1. Startseite
  2. Lokales (Mindelheim)
  3. Wie der „Schwarze Tod“ im Unterallgäu gewütet hat

Unterallgäu

26.03.2018

Wie der „Schwarze Tod“ im Unterallgäu gewütet hat

Copy%20of%20IMG_20180217_0001%20(2).tif
4 Bilder
Am Platz, wo in der Pestzeit für die Kranken von Zaisertshofen und Angelberg (Tussenhausen) das Essen abgestellt worden war, sind später drei Pestkreuze errichtet worden. Diese Kreuze wurden 2002 unter Bürgermeister Anton Fleck von der Dorfgemeinschaft Zaisertshofen als Erinnerungsdokument erneuert.

Die Pest hat bis heute ihre Spuren hinterlassen – in der Sprache, aber auch an vielen Orten im Unterallgäu.

Längst ist die Pest, die als größte Geißel der Menschheit gilt, aus dem Abendland verschwunden. Doch was der „Schwarze Tod“ angerichtet hatte, wirkt sogar bis heute nach. Die Pest hat viele Millionen von Toten gefordert und auch in unserem Landstrich ganze Dörfer ausgerottet. Sie hat Angst und Schrecken verbreitet sowie Kultur und Sitten nachhaltig beeinflusst.

Es dauerte lange, bis die Ursachen dieser Krankheit entdeckt waren. Heute weiß man: Ein energischer Kampf gegen Ratten und Ungeziefer hätte Millionen Menschenleben retten können. Historiker sehen die größte Tragik des Schwarzen Todes darin, dass die Menschen Gott, die Sterne und den Teufel für das Massensterben verantwortlich gemacht, aber die wirklichen Gefahren nicht erkannt haben.

Man spricht von „Pest und Cholera“ und sagt „Gesundheit!“

Auch wenn einige Jahrhunderte vergangen sind, wirkt die Pest selbst in unserer Zeit und Region noch vielfältig nach. Spuren und Erinnerungen an diese Epidemien des 17. Jahrhunderts begegnen uns immer noch wissentlich oder unbewusst. Es beginnt mit der Sprache, in der die Pest noch lebendig ist. Beispiele sind aktuell die „Schweinepest“ sowie Begriffe und Aussprüche, wie „die verpestete Luft“ oder man hasst etwas „wie die Pest“. Bei zwei Übeln spricht man gerne „von der Wahl zwischen Pest und Cholera“. Und der Wunsch beim Niesen: „Gesundheit!“ und wohl auch das volkstümliche „helf d’r Gott!“ stammen aus der Pestzeit, weil man seinem Gegenüber die ansteckende Pest nicht wünschte, die wie ein Schnupfen mit Niesen begonnen hatte.

Lesen Sie jetzt: Die heutige Ausgabe Ihrer Tageszeitung als E-Paper.

Viele Gelübde von Gemeinden und manch traditionelle Wallfahrten gehen auf die Pest zurück. Dazu zählt auch das 1634 abgegebene Sühneversprechen in Oberammergau, „alle zehn Jahre das Spiel von der Passion des Heilandes aufzuführen, sofern Gott das Dorf vor der Pest bewahre“. Auch in unserer Gegend finden sich noch gut erhaltene Dokumente zu dieser tödlichen Krankheit. Es sind die Pestkapellen, Pestkreuze, Votiv- und Gedenktafeln, Bilder und Altäre von Pestheiligen (wie Sebastian) und auch die Flurnamen „Pestäcker“.

In alten Pfarr- und Gemeindechroniken aus unserer Region lassen sich ferner noch anschaulich die Drangsale der Pestzeit nachlesen, die sich viele Jahre lang auch noch mit den Gräueln des Dreißigjährigen Krieges (1618 bis 1648) vermengt hatten. Demnach starben zum Beispiel in Mindelheim 1634/35 an der Pest ganze Straßenzüge aus. Das Pfarrviertel rund um die Stadtpfarrkirche war vollständig entvölkert und „die Häuser lagen voller Leichen“.

200 Dirlewanger starben, die Orte rund um Kirchheim waren „fast ausgerottet“

In Dirlewang raubte die Pest anno 1635 rund 200 Personen hinweg. In Unterkammlach wurden damals zwei Drittel der Einwohner dahingerafft, in Oberkammlach mehr als die Hälfte. Die Orte rund um Kirchheim waren anno 1630 laut Chronik „fast ausgerottet und viele Häuser waren verwaist“. In Mindelzell und auch in manch anderen Dörfern schreiben die Chronisten, dass dort nach der Pestzeit Menschen aus der Schweiz, dem Salzburgischen oder Tirol in die entleerten Orte zugewandert sind.

Im Dorf Wörishofen starben damals mehr als 500 Menschen; nur zwei Höfe wurden verschont. Auch in Mattsies spricht man 1635 von einem „großen Totenfeld“. Hier und im benachbarten Hausen berichtet die Überlieferung von einem Platz im Wald zwischen beiden Dörfern, wo den ausgestoßenen Pestkranken das Essen hingestellt worden sei. Noch heute erinnern drei Waldkreuze daran.

In der Kapelle auf dem Simonsberg bei Hausen gedenkt eine alte Marmortafel der dort begrabenen Pestopfer des Dorfes. Einen Kontaktplatz für die Pestkranken gab es auch zwischen Zaisertshofen und Tussenhausen. Die dort vormals errichteten alten Pestkreuze wurden 2002 erneuert. Nördlich von Zaisertshofen war beim ehemaligen Pestfriedhof auch eine Pestkapelle gebaut worden. Sie wurde ebenfalls 2002 von der Dorfgemeinschaft neu gestaltet, feierlich gesegnet und ausdrücklich „gewidmet zur Erinnerung an die heutige Pest – die Verkehrsopfer unserer Straßen“.

Die Pestkapellen waren meist bei den ehemaligen Pestfriedhöfen erstellt worden. Gut erhaltene Exemplare sind die 14-Nothelfer-Kapelle in Apfeltrach (1660) und die stattliche Kapelle in Unterkammlach, die 1628 „zur Abwendung der Sucht dem heiligen Sebastian zur Ehr“ erbaut wurde. Mitten in Unterkammlach erinnert noch heute ein Pestkreuz an die Pestzeit. Auf einer angefügten Tafel steht wörtlich: „Zur Erinnerung an die Pest. Im Schwedenkrieg wurde hier ein Kreuz errichtet. Hier mussten die Leute das Getreide zur Mühle ablegen und das Mehl wieder abholen. Auch soll links der Kammel niemand an der Pest gestorben sein.“

Die Pestzeit im Markt Türkheim ist in den „Türkheimer Heimatblättern 1973 ausführlich dokumentiert und damit ins Gedächtnis unserer Generation zurückgeholt worden. In Wiedergeltingen wurde vor einigen Jahren zu Ehren der Pestopfer am früheren Pestfriedhof ein Gedenkstein gesetzt.

In Pfaffenhausen blieb dank der alten Pfarrchronik eine Beschreibung der Pestzeiten erhalten. Demnach stiftete der damalige Pfarrer Michael Honold in der Pfarrkirche einen Frauenaltar zur Abwendung der Gottesgeisel. Dieser Pfarrer schrieb 1635 auch nieder, dass man in sämtlichen Filialen Pfaffenhausens „nicht mehr über 300 Seelen findet“. Vor der Pest und dem Krieg seien gut 3000 Gläubige gezählt worden. Im gleichen Jahr starb Pfarrer Honold selbst an der Pest. Seinem Bericht fügte ein Pfarrverweser an: „Niemand wird gerathen, derzeit in den Pfarrhof zu gehen.“ Er fürchtete auch, dass „nur wenige den Winter 1635/36 überstehen, teils wegen der grassierenden Sucht, teils wegen großer Armut“.

In vielen Chroniken wurde beschrieben, wie mit der ansteckenden Pest und den Pesttoten umgegangen wurde. Dabei wurde allgemein vom „Schwarzen Tod“ gesprochen, weil die Leichen der daran Verstorbenen ganz schwarz wurden. Nach der Ansteckung führte diese Infektionskrankheit in der Regel binnen weniger Tage zum Tod. Die Leichen wurden mit zweirädrigen schwarzen Karren, den sogenannten Pestkarren abgeholt und wegen der Ansteckungsgefahr zu den weit außerhalb der Orte eigens errichteten Pestfriedhöfen gefahren, wo sie sie in Pestgruben beerdigt wurden.

In Mattsies liefen die Waisenkinder herum, bis sie vor Hunger umfielen und die Pest eine Erlösung war

Überall soll ein unerträglicher „Pestgeruch“ geherrscht haben. Als wichtige Kontaktpersonen sind vor allem die Bader und Wundärzte sowie die Pfarrer und Totengräber der Pest zum Opfer gefallen. Aus Mattsies ist überliefert, dass Kinder von an der Pest verstorbenen Eltern heulend auf der Straße umhergelaufen sind, „bis sie vor Hunger umfielen und für sie die Pest der beste Erlöser war“. Viele dieser bedauernswerten Kinder seien außerdem bei Nacht von streunenden Hunden und Wolfsrudeln aufgefressen worden.

Gegen die ansteckende Pest-Krankheit gab es lange Zeit keine wirksamen Mittel, zumal sie als eine „Geisel und Strafe Gottes“ galt. Noch 1795 wurden in einem Büchlein mit dem Titel „Der medizinische Landpfarrer – mit Abhandlungen über häufige Krankheiten auf dem Lande“ besondere Methoden gegen die Ansteckung angeführt. Wörtlich heißt es darin, dass es bei „pestartigem Fieber unsere Amts- und Gewissenspflicht erfordert, den Kranken nach allen Kräften mit den geistlichen sowohl als körperlichen Heilmitteln beizustehen, und sollte es auch unser eigenes Leben kosten…“

Zur Vorbeugung wurde ferner angeraten: „Die besten und sichersten Vorbeugungsmittel gegen solche Krankheiten sind eine gute Lebensordnung im Essen und Trinken, und beständige Heiterkeit des Geistes. Wenn man Aufstoßen und Magendrücken spürt, nehme man als Abführungsmittel ein Laxiertränkchen.“ Denn „sobald der Magen und die Gedärme von ihren gesammelten Unreinheiten geleert sind, so kann die Ansteckung nicht so leicht vor sich gehen. Dagegen kommen die hitzigen Tropfen, zum Beispiel der Pestbrandwein oder Pestessig, nicht allen Leuten gut zu statten, besonders denen nicht, welche hitziger und trockener Natur und magerer Gestalt sind…“

Wie man längst weiß, hat wohl nichts davon wirklich genutzt!

Themen Folgen

Sie haben nicht die Berechtigung zu kommentieren. Bitte beachten Sie, dass Sie als Einzelperson angemeldet sein müssen, um kommentieren zu können. Bei Fragen wenden Sie sich bitte an moderator@augsburger-allgemeine.de.

Bitte melden Sie sich an, um mit zu diskutieren.

Lesen Sie dazu auch
Copy%20of%2020180910_145315.tif
Unterallgäu

So schonen Rückezwerge den Unterallgäuer Wald

WhatsappPromo.jpg

Alle News per WhatsApp

Die wichtigsten Nachrichten aus Augsburg, Schwaben
und Bayern ganz unkompliziert auf Ihr Smartphone.

Hier kostenlos anmelden