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Dirlewang

18.01.2018

Wenn das Parkett geflogen kommt

Zur Not kommt das Parkett mit dem Lastenaufzug – wie hier in Tel Aviv.
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Zur Not kommt das Parkett mit dem Lastenaufzug – wie hier in Tel Aviv.
Bild: Adler

Die Firma Adler fertigt aus 200 Jahre alten Eichenstämmen Parkett. Immer wieder haben die Dirlewanger spektakuläre Aufträge.

Man könnte behaupten, dass die Firma Adler Parkett gar nicht viel macht – zumindest, wenn man einzig und allein die Zeitspanne betrachtet. Alles beginnt mit einem Pflänzchen. Ein Baum, der wächst. 200 Jahre lang, bis er gefällt wird. Binnen kürzester Zeit wird aus ihm Parkett in unterschiedlichen Formen, Farben und Größen. Dieser letzte Schritt wird in den Hallen am Dirlewanger Ortsrand gemacht – etwa 300000 Quadratmeter im Jahr. Von dort gelangen die Dielen zum Kunden: nach Mindelheim und Bad Wörishofen, aber auch nach Istanbul und Tel Aviv.

Adler ist bekannt für Landhaus- und Schlossdielen, die zehn Meter lang sein können und gerade in großen Räumen ihre Wirkung entfalten. Zuvor muss einiges mit dem Holz geschehen. Auch wenn einige Arbeiten wie das Auskitten von Astlöchern inzwischen Maschinen übernehmen, so sind es doch vor allem die Fachkräfte, die bei Adler eine wichtige Rolle spielen. Die Firma setzt auf Insellösungen, so bleibt die Arbeit für jeden Einzelnen abwechslungsreich. Die langen Dielen sind immer wieder eine Herausforderung. Adler-Parkett besteht meist aus drei Schichten, die miteinander verklebt werden: Gegenzug, Mittellage und Oberschicht.

Englisch steht für die Adler-Mitarbeiter in Dirlewang einmal in der Woche auf dem Stundenplan

Wenn das Parkett geflogen kommt

In den Hallen riecht es fast süßlich, nach einer Mischung aus Holz und Zimt. Überall Dielen. Und Schilder: „Rauchen verboten“. Zwei Mitarbeiter richten gerade den Gegenzug an einem Laserstrahl aus und platzieren die obere Schicht darauf. Eine heiße Presse drückt die Teile zusammen, dann muss sich das Holz ein paar Tage akklimatisieren. Die unteren Schichten bestehen bei Adler aus Fichte. „So hat das Parkett aus unserer Sicht ideale Eigenschaften“, sagt Annette Adler.

Die meisten Adler-Dielen werden anschließend geölt, und zwar oxidativ. Das heißt, dass das Öl auf das Holz kommt und an der Luft trocknet statt mit UV-Licht. Es geht in die Poren und härtet aus. Und natürlich dürfen am Ende Nut und Feder nicht fehlen, damit die Dielen ineinandergesteckt werden können. Dutzende Dielen in Nussbaum warten gerade darauf, bearbeitet zu werden: „Ein großer Auftrag aus Hongkong“, erklärt Adler und schießt mit dem Handy noch schnell ein Foto. „Dann kann ich dem Kunden was schicken.“ Einheitliches Marken-Design, Kommunikation, soziale Medien, das gehört zum Alltag in diesem Handwerksbetrieb.

Der Gegensatz zwischen den Kunden – Reiche, bei denen Geld keine Rolle zu spielen scheint, und ganz normale Menschen aus der Region – das ist es, was Annette Adler Spaß bereitet. Die Hälfte der Böden gehört zum Standard-Programm, bei der anderen Hälfte handelt es sich um individuell angefertigtes Parkett. Die Bestellungen kommen aus aller Welt: Englisch gehört zum Tagesgeschäft, weshalb die Mitarbeiter einmal in der Woche Unterricht bekommen.

Bei den Bestellungen gibt es fast nichts, das es nicht gibt. „Es kommen zum Teil absurde Wünsche“, sagt Adler und erinnert sich an das Holz mit Metalleffekt. Zwei bis acht Wochen dauert es von der Bestellung bis zur Lieferung. Manchmal müssen Kunden allerdings eine längere Wartezeit in Kauf nehmen. Nicht, weil Adler-Mitarbeiter zu langsam sind, sondern, weil die Bäume nur einmal im Jahr gekauft werden. „Die individuelle Produktion fängt mit dem Einkauf an“, sagt Adler.

Ist in einem Jahr nicht gerade zufällig der passende Stamm für eine Sonderbestellung dabei, muss der Kunde auf den nächsten Winter warten. Denn die Einschlagphase findet von November bis März statt. Dann machen sich Adlers Cousin und Vater auf die Suche nach perfekten Bäumen, meist in Deutschland. „Das ist ein Glücksspiel“, sagt Adler. Bei der Submission gibt jeder Bieter seine Bewertung ab – geheim. Der Meistbietende erhält den Zuschlag. Stürme machen Holz zwar billiger, helfen Unternehmen wie Adler aber nicht weiter. Mit Bruchholz könne man nicht viel anfangen, sagt Adler. Das habe zu viel Spannung und „knalle“ in der Säge. Früher, so erinnert sie sich, steckte sogar noch häufiger Kriegsmunition in manchen Stämmen.

Zu 93 Prozent produziert Adler Parkett aus Eiche. Diese sei vielfältig, sehr hart, gut für die Fußbodenheizung geeignet und biete Farben von Hell bis Dunkel. „Deutschland ist ein Eichenland“, sagt Annette Adler. Doch nicht nur hierzulande ist das Holz beliebt; der Trend geht durch die ganze Welt, wobei die Skandinavier eher weißere Töne bevorzugen und die südlicheren Länder eher dunkles Holz.

Grundsätzlich sei der Fußboden aber so individuell wie der Stil, sagt Annette Adler. Und: „Es kommt drauf an, ob er dominant oder redundant ist“, also ob er auffallen darf oder etwas anderes in den Vordergrund rücken soll. Am besten verkaufe sich die weiß geölte, leicht gebürstete Landhausdiele.

Das Holz für das Parkett sei 150 bis 220 Jahre alt

Auch wenn der Baum tot sei, so lebe er doch am Boden weiter, findet sie. „So ein Gasthof mit einem alten Parkett, das ist doch was Tolles!“ Umso weniger kann sie es verstehen, dass manche Menschen im Parkett so wenig Astlöcher wie möglich wollen, aber bei Vinylböden gerade dieses „natürliche Aussehen“ forderten. Das Holz für Parkett sei 150 bis 220 Jahre alt. „Da steckt eine ganz andere Wertigkeit dahinter“, findet Annette Adler. Parkett sei beständig, man könne ihn behandeln und er sei frei von diversen Lösungsmitteln, wirbt sie und zählt die einzelnen Stoffe auf. Es gebe dafür europäische Umweltstandards, aber „wir versuchen, weit drunter zu bleiben“. Überhaupt ist Adler eine saubere Produktion wichtig: Eigener Solarstrom, Wärmerückgewinnung und Energie aus Holzabfällen sind hier Standard.

Die Produkte von Adler Parkett gehen in die ganze Welt. Bis es allerdings soweit ist, müssen so manches Mal Schwierigkeiten überwunden werden. Wenn der Lastwagen mit den individuellen Schlossdielen für eine „Hütte“ in Kitzbühel oder St. Moritz den Weg auf den Berg wegen der engen Kehren nicht schafft, dann werden die Fußbodenbeläge eben per Helikopter eingeflogen. Der spektakulärste Transport fand übrigens in Tel Aviv statt. Sieben Meter lange Dielen mussten in den 47. Stock eines Hochhauses. Weil der Aufzug zu klein und der Anflug mit dem Helikopter nicht möglich war, wurden die Dielen kurzerhand mit dem Lastenaufzug der Fensterputzer nach oben befördert – immer nur jeweils zwei Stück. Das dauert! Wenn auch nicht ganz so lange, wie ein Baum zum Wachsen braucht ...

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