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Unterallgäu

14.12.2020

Wenn Wälder wieder zu Urwäldern werden

Forstreferendarin Sabrina Wunderl, Rainer Nützel (Leiter des Amtes für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten Mindelheim) und Dr. Saul Walter (Leiter des Staatsforstbetriebs Ottobeuren) nahmen den zukünftigen Naturwald unter die Lupe.

Plus Der Staatsforst Unterallgäu überlässt gut 20 Hektar Wald der Natur und verzichtet in diesem Gebiet auf die Holzernte.

Wald war lange Zeit vor allem eines: Wirtschaftsfaktor und Holzlieferant. Das sind die bayerischen Wälder auch heute noch, aber längst nicht mehr ausschließlich. Schon 1973/74 wurden die ersten Naturwaldreservate ausgewiesen. Ziel ist seither, natürliche Lebensräume zu erhalten und selten gewordenen Tier- und Pflanzenarten mehr Lebensraum zuzugestehen, berichtet der Leiter des Amtes für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten Mindelheim, Rainer Nützel. Jetzt geht Bayern einen weiteren Schritt. Zehn Prozent der staatlichen Wälder in Bayern werden sich selbst überlassen und nicht mehr bewirtschaftet. Darunter sind auch etwa 40 Hektar im Unterallgäu.

In den Wäldern soll ein grünes Netzwerk entstehen

Der Freistaat Bayern hat sich durch den neugefassten Artikel 12a Absatz. 2 des Bayerischen Waldgesetzes (BayWaldG) verpflichtet, auf zehn Prozent der Staatswaldfläche bis zum Jahr 2023 ein grünes Netzwerk einzurichten, das aus naturnahen Wäldern mit besonderer Bedeutung für die Biodiversität besteht, erläutert der Leiter des Forstbetriebs Ottobeuren, Hermann S. Walter. In diesen Naturwaldflächen findet praktisch keine Entnahme von Holz mehr statt.

Ausnahmen sind nur dann zulässig, wenn Straßen durch umstürzende Bäume nicht mehr gesichert werden können oder wenn angrenzende private Wälder durch den Borkenkäfer gefährdet werden würden. Das ist auch der Grund, warum die neu als Naturwälder ausgewiesenen Flächen möglichst wenig Fichtenbestand aufweisen.

Bei Schöneschach stehen prächtige Buchen, die 175 Jahre alt sind

Zwischen Hartenthal und Schöneschach im Bad Wörishofer Wald liegt ein solcher Naturwaldbestand. Prächtige Buchen ragen in den Himmel, die vor 175 Jahren gepflanzt wurden. Seit vier Jahren bewirtschaftet der Forstbetrieb Ottobeuren der Bayerischen Staatsforsten dieses 1,9 Hektar große Gebiet nicht mehr, wie Walter weiter berichtet – aus Rücksicht auf die Vogelwelt.

Gleich mehrere Bäume beherbergen Großhöhlen, in denen Schwarzspechte, Hohltauben, Eulen, Fledermäuse, Kleiber, Hornissen, Siebenschläfer oder Marder leben. Und wie auf Befehl lässt sich aus einer der Baumhöhlen auch ein Schwarzspecht blicken. Dadurch, dass dieser Wald nun offiziell auch als Naturwald festgeschrieben wird, bekommt der Waldschutz eine neue Verbindlichkeit.

Vor ein paar Jahren haben die Förster im Unterallgäu diese ökologisch besonders wertvollen Höhlenbäume erfasst. 600 wurden dabei ermittelt. Sie werden mit blauer Farbe besonders gekennzeichnet, so dass sie schon von weitem gesehen werden.

Zerfallende Bäume bieten wertvollen Lebensraum

Walter betont aber auch, dass schon bisher kein Eingriff mehr erfolgt ist. In zehn, 20 oder 30 Jahren werden deutlich mehr abgestorbene Bäume in den Gebiet zu sehen sein. Nützel spricht von Zerfallsstrukturen, die wertvoll für andere Pflanzen und Tiere sind.

Im Unterallgäu gibt es bisher vier Naturwaldreservate. Insgesamt zählen im Landkreis zu den nach dem neuen Artikel 12a des Bayerischen Waldgesetzes geschützten Naturwäldern die bekannten Naturwaldreservate und die nach dem Naturschutzkonzept des Staatsforstes ausgewiesenen und veröffentlichten Klasse-1 Wälder. Das sind insgesamt 92,9 Hektar Wald im Unterallgäu. Zusätzlich werden naturschutzfachliche „Hotspots“ wie der Bestand bei Schöneschach mit insgesamt 20,7 Hektar im Unterallgäu waldgesetzlich geschützt. Für sie bestand seit 2016 eine „Hiebsruhe“, wie es Walter formuliert. Es erfolgte also kein Einschlag mehr.

Die anderen drei Flächen liegen bei Märxle zwischen Bedernau und Oberschönegg, an der Iller bei Maria Steinbach und südlich von Engetried. Die genaue Lage der Naturwälder lässt sich online im BayernAtlas einsehen.

Zum Forstbetrieb Ottobeuren gehören insgesamt 11.000 Hektar Wald. bewirtschaftet Rainer Nützel sagt, der Staatsforst hat auch schon in der Vergangenheit besondere Rücksicht walten lassen. Als Beispiel nennt er Tussenhausen und den Angelberger Forst. Weil im Kirchturm Tussenhausens ein seltener Bestand der großen Mausohrfledermaus besteht, wird ein Teil des nahe gelegenen Fichten- und Buchenbestandes nicht mehr bewirtschaftet, so dass die Fledermäuse dort ausreichend Nahrung finden können.

Auch Privatwaldbesitzer aus dem Unterallgäu können mitmachen

Auch Privatwaldbesitzer können viel für den Naturschutz tun. Bei Begehungen im Sommer weist Nützel darauf hin, wie hilfreich es bereits sein kann, wenn zwei abgestorbene Bäume in einem kleinen Waldgebiet zehn, 20 Jahre lang stehen gelassen werden. „Das ist wenig Aufwand, hat aber eine große Wirkung für den Artenschutz“.

Lesen Sie auch: In den Wäldern im Unterallgäu ist immer etwas zu tun

Wie unser Wald fit gemacht wird für den Klimawandel


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