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Unterallgäu

04.09.2019

Wenn Unterallgäuer zur Waffe greifen

Auch im Unterallgäu beantragen immer mehr Bürger den so genannten „Kleinen Waffenschein“.
Bild: dpa

Immer mehr Menschen besitzen einen Kleinen Waffenschein. Die Polizei beobachtet die Entwicklung mit Sorge – auch, weil mehr Waffen im Umlauf sind als bekannt.

Deutschland bewaffnet sich. Wie eine jüngste Umfrage der Rheinischen Post ergab, haben landesweit derzeit rund 640.000 Menschen einen Kleinen Waffenschein. 2014 waren es nur 260.000. Dieser Trend macht auch vor dem Unterallgäu nicht Halt – obwohl die Region als eine der sichersten in ganz Deutschland gilt.

Wie viele Menschen im Unterallgäu haben einen Waffenschein?

Hatten 2014 noch 520 Landkreisbürger einen Kleinen Waffenschein, sind es nach Angaben des Landratsamts heute schon 1340. Das ist eine knappe Verdreifachung innerhalb von nur fünf Jahren.

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Den „normalen“ Waffenschein, häufig fälschlicherweise als „großer Waffenschein“ bezeichnet, besitzen im Unterallgäu derzeit nur zwei Personen. Eine Waffenbesitzkarte haben 2375 Unterallgäuer.

Was ist mit einem Waffenschein erlaubt?

Der Kleine Waffenschein bezieht sich ausschließlich auf Schreck-, Reizschuss- und Signalwaffen („SRS-Waffen“). Sie schießen keine scharfe Munition ab. Jeder Erwachsene kann sich ohne Überprüfung und Beschränkung eine SRS-Waffe zulegen, darf sie anschließend aber nur mit nach Hause nehmen und auch nur dort zur Schau stellen. Öffentlich darf man eine SRS-Waffe nicht tragen – außer, man besitzt einen Kleinen Waffenschein. Der „normale“ Waffenschein erlaubt dem Besitzer, eine scharfe Waffe öffentlich zu tragen. Mit einer Waffenbesitzkarte dürfen Personen eine scharfe Waffe besitzen, aber nicht öffentlich tragen.

Wie bekommt man einen Waffenschein?

Die Voraussetzungen für den Kleinen Waffenschein sind überschaubar: Man muss über 18 Jahre alt sein und seine Eignung nachweisen, darf also zum Beispiel nicht vorbestraft sein. Gründe, warum man den Kleinen Waffenschein möchte, müssen nicht genannt werden – anders als bei der Waffenbesitzkarte: Hier muss ein konkretes Bedürfnis nachgewiesen werden – dies ist etwa bei Sportschützen oder Waffensammlern der Fall. Auch die sichere Lagerung der Waffe in einem Tresor ist Voraussetzung. Der „normale“ Waffenschein wird dagegen nur in Ausnahmefällen ausgestellt. So dürfen zum Beispiel Jäger oder mit dem Leben bedrohte Personen wie hochrangige Politiker eine scharfe Waffe öffentlich tragen.

Im Unterallgäu sind immer mehr scharfe Waffen gemeldet

Wie viele Waffen sind im Unterallgäu im Umlauf?

Insgesamt sind im Landkreis Unterallgäu 14.570 scharfe Waffen gemeldet. Hier ist die Tendenz steigend, wenn auch nur leicht: Vor fünf Jahren waren es noch 14.270.

Schätzungen des Landratsamts Unterallgäu gehen aber davon aus, dass mindestens doppelt so viele illegale Waffen im Umlauf sind. Ein wesentlicher Grund dafür ist, dass bis in die frühen 70er-Jahre recht lockere Waffengesetze in Deutschland galten. So konnte man damals problemlos in Versandkatalogen scharfe Waffen für den Eigenbedarf bestellen. Die Behörden gehen davon aus, dass bei Weitem nicht alle Waffen zurückgegeben wurden, als die Waffengesetze wieder verschärft wurden.

Wie viele SRS-Waffen insgesamt im Landkreis im Umlauf sind, ist wegen der fehlenden Kontrollen beim Einkauf nicht bekannt. Die Erlaubnis, Waffen überhaupt zu verkaufen, haben nach Angaben des Landratsamts im Unterallgäu derzeit zehn Personen.

Nehmen auch die Verstöße gegen das Waffengesetz zu?

Ja. Die Polizei registrierte 2018 in diesem Bereich im Unterallgäu 61 Straftaten, während es 2014 noch 41 waren. Einen direkten Zusammenhang zwischen mehr Kleinen Waffenscheinen und mehr Straftaten könne man letztlich aber nicht verlässlich herleiten, so Polizist Holger Stabik.

Was droht bei Verstößen gegen das Waffengesetz?

Das hängt davon ab, wie schwerwiegend der Verstoß ist. Handelt es sich dabei um eine Straftat, drohen bis zu zehn Jahre Haft. Zwischen sechs Monaten und fünf Jahren reicht beispielsweise der Strafrahmen für den unerlaubten Besitz einer scharfen Schusswaffe.

Bei Ordnungswidrigkeiten muss der Betroffene „nur“ zahlen – und zwar bis zu maximal 10.000 Euro. Als Verstoß gilt beispielsweise, wenn man ohne konkreten Grund (z.B. Lebensgefahr) oder Erlaubnis schießt. Daran würde auch ein Kleiner Waffenschein nichts ändern.

Das Unterallgäu zählt zu den sichersten Landkreisen Deutschlands

Wie sicher ist das Unterallgäu überhaupt?

Sehr, das bestätigt Jahr für Jahr die sogenannte Häufigkeitszahl der Kriminalstatistik (Zahl der Taten pro 100.000 Einwohner). Sie lag im Unterallgäu im Jahr 2018 bei 3097. Der Landkreis zählt damit zu den sichersten in ganz Deutschland. Zum Vergleich: Die Kriminalhäufigkeitszahl in Bayern, dem sichersten deutschen Bundesland, lag im vergangenen Jahr bei 4571.

Zwar lag die Häufigkeitszahl im Unterallgäu 2014 leicht darunter, nämlich bei 2855. Man müsse aber berücksichtigen, dass es seit der Flüchtlingsbewegung 2015 zu mehr Durchreiseverkehr auf den großen Straßen des Landkreises wie der A96 gekommen sei, sagt Johanna Graf vom Polizeipräsidium Schwaben Süd/West. Damit sei auch die Zahl bestimmer Delikte – etwa im Bereich der Schleuserkriminalität – angestiegen. Sie betont aber: „Der einzelne Unterallgäuer ist davon nicht betroffen – und insgesamt sehr sicher.“

Welche Gefahren bergen mehr Waffen in der Öffentlichkeit?

Holger Stabik vom Polizeipräsidium Schwaben Süd/West in Kempten warnt davor, mit einer SRS-Waffe in die Öffentlichkeit zu gehen. „In echten Notsituationen können viele ihre Waffe nicht adäquat anwenden, weil sie den Umgang damit nicht gewohnt sind. Und was passiert, wenn das Gegenüber die Waffe in die Hände bekommt?“

Zwar stelle man fest, dass sich immer mehr Menschen unsicherer fühlten, sagt Stabik. Waffen als Lösung zu sehen, hält er aber für einen Trugschluss. „Viele glauben vielleicht, sicherer zu sein, wenn sie eine Waffe tragen“, sagt Holger Stabik. „Dem treten wir aber entschieden entgegen. Die allgemeine Gefahrenlage rechtfertigt das nicht.“

Ein großes Problem seien SRS-Waffen auch, da sie scharfen Waffen täuschend ähnlich sähen. „Wenn jemand mit einer Pistole herumfuchtelt, können wir als Polizei in der ersten Sekunde nicht überprüfen, ob sie scharf ist oder nicht. Darauf müssen wir uns einstellen.“ Das könne aber dazu führen, dass die Polizeibeamten selbst ihre Waffe einsetzen müssten – und die sind scharf. Der Polizist empfiehlt deshalb, in Bedrohungssituationen eher auf das Smartphone und die Notrufnummer 110 zurückzugreifen anstatt auf eine SRS-Waffe.

Wie sicher das Unterallgäu laut Statistik ist, lesen Sie hier:

So sicher ist das Unterallgäu

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