihm auf der Richterbank saß stets Nicolai Braun. Der Richter arbeitet seit fünf Jahren am Schöffengericht. Für ihn heißt die Redewendung „Im Namen des Volkes“, eben auch Bürger – sprich Schöffen wie Reinhard Vetter – mit einzubeziehen.

„Es zählt nur, was wir in der Verhandlung hören“, sagt Vetter

Bevor Vetter als Schöffe den Sitzungssaal betritt, weiß er nur, was auf dem Anschlag vor der Tür steht – beispielsweise, dass es sich um ein Rauschgiftdelikt handelt. Anders als Richter Braun kennt er die Akten nicht. Der Schöffe hat also vorab weder Zeugenaussagen noch polizeiliche Vernehmungen gelesen. „Es zählt nur, was wir in der Verhandlung hören“, sagt Vetter. Vorsitzender Richter Braun hingegen kennt den Fall – weiß welche Zeugen kommen und an welchen Punkten er nachhaken will. Während des Prozesses dürfen auch ehrenamtliche Richter wie Vetter Fragen stellen. Etwa, wenn sich Angeklagte in Widersprüche verstricken.

Neben Zeugenaussagen geben auch Spuren am Tatort oder Gutachten Auskunft über die Tat. Aus alldem setzt sich während der Hauptverhandlung für Vetter ein Bild zusammen.

Und auf dieser Grundlage wägt er am Ende ab, in welchen Punkten er den Angeklagten für schuldig hält und wo ihm noch Zweifel bleiben. „Ich traue mir zu, den Angeklagten gerecht zu werden“, sagt er. Schon als Rektor der Mindelheimer Berufsschule musste er abwägen, wenn jemand etwas angestellt hatte. Was war passiert? Welcher Schüler sagt die Wahrheit? Um dem auf den Grund zu gehen, war es schon damals wichtig, neutral zu bleiben. Dies hilft ihm nun bei seiner Arbeit im Gericht. „Ich habe die nötige Distanz.“ Was Vetter nicht hat: juristische Expertise. Als Schöffe braucht er die auch nicht. Die Laienrichter bringen stattdessen „unterschiedliche Sichtweisen auf Dinge mit“, sagt Braun. Vom Landwirt über den Angestellten bis zum Bürgermeister – jeder kann Schöffe werden. Wichtig ist Lebenserfahrung, und dass man unparteiisch bleibt.

Warum manche Fälle besonders schwer sind

Obwohl Vetter neutral ist, sind manche Fälle für ihn schwerer als andere: Etwa, wenn verhandelt wird, ob ein Angeklagter kinderpornografische Bilder getauscht hat. Aber Tat und Täter dürfen die Entscheidung eines ehrenamtlichen Richters nicht beeinflussen. „Ich halte mich lieber an Fakten als an Bauchgefühle“, sagt Vetter.

Allerdings beschäftigen ihn manche Fälle noch nach der Urteilsverkündigung: Etwa, wenn sich für Verbrechensopfer das ganze Leben ändert. Als Beispiel nennt Vetter ältere Menschen, „die sich nach einem Einbruch nicht mehr trauen, alleine zu leben“.

Manchmal hat der 66-Jährige aber auch Mitleid mit Angeklagten: „Wenn es ein armer Hund ist“, sagt er. Dabei bezieht er sich auf Fälle, in denen junge Menschen aus einem zerrütteten Elternhaus kommen, den Beruf verlieren, falsche Freunde finden und in die Drogensucht abgleiten – dann sieht Vetter es als seinen Auftrag, „zu helfen – und nicht nur zu bestrafen“.

Über Details eines Prozesses darf Vetter nicht sprechen. Zumindest nicht außerhalb des Beratungszimmers, in dem Richter Braun und ein weiterer Schöffe sich nach einer Verhandlung zurückziehen und beraten. Abgestimmt wird einvernehmlich oder nach dem Mehrheitsprinzip. Zwölf mal im Jahr sitzt Vetter dort im Amtsgericht. „Demokratie lebt von Bürgern“, sagt der 66-Jährige. Die Zeit für die Gerichtsverhandlungen nehme er sich gerne. Man bekomme einen anderen Blick.

Davon spricht auch Richter Braun: „Es gibt nicht nur schwarz und weiß.“ Von der Arbeit der Ehrenamtlichen profitieren auch die Berufsrichter, sagt er: „Ihre Perspektive ist hilfreich und zwingt uns, uns als Richter zu hinterfragen.“

Die Diskussion ist geschlossen.

Das könnte Sie auch interessieren