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Mindelheim

15.01.2020

Wenn Park-Kontrolleure zu Gewaltopfern werden

Ralf Müller (rechts) leitet das Ordnungsamt in Mindelheim. Er und sein Stellvertreter Kilian Schmid (l.) wurden mehrfach Zeugen von Gewalt gegen Mitarbeiter.
Bild: Max Kramer

Plus Die Zahl der Übergriffe auf Mitarbeiter des Ordnungsamts in Mindelheim steigt. Warum Frauen manchmal nur noch in Begleitung kontrollieren.

Ein Tag, irgendwann im September 2017. In Mindelheim steht der Herbstmarkt bevor, knapp 200 Stände und tausende Besucher werden in der Innenstadt erwartet. Ralf Müller geht durch die Straßen und tut das, was ein Ordnungsamtsleiter tut: kontrollieren, abmessen, sich darum kümmern, dass die Vorgaben der Stadt eingehalten werden. Auf Höhe der Jesuitenkirche spielt sich ein Szenario ab, wie es Müller schon unzählige Male erlebt hat: Zwei Autos parken falsch – diesmal eben auf der Brücke, unter der der Mindelkanal verläuft. Müller geht wie üblich auf die Fahrer zu und fordert sie auf weiterzufahren, sie stünden im Weg. Der Erste protestiert heftig, kommt der Aufforderung aber nach. Der Zweite bleibt stehen. Kurz darauf geraten die Dinge außer Kontrolle.

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Als Müller das Fahrzeug fotografiert, um den Verstoß zu dokumentieren und anschließend entsprechend zu ahnden, geht der Parksünder auf ihn los. Er will den Leiter des Ordnungsamts, der mit entsprechender Kleidung und einem Dienstausweis unterwegs ist, dazu zwingen, die Fotos zu löschen. Es kommt zu Handgreiflichkeiten – bis der Falschparker den 1,93 Meter großen 60-Jährigen auf die Motorhaube des Fahrzeugs drückt. Es ist dass erste Mal, dass Müller Opfer von Gewalt wird.

Kontrolleure sind in Mindelheim immer häufiger Opfer von Gewalt

„Das hat mich geschockt, das muss ich zugeben“, sagt Müller. Seit 2002 arbeitet er im Mindelheimer Ordnungsamt, 15 Jahre gewaltfrei – bis zum Angriff vor der Jesuitenkirche. Es dauerte gerade einmal ein halbes Jahr, da wiederholten sich die Ereignisse: Diesmal passierte es während des Frühlingsmarkts, diesmal war es ein Paketzusteller in der Hungerbachgasse, der falsch parkte und auf Müller losging. Konsequenz, wie bereits 2017: eine Anzeige, eine Verurteilung – und für den Ordnungsamtsleiter das Gefühl, dass im eigenen Job plötzlich die Gesundheit auf dem Spiel stehen kann.

Wenn Park-Kontrolleure zu Gewaltopfern werden

Müller betont, dass körperliche Übergriffe in Mindelheim Einzelfälle seien und bislang niemand nachhaltig zu Schaden gekommen sei. Die Zahl der Zwischenfälle insgesamt habe aber kontinuierlich zugenommen, inzwischen erstatte man etwa einmal im Vierteljahr Anzeige. „Verkehrsüberwacher werden festgehalten, man läuft ihnen nach, beschimpft sie. Mal fahren die Leute ihnen hinterher, mal bewusst knapp an ihnen vorbei“, zählt Müller die Erfahrungen seiner Kollegen auf der Straße auf. „Ich denke auch, dass das weiter zunimmt.“

Eine Mitarbeiterin des Ordnungsamts trug eine Stichschutzweste

Lange Zeit war in Mindelheim nur eine Mitarbeiterin des Ordnungsamts zur Kontrolle unterwegs, im Mai 2019 ist ein Mann hinzugekommen. „Vor allem gegenüber weiblichem Kontrollpersonal fallen einige wüste Beschimpfungen, die stark unter die Gürtellinie gehen. Das ist ein No-Go“, sagt Müller. Dies ging zwischenzeitlich so weit, dass sich die Mitarbeiterin auf der Straße nicht mehr sicher fühlte. Sie trug deshalb für bestimmte Zeit eine Stichschutzweste. „In bestimmten Ecken würde ich eine Frau nicht alleine kontrollieren lassen – gerade am Abend, wenn es dunkel wird“, erklärt Müller. „Weil ich nicht garantieren kann, dass es sicher ist.“

Dass die Aggression gegenüber den Mitarbeitern des Ordnungsamts zunimmt, macht sich aber nicht nur auf der Straße bemerkbar. Viele wütende Bürger kommen direkt ins Büro des Ordnungsamts in der Lautenstraße, um ihrem Unmut Luft zu verschaffen. „Einmal im Monat flippt hier schon jemand aus“, sagt Kilian Schmid, stellvertretender Leiter des Ordnungsamts. „Den oder die werfen wir dann raus.“

Auch in der Dienststelle, die nur einen Steinwurf entfernt liegt, treten Bürger immer wieder aggressiv auf. Müller nennt das Beispiel eines Mannes, der beim Falschparken erwischt worden war und Verhaltensmuster eines Reichsbürgers zeigte. „Er wurde laut und sagte, er akzeptiere von unserer Firma keine Rechnung.“ Seiner Forderung, den Strafzettel zurückzunehmen, sei man selbstverständlich nicht nachgekommen. Der Fall endete glimpflich, doch Müller zog erneut Konsequenzen: Seit den Vorfällen im Jahr 2016 bewahrt eine spezielle Schutztür die Mitarbeiter in der Dienststelle vor direkten Konfrontationen.

Gewalt gegen Ordnungsamts-Mitarbeiter: Nimmt Rücksichtnahme ab?

Doch wer sind die Menschen, die wegen eines Strafzettels vor verbaler oder gar körperlicher Gewalt nicht zurückschrecken? Kilian Schmid zuckt mit den Schultern. „Das kann von jedem kommen: von 18 bis 80, Deutscher, Ausländer, Mann, Frau – egal.“ Dass sich Menschen sich über Knöllchen ärgern, könne er verstehen, sagt Behördenleiter Müller. Auch, dass es kein Erwachsener möge, wenn man ihm Vorschriften mache. Aber: „Unsere Mitarbeiter schreiben niemanden auf, weil ihnen langweilig ist. Die Leute haben etwas falsch gemacht, und 95 bis 98 Prozent von ihnen wissen das auch.“

Die Einsicht der eigenen Schuld und die Rücksichtnahme auf andere hat laut Müller jedoch „extrem“ abgenommen. „Es sind immer die anderen. Und dann dienen wir als Blitzableiter, wir bieten schließlich auch Angriffsfläche.“ Manchmal erwische man die Parksünder auch schlichtweg zum falschen Zeitpunkt. „Da sind oft Aggressionen, die von woanders herkommen – ich weiß ja nicht, was der- oder diejenige zuvor erlebt hat“, sagt Müller. Auch die Mentalität mancher Mindelheimer könne eine Rolle spielen: „Manchmal habe ich das Gefühl, wir sind noch zu viel Dorf und zu wenig Stadt. Da heißt es dann: ,In Türkheim kann ich das auch machen.’ Wir sind aber nicht Türkheim.“

Ein Parkhaus in Mindelheim könnte die Park-Situation entspannen

Dass Mindelheim in manchen Bereichen ein Parkplatz-Problem hat, bestreitet Müller nicht. Als Brennpunkte nennt er den Bereich zwischen Landratsamt, Krankenhaus und der Firma Grob, aber auch die Berufsschule. Dort gebe es zu wenig Platz. Ein neues Parkhaus, wie es seit Längerem im Gespräch ist, würde Müller deshalb begrüßen. Doch selbst bei einer Entspannung der Parksituation seien Übergriffe gegenüber seinen Mitarbeitern nicht ausgeschlossen. „Das kann immer passieren“, sagt Müller. Dieses Risiko gehöre inzwischen dazu. Und, ja: „Mit unserem Job verbindet uns eine gewisse Hassliebe.“

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