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Interview

20.01.2015

Wer bremst, verliert – eben nicht

Raus aus dem Alltagstrott und einfach mal nichts tun. Das ist für viele leichter gesagt, als getan. Dabei sind Pausen sehr wichtig und Müßiggang ist eben nicht aller Laster Anfang. Das bestätigt auch die Psychologin.
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Raus aus dem Alltagstrott und einfach mal nichts tun. Das ist für viele leichter gesagt, als getan. Dabei sind Pausen sehr wichtig und Müßiggang ist eben nicht aller Laster Anfang. Das bestätigt auch die Psychologin.
Bild: Media Images/fotolia

Psychologin Anka Teubert über Müßiggang als Laster und den Gedanken-Lkw

Das neue Jahr ist noch jung – und doch schon wieder prall gefüllt: mit Terminen, Vorsätzen, Plänen. Schließlich ist die Zeit zu schade, um sie mit Nichtstun zu vergeuden. Oder etwa nicht? Ist das Nichtstun am Ende vielleicht sogar besser als sein Ruf? MZ-Redakteurin Sandra Baumberger hat mit der Psychologin Anka Teubert von der Mindelheimer Erziehungsberatungsstelle über den verpönten „Müßiggang“ gesprochen.

Was halten Sie von dem Sprichwort „Müßiggang ist aller Laster Anfang“?

Sprichworte zeigen den Zeitgeist und sind vor allem auch Ausdruck von Werthaltungen. Dieses hier ist sehr verstaubt. In meinem Sprachgebrauch kommt es nicht vor, weil es indirekt die Aufforderung zur ständigen Leistungsorientierung in sich trägt, dieses Nicht-Ausruhen-Dürfen.

Ist es also falsch?

Das kommt ganz darauf an, was vor und nach dem Müßiggang kommt und wie lange er dauert. Es ist erwiesen, dass das menschliche System auf Entspannung und Anspannung angelegt ist. Wer im Sport erfolgreich trainieren will, braucht auch Erholungsphasen. Bei der Psyche ist es genauso. Gleichzeitig zeigt die Hirnforschung ganz deutlich: Dinge, die nicht genutzt werden, verkümmern und geraten in Vergessenheit. Deshalb ist geistige Aktivität sehr wichtig. Wer nicht geistig aktiv bleibt, hat zum Beispiel ein höheres Risiko an Alzheimer zu erkranken.

Wodurch unterscheidet sich Nichtstun von Faulheit?

Im Grunde auch wieder dadurch, was vor und nach dem Nichtstun getan wird. Zumal das Nichtstun ein Mythos ist. Der Mensch tut immer etwas – auch im Nichtstun. Selbst im Schlaf passiert ganz viel: Es wird zum Beispiel Wissen konsolidiert, Wichtiges und Unwichtiges sortiert und Platz geschaffen für unbewusst schon vorhandene Lösungen. Nicht umsonst bieten immer mehr Firmen ihren Mitarbeitern Ruhephasen und Freiräume an, in denen sie nicht ihrer eigentlichen Arbeit nachgehen müssen. Das nimmt Druck raus und schafft Raum für Kreativität. Viele Erfindungen wurden in solchen Ruhephasen gemacht. Allgemein verstehe ich Müßiggang als Phase der Entspannung, der Regeneration, des zur Ruhe kommens und des Ausgleichs. Das kann bedeuten, lange zu schlafen, aber auch spazieren zu gehen oder ein Bad zu nehmen.

Angesichts der steigenden Zahl von Burnout-Fällen und Ratgebern zur richtigen im Gegensatz zur offenbar falschen Entspannung könnte man glauben, dass wir das Nichtstun verlernt haben. Ist da etwas dran?

Ja, das würde ich auch mit Blick auf meine Therapieerfahrung sagen. Der Zeitgeist geht immer mehr zur Beschleunigung und zur Verdichtung von Informationen. Wir stellen uns selbst unter einen hohen Erwartungsdruck: Ich bin nur etwas wert, wenn ich rund um die Uhr etwas leisten kann. Auch die Freizeit muss mittlerweile verplant und gemanagt sein, weil die Auffassung gilt: „Wer bremst, verliert.“ Dabei könnte man auch auf das Gegensprichwort zurückgreifen: „Weniger ist mehr.“ Ein Kollege von mir hat einmal gesagt: „Wer hoch hinaus will, muss Ballast abwerfen.“ Ich habe aber das Gefühl, dass die Strategien dafür weniger werden.

Was könnten denn solche Strategien sein?

Sich Gedanken zu machen, was einem wichtig ist im Leben. Das ist auch eine Frage der Selbstachtsamkeit. Wir können nichts nachholen, Vergangenes ist vergangen. Deshalb lohnt es sich zu überlegen: Was mache ich mit der Zeit, die mir zur Verfügung steht und wie möchte ich sie nutzen? Bin ich noch an meinen eigentlichen Zielen dran?

Angenommen, man hat all diese Fragen für sich beantwortet, sitzt im Sessel und würde gerne einfach nur Löcher in die Luft gucken – wenn da nicht das Gedankenkarussell rotieren würde. Wie kann man es anhalten?

Wir können unsere Gedanken nicht kontrollieren, aber lernen, mit ihnen umzugehen. Einen unangenehmen Gedanken vergleiche ich mit einem Lastwagen. Wenn man ihn aktiv unterdrücken will, wird man überfahren. Es ist also besser, an der Straße stehen zu bleiben, den Lastwagen anzuschauen und ihn weiterfahren zu lassen. Um Stress und Ärger abzubauen eignen sich auch innere Gespräche, in denen man sich fragt, wie der Tag gelaufen ist und was man gerne anders gemacht hätte. Wenn man in Gedanken einen Schritt zurücktritt und Distanz gewinnt, bringt das mehr Gelassenheit.

Gibt es eine Formel, in welchem Verhältnis Nichtstun und Arbeit idealerweise stehen sollten?

Es gibt viele Studien, die zeigen, dass dies ein sehr komplexer Zusammenhang ist und es nicht das ideale Rezept geben kann. Viele kleine Pausen in der Arbeit sind oft besser als wenige sehr lange, weil es dann schwieriger sein kann, wieder in den Prozess zu kommen. Es ist wichtig, ein gutes Gespür für die eigenen Bedürfnisse zu entwickeln und Wege zu suchen, diese auch umzusetzen.

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