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MZ-Interview

25.09.2013

Wenn die Parteien alles überlagern

Jochen Knapp aus Köngetried trat als Bundestagskandidat für die Alternative für Deutschland an und erreichte auf anhieb ein respektables Ergebnis.
Bild: Stoll

Jochen Knapp von der Alternative für Deutschland versucht, den überraschenden Zuspruch seiner Partei bei der Bundestagswahl zu erklären

Köngetried Aus dem Stand heraus holte die Alternative für Deutschland AfD im Unterallgäu 5,1 Prozent der Zweitstimmen und war damit die Überraschung der Bundestagswahl. Für den Einzug ins Parlament in Berlin hat es allerdings nicht ganz gereicht. AfD-Kandidat im Wahlkreis Ostallgäu war Jochen Knapp. Der 58-jährige Diplominformatiker lebt seit 2005 in Köngetried. Er ist selbstständiger Unternehmensberater und leitet IT-Projekte, vor allem im produzierenden Mittelstand. Derzeitiger Schwerpunkt ist die Druck- und Verpackungsindustrie. MZ-Redakteur Johann Stoll sprach mit Knapp über die AfD im Unterallgäu.

Herr Knapp, was war der 22. Juni 2013 für ein Tag?

Knapp: Wir haben uns im Allgäu gegründet. Damals haben wir uns in Markt Rettenbach in einem kleineren Kreis zusammengefunden. Wir waren nur sechs oder acht Leute. Heute hat der Kreisverband Memmingen-Unterallgäu der AfD zwischen 25 und 30 Mitglieder. Wir kriegen pro Woche ein bis zwei neue Mitglieder dazu. Auch am Wahlsonntag sind noch welche gekommen.

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Was sind das für Leute, die nun zu Ihnen finden?

Knapp: Das sind ganz unterschiedliche Leute. Die AfD hat auch das Potential, genau diese unterschiedlichen Leute zu binden. Wir haben Akademiker, Ärzte, Maschinenbauer...

Sie selbst sind auch Akademiker, wie viele der Gründungsmitglieder der Alternative für Deutschland.

Knapp: Genau. Wir haben auch viele gewerbliche Arbeitnehmer oder auch Angestellte oder Beamte. Unser gemeinsamer Nenner ist: Wir fühlen uns durch die jetzige Politik bevormundet.

Was stört Sie?

Knapp: Wir sind seit 20, 30 Jahren in einer Situation, dass wir tatsächlich in Gefahr geraten, die Demokratie zu verlieren. Das ist meine größte Sorge.

Die Parteiendemokratie überlagert alles?

Knapp: Ganz genau. Ich kann den früheren Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker zitieren: Die Parteien haben sich den Staat zur Beute gemacht. Alle Strukturen, die installiert sind, verstärken das. Da muss man die Handbremse ziehen.

Sie sind 58 Jahre alt. Waren Sie früher schon politisch aktiv?

Knapp: Ich bin politisch interessiert, absolut. Ich gehöre zu den Wechselwählern, auch Nichtwähler. Mir ist klar geworden, man muss sich selber engagieren, wenn man kritikfähig bleiben will.

Was hat für Sie den entscheidenden Ausschlag gegeben?

Knapp: Das war alles, was mit der sogenannten Euro-Rettung zu tun hat. Unter Umgehung aller parlamentarischen Befugnisse wurde diese Politik der Rettungsschirme vorangetrieben. Das war Rechtsbruch, Rechtsverletzung.

Es ist gerade mal drei Monate her, dass Sie den Kreisverband gegründet haben. 2014 sind Kommunalwahlen. Wird die AfD im Unterallgäu antreten?

Knapp: Ja, wir wollen in allen Parlamenten - von kommunal bis Europa - präsent sein. Für uns ist es wichtig, möglichst bald Leute zu bekommen, die frühestmöglich sagen, sie möchten sich da engagieren.

Wo sehen Sie gute Chancen in der Region?

Knapp: Das ist sehr schwer einzuschätzen. Dort, wo viel Fremdenverkehr ist, scheinen die Chancen recht gut zu sein. In Bad Wörishofen oder Füssen zum Beispiel.

Haben Sie Spender und Gönner?

Knapp: Den Wahlkampf haben wir aus Mitgliedsbeiträgen und aus der eigenen Tasche bezahlt. Einige Interessierte haben auch spontan am Infostand gespendet.

Jetzt kann man immer wieder lesen und hören, die AfD sei eine populistische Partei am äußersten rechten Rand des Parteienspektrums. Wie rechts ist die AfD?

Knapp: Wir sind nicht rechts. „Rechts“ widerspricht dem, was unser Innerstes ist. Es kann durchaus sein, dass es Rechte gibt, die sich hier anhängen wollen. Es wird dann ganz automatisch einen Klärungsprozess geben. Denn wir wollen Volksentscheide, Bürgerabstimmung. Damit ist ganz klar: Wir sind gegen jegliches Führerprinzíp.

Ihr Vorsitzender Bernd Lucke hat kürzlich gesagt: „Wir haben so viel an Entartung von Demokratie und Parlamentarismus in den letzen vier Jahren erlebt“. Das ist Nazi-Jargon. Was sagen Sie dazu?

Knapp: Das ist von der Formulierung her unglücklich.

Das Wort „Entartung“ würden Sie nicht in den Mund nehmen?

Knapp: Heutzutage macht man sich ja gerne ein Spiel daraus, bestimmte Begriffe überzubewerten. Dass wir mancherorts Probleme mit der Interpretation des Begriffs „parlamentarische Demokratie“ haben, da stimme ich Herrn Lucke mehr als zu.

Wie grenzen Sie sich denn ab gegen Leute aus dem extrem rechten Lager, das die AfD vielleicht als neues Sammelbecken gegen etablierte Parteien begreift?

Knapp: Es geht darum, dass der Bürger tatsächlich in die politische Willensbildung eingebunden wird. Damit grenzen wir uns primär ab. Wir sind gegen alle selbsternannten Eliten, die ihre Konzepte dogmatisch vorgeben wollen.

Gesetzt den Fall, die AfD gäbe es nicht. In welcher anderen Partei würden Sie sich am ehesten zuhause fühlen?

Knapp: Wir brauchen eine freiheitliche Grundeinstellung. Bis vor vier Jahren hätte ich mich deshalb am ehesten noch bei der FDP verortet. Sie hat’s aber in den letzten vier Jahren vermasselt. Sie hat vor allem in der Steuer- und Europapolitik gekniffen. Ersichtlich war, dass sie ihre Lobbyisten bedient, nicht ihre Wählerschaft.

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