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Umwelt

03.07.2020

Wenn eine Hecke der Zukunft im Weg steht

Seitenweise Schreiben haben sich bei Christina und Bernd Augart angesammelt – ihre Hecke konnte das aber nicht retten.
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Seitenweise Schreiben haben sich bei Christina und Bernd Augart angesammelt – ihre Hecke konnte das aber nicht retten.

40 Jahre lang wuchs die Hecke der Familie Augart in Irsingen. Dann kam der Ausbau des Glasfasernetzes für schnelles Internet – und die Hecke musste gestutzt werden. Bürgermeister: „Manchmal geht es einfach nicht anders“

Lange suchen muss man das Haus von Christina und Bernd Augart in der Tulpenstraße im Ortsteil Irsingen nicht: schon von Weitem sieht man die braunen Äste, die früher mal eine grüne und dichte Thujahecke waren. Hier nisteten Vögel, viele Insekten schwirrten und summten: „Es war eine schöne Hecke, voller Leben“, sagen Christina und Bernd Augart traurig.

Denn damit ist es seit einigen Tagen vorbei, die knapp vier Meter hohe Hecke musste so heftig zurecht gestutzt werden, dass es wohl vorbei ist mit dem Lebensraum für Tiere und Insekten. „Die Hecke wird bestimmt absterben, da ist nichts mehr zu machen“, schüttelt Bernd Augart den Kopf. Ganz abholzen will der ehemalige Polizeibeamte die Hecke aber nicht – im Gegenteil: „Die bleibt stehen, als Denkmal für behörden-Willkür“, schimpft Bernd Augert.

Grund für seinen Ärger ist nicht allein die Tatsache, dass die Hecke vor seinem Grundstück gestutzt werden musste - im Zuge der Bauarbeiten für die Verlegung der Glasfaserkabel durch die LEW Verteilnetz GmbH werden schon seit Monaten im gesamten Türkheimer Ortsgebiet Gehsteige aufgerissen, dort moderne Glasfaserkabel für schnelles Internet im Erdreich verlegt und anschließend wieder zugeschüttet. Damit die Baumaschinen ungestört arbeiten können, müssen eben auch alle „Hindernisse“ beseitigt werden – und als so ein Hindernis erwies sich die Hecke vor dem Haus der Augarts in der Tulpenstraße in Irsingen. Auch die Grundstückseigentümer sahen ein, dass die Hecke entsprechend gestutzt werden muss und beauftragten noch Ende Mai eine Gartenbaufirma mit einem fachkundig ausgeführten Rückschnitt.

Doch der fiel – zumindest in den Augen der zuständigen Verwaltungsgemeinschaft Türkheim – „nicht ausreichend“ aus, wie die Augarts in einem Schreiben aus dem Türkheimer Rathaus erfuhren. Nach Mitteilung des Türkheimer Bauamtes und im Zuge einer Ortsbegehung habe sich ergeben, dass die Hecke auch nach dem freiwilligen Rückschnitt „immer noch 30 Zentimeter in den Lichtraum des sich hier befindlichen Gehweges“ rage, was – so die Behörde – nicht nur die Bauarbeiten, sondern auch Fußgänger und Fahrzeuge behindere. Die Augarts wurden also „gebeten“, die Äste der Hecke „bis zur Grundstücksgrenze“ zurückzuschneiden. Falls sich die Familie aber weiter weigern sollte, dann könnten ihnen sogar „eventuell anfallende Behinderungskosten“ in Rechnung gestellt werden, sollten die Baufirmen durch die Hecke behindert werden.

Die Augarts, die sich von der Bad Wörishofer Rechtsanwältin Gertraud Gruschka vertreten lassen, verstanden die Welt nicht mehr: Ausgerechnet jetzt, Ende Juni, sollte ihre Hecke so brachial gestutzt werden? Wo doch gerade in dieser Zeit die Vögel seit Jahrzehnten darin ihre Jungen großziehen? Wenigstens bis in den Herbst hätte man doch noch mit dem Rückschnitt warten können, zumindest bis die Vogelbrut die Nester verlassen hätte, so Christine und Bernd Augart.

Das Argument der Gemeinde, dass die Bauarbeiten durch die Hecke behindert würden, wollen die Augarts nicht gelten lassen: Schließlich hatten sie in einem Gespräch mit dem Bauleiter der Verlegefirma das Signal bekommen, dass die Glasfaserkabel durchaus nicht unmittelbar an der Grundstücksgrenze verlegt werden müssen. Laut Auskunft des Bauleiters wäre es „problemlos und ohne großen Aufwand“ möglich, zur Kabelverlegung vom Gehweg auf die Straße auszuweichen. Christina und Bernd Augart wären in diesem Fall sogar bereit gewesen, einen Teil der Mehrkosten zu übernehmen.

Doch es half alles nichts, die Gemeinde Türkheim blieb dabei: Die Hecke muss gestutzt werden – und zwar exakt entlang der Grundstücksgrenze. Schweren Herzens gaben die Augarts dann klein bei und ließen die Hecke von einem Fachbetrieb zurückschneiden – das Ergebnis ärgert sie tagtäglich, wenn sie daran vorbeigehen müssen. „Es ist eine Schande“, sagen die Augarts. Sie ärgern sich vor allem über die „Sturheit“ der Gemeindevertreter, allen voran von Bürgermeister Christian Kähler.

Mit Kähler hatten sie eigentlich persönlich reden und ihm direkt ihr Anliegen schildern wollen, sagen die Augarts. Doch der Rathauschef habe ihnen nur schriftlich geantwortet und sie wissen lassen, dass eine Kabelverlegung auf der Straße „zur Umgehung ihres Heckenüberwuchses“ wegen des höheren Aufwands der Baufirma „nicht zuzumuten“ sei, wie es in dem Schreiben Kählers heißt. Der gesamte Schriftverkehr liegt auch der MZ-Redaktion vor. Kähler beruft sich darin unter anderem auf das „Selbsthilferecht“ seiner Gemeinde. Sollte der Rückschnitt nicht bis zum geforderten Datum erfolgt sein, werde die Gemeinde Türkheim „die Hecke durch eine von uns beauftragte Firma im zulässigen Umfang kürzen lassen“, so Kähler: „Entstehende Kosten stellen wir Ihnen dann in Rechnung“.

Vor allem der raue und aus Sicht der Augarts „alles andere als bürgerfreundliche Ton“ stößt den Irsinger Hausbesitzern auf. Angesichts der im gesamten Gemeindegebiet laufenden Bauarbeiten hoffen die Irsinger jetzt, dass wenigstens bei anderen Grundstücksbesitzern mit mehr Fingerspitzengefühl vorgegangen wird. So recht glauben wollen die Augarts das aber nicht (mehr): „Die Gemeinde Türkheim hat in unserem Fall vorsätzlich, rücksichtslos und rechtswidrig das Naturschutzgesetz missachtet.“

Bürgermeister Christian Kähler nahm auf Anfrage der MZ dazu Stellung: „Es kommt immer wieder vor, dass Hecken oder Ähnliches weit über die Grundstücksgrenzen drüber wachsen. Gerade jetzt beim Ausbau der Glasfaserleitungen, die im Gehweg verlegt werden, müssen wir die Eigentümer auffordern, auf die Grundstücksgrenze zurückzuschneiden“, so Kähler.

Deshalb habe am Grundstück der Augarts extra ein Ortstermin stattgefunden, bei dem laut Kähler der Bauleiter und ein Vertreter der LEWTelnet dabei gewesen seien. „Wir haben nach Lösungen gesucht, aber die Hecke wuchs über die ganze Grundstücklänge weit in den Bereich des Gehweges rein und es war für die Baufirma unmöglich, dort das Glasfaserkabel einzubauen. Einer diskutierten Umverlegung auf den Straßenbereich konnte nicht zugestimmt werden“, erinnert sich Kähler.

Den Vorwurf der Willkür will er aber nicht stehen lassen: „Dies machen wir sicherlich nicht absichtlich und keiner will den natürlichen Sichtschutz zerstören, aber dies geht halt nun mal nicht anders“, weist Kähler die Vorwürfe zurück. Und von einem Präzendenzfall könne schon gar keine Rede sein, denn: „Die allermeisten betroffenen Grundstücksbesitzer können in ähnlichen Fällen ihre Hecken zurechtschneiden, ohne dass diese Schaden nimmt. Aber wenn diese bereits zu weit über die Grundstücksgrenze gewachsen ist, dann wird es schwierig“, so Kähler.

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