1. Startseite
  2. Lokales (Mindelheim)
  3. Wenn der Insolvenzverwalter die letzte Rettung ist

Wirtschaft im Unterallgäu

27.12.2017

Wenn der Insolvenzverwalter die letzte Rettung ist

Copy%20of%20Fotolia_178604095_Subscription_XXL.tif
2 Bilder
Ein Insolvenzverwalter ist in vielen Fällen die letzte Rettung für eine Firma und deren Mitarbeiter. Michael Jaffé erzählt, wie es ist, als Externer in ein Unternehmen zu kommen, was zu tun ist und wann eine Insolvenz sogar gut für einen Betrieb ist.

Im Unterallgäu gibt es wieder mehr Unternehmen, die in Konkurs gehen. Ein Experte erklärt, wieso Hilfe von außen manchmal sinnvoll sein kann

Herr Jaffé, Sie waren Insolvenzverwalter für viele Firmen – hier in der Region sind Sie bekannt aus den Fällen Grob Aerospace oder Schneider. Wie ist es, als Insolvenzverwalter in ein Unternehmen zu kommen?

Jaffé: Es ist jedes Mal eine Herausforderung, da sich die Beteiligten fast immer in einer Extremsituation befinden und berechtigterweise in großer Sorge um ihre Zukunft sind.

Wie packt man das an?

Lesen Sie jetzt: Die heutige Ausgabe Ihrer Tageszeitung als E-Paper.

Jaffé: Wenngleich sich die Grundabläufe ähneln, so hängen die wichtigsten Aufgaben vom Unternehmen und dessen Geschäftsmodell ab. So stellt beispielsweise ein produzierendes Unternehmen ganz andere Anforderungen als eine Handels- oder eine Immobilieninsolvenz. Grundsätzlich beginnt jedes Verfahren damit, das Vermögen zu sichern und zu erfassen, damit es keine Beine bekommt. Parallel muss unter Hochdruck geprüft werden, ob und wie ein noch lebendes Unternehmen fortgeführt werden kann.

Wie reagieren die Mitarbeiter auf einen Insolvenzverwalter?

Jaffé: Im Regelfall gefasst, da eine Krise selten über Nacht entsteht. Arbeitnehmer haben meist ein gutes Gespür für Fehlentwicklungen im Unternehmen. Für sie ist es wichtig, offen und transparent über die Geschehnisse informiert zu werden und sehr zeitnah Insolvenzgeld zu erhalten, um eigenen Verpflichtungen gerecht werden zu können.

Mit welchen Institutionen treten Sie in Kontakt?

Jaffé: Am wichtigsten ist es, sich mit der Arbeitsagentur kurz zu schließen, um eine Insolvenzgeldvorfinanzierung in die Wege zu leiten. Die Zusammenarbeit mit Arbeitsagenturen, die sich enorm für die Arbeitnehmer einsetzen, funktioniert sehr gut. Daher gelingt es fast immer, dass die Arbeitnehmer ihre über das Insolvenzgeld abgesicherten Lohn- und Gehaltsansprüche binnen weniger Tage erhalten. Im Fortgang ist ein intensiver Kontakt mit den Finanzbehörden notwendig, um sicherzustellen, dass die umfangreichen Aufgaben fristgemäß erfolgen.

In speziellen Fällen, etwa wenn das Unternehmen über besondere Genehmigungen verfügt, weil es mit Gefahrstoffen hantiert oder in besonderen Branchen tätig ist, macht es Sinn, Kontakt mit den Sonderbehörden aufzunehmen, um das Vorgehen und die Voraussetzungen für eine Überleitung der Genehmigungen auf einen Käufer zu besprechen.

Gibt es Branchen, in denen Firmen besonders insolvenzgefährdet sind?

Jaffé: Dies hängt vor allem von Konjunktur- und Marktentwicklungen ab, sodass sich keine einfachen Muster erkennen lassen. Aktuell ist sicherlich der stationäre Handel, der durch den Online-Handel massiv unter Druck ist, genauso von Krisenentwicklungen betroffen wie beispielsweise die mittelständische Modebranche. Insgesamt lässt sich aber konstatieren, dass die gute Wirtschaftslage und die niedrigen Zinsen dazu beitragen, dass die Insolvenzanfälligkeit deutscher Unternehmen derzeit sehr gering ist. Unternehmer haben aus der Finanzkrise 2008/ 2009 gelernt und vielfach ihre Unternehmen angepasst.

Was ist der häufigste Fehler, weshalb Firmen zahlungsunfähig werden?

Jaffé: Das lässt sich nicht verallgemeinern. Mit Ausnahme von seltenen monokausalen Ursachen, wie dem Ausfall einer Großforderung aufgrund der Insolvenz des Hauptkunden, ist es meist ein schleichender Prozess. Der akuten Liquiditätskrise gehen im Regelfall langjährige Strategie- und Ertragskrisen voraus. Die akute Zahlungsunfähigkeit beruht häufig darauf, dass die Situation eskaliert und maßgebliche Gläubiger Kredite kündigen. Auch wenn Kreditversicherer den Versicherungsschutz für Warenlieferanten entziehen, gehen schnell die Lichter aus.

Wie oft hat man es als Insolvenzverwalter mit Gefühlen zu tun?

Jaffé: Die emotionale Belastung ist für alle Beteiligten groß, insbesondere wenn es sich um mittelständische Unternehmen handelt, in denen nicht selten das Lebenswerk von Generationen steckt. Dies umso mehr, als auch der persönliche Ruin droht, wenn die Gesellschafter persönliche Bürgschaften gegeben haben, was oft der Fall ist. Gesellschaftergeschäftsführer, die persönlich haften, gehen häufig auch in die persönliche Insolvenz.

Die emotionale Belastung bei Fremdgeschäftsführern ist oft mehr darauf ausgerichtet, schadlos das Unternehmen verlassen zu können und sich zeitnah neuen Aufgaben zu widmen. Nicht selten wird diese Episode aus dem Lebenslauf getilgt, was im Handelsregister aber nicht funktioniert.

Was ist das Ziel eines Insolvenzverfahrens in Deutschland?

Jaffé: Die bestmögliche und gleichmäßige Befriedigung aller Gläubiger. Meist, aber nicht immer, geht dies einher mit dem Erhalt des Unternehmens und der Arbeitsplätze.

Wie unterscheidet sich dieses Ziel von dem in anderen Ländern?

Jaffé: Während das Verfahren in Deutschland stark auf die Gläubiger ausgerichtet ist, gibt es Länder, in denen der Schuldner mehr im Vordergrund steht. So kann es beispielsweise in den USA das Ziel sein, ihm einen „Fresh Start“ zu gewähren. Alle Ansätze führen meist zum gleichen Ergebnis: ein Erhalt des Unternehmens geht einher mit einem guten Ergebnis für die Gläubiger.

Wann beurteilen Sie selbst ein Insolvenzverfahren als „positiv“?

Jaffé: Wenn es gelingt, ein erhaltungswürdiges Unternehmen zu restrukturieren und finanziell auf eine gute Basis zu stellen, damit es wieder nachhaltig am Markt präsent sein kann. Zugleich müssen die Gläubiger einen Großteil ihrer Forderungen realisieren können. Dazu muss auch verhindert werden, dass einzelne Gläubiger auf Kosten anderer ihre Interessen durchsetzen.

Sie waren Insolvenzverwalter bei zahlreichen Firmen, darunter auch Grob Aerospace in Mattsies oder Schneider in Türkheim. Ist Ihnen eine Firma besonders im Gedächtnis geblieben – und wenn ja, warum?

Jaffé: Alle Verfahren, mit denen man jahrelang befasst war, bleiben in Erinnerung, insbesondere wenn viele Arbeitnehmer betroffen waren. Im Verfahren Grob Aerospace ist mir vor allem auch in Erinnerung geblieben, mit welchem persönlichen Engagement sich der inzwischen verstorbene Burkhart Grob für seine ehemaligen Arbeitnehmer eingesetzt hat, um mitzuwirken, dass in Mattsies trotz der desolaten Ausgangslage nicht die Lichter ausgehen. Dass das Nachfolgeunternehmen heute erfolgreich am Weltmarkt tätig ist, ist ein großer Erfolg.

Interessiert es Sie, was langfristig aus Unternehmen wird?

Jaffé: Natürlich freut es mich, wenn ein Unternehmen, dessen Insolvenzverwalter ich war, selbst oder im Wege einer Auffanggesellschaft wieder nachhaltig am Markt tätig ist. Das ist nicht nur bei Grob Aerospace der Fall. Auch Unternehmen wie der Spielwarenhersteller Nici, der Wohnmobilproduzent KnausTabbert oder die Petroplus-Raffinerie in Ingolstadt, um nur einige zu nennen, konnten gerettet werden. Oft stehen die Unternehmen, wenn sie über ein nachhaltiges Konzept verfügen, nach einer Insolvenz, wenn sie Ballast abwerfen konnten, sogar besser da als zuvor. Wenn ich nach einigen Jahren in die Betriebe komme und mich niemand mehr kennt, dann ist das ein gutes Zeichen.

Was sind die größten Fehler, die man als Insolvenzverwalter machen kann?

Jaffé: Es gibt reichlich Möglichkeiten für Fehler. Ein Helfersyndrom, fehlende Sachlichkeit und eine zu große Nähe zu den Akteuren schaden jedem Verfahren enorm.

Neben der Regelinsolvenz gibt es heute die immer stärker gefragte Möglichkeit der Insolvenz in Eigenverwaltung. Ihre Meinung dazu?

Jaffé: Es ist zutreffend, dass viele Unternehmen versuchen, sich mithilfe der Eigenverwaltung zu sanieren. Dagegen ist nichts einzuwenden, wenn die gesetzlichen Voraussetzungen vorliegen und die gesetzlichen Ziele verfolgt werden. Viele Eigenverwaltungen, gerade bei kleinen Firmen, scheitern jedoch, da die Betriebe für diese Verfahrensart nicht geeignet sind. Sanierung setzt immer voraus, dass noch ein Geschäftsmodell vorhanden ist, das nachhaltig Erträge ermöglicht. Hieran fehlt es nicht selten bei insolventen Unternehmen. Man darf bei aller Sanierungseuphorie nicht vergessen, dass die Insolvenz die Wirkung und nicht die Ursache einer Unternehmenskrise ist. Nur wenn man die Krisenursachen beheben kann, was gerade bei externen Faktoren wie Marktumbrüchen oft nicht möglich ist, kann es nach der Insolvenz weitergehen. Interview: Melanie Lippl

Themen Folgen

Die Diskussion ist geschlossen.

Lesen Sie dazu auch
Copy%20of%20IMG_4386.tif
Mindelheim

Fußgängerin von Auto erfasst und schwer verletzt

WhatsappPromo.jpg

Alle News per WhatsApp

Die wichtigsten Nachrichten aus Augsburg, Schwaben
und Bayern ganz unkompliziert auf Ihr Smartphone.

Hier kostenlos anmelden