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Amberg/Langerringen

22.04.2019

Wie der Wertachtalsender die Gemüter erhitzte

So sah die Sendeanlage Wertachtal aus, bevor sie aufgegeben und durch einen Solarpark ersetzt wurde. Unser Autor Ralph Manhalter hat einige interessante Aspekte aus der spannenden Geschichte der Sendeanlage herausgearbeitet.
Bild: Ulrich Wagner

Vor 50 Jahren erfolgte die Grundsteinlegung zum Wertachtalsender. Um ein Haar wäre die Anlage nach der Kreisstadt Mindelheim benannt worden.

Schon länger als vier Jahre ist es her, seit der letzte Mast der Sendeanlage Wertachtal dem Boden gleich gemacht wurde. Eines Tages werden sich nur noch die Älteren an die Umstände der Planung und Errichtung der gigantischen Antennen erinnern, die gleich einem überdimensionalen Spinnennetz den Horizont zwischen Ettringen, Amberg und Lamerdingen beherrschten. Dabei wurde von diesem Ort, von diesem Feld in die ganze Welt gestrahlt.

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Zunächst Sendungen der Deutschen Welle, später war auch Voice of America, Radio Netherlands und weitere Rundfunkanstalten zu Gast. Doch weshalb gerade die Wahl auf diesen Platz, diesen beschaulichen Rand des Unterallgäus fiel, dürfte vielen nicht bekannt sein.

Die Deutsche Welle als Nutzer verfügte bereits über eine Sendeanlage in Jülich, zwischen Köln und Aachen. Allerdings arbeitete diese am Rande der Kapazität. Wie Fritz Hundhammer, zu jener Zeit wissenschaftlicher Mitarbeiter der Universität Augsburg in einem bemerkenswerten Aufsatz erläutert, war an eine Erweiterung aus technischen Gründen nicht zu denken. Dabei wäre diese dringend notwendig, standen doch in wenigen Jahren die Olympischen Spiele in München bevor, über die ausgiebig und vor allem weltweit berichtet werden sollte.

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Der Wertachtalsender war eine schwere Geburt

Folglich begaben sich die Ingenieure in den späten 60er Jahren auf die Suche nach einem geeigneten Ort zur Errichtung einer neuen, leistungsfähigen Antennenstation. Insgesamt wurden sechzig Standorte in der damaligen Bundesrepublik untersucht, von Schleswig-Holstein bis Bayern. Die Voraussetzungen, die es zu erfüllen galt, gestalteten sich dabei schwierig: Das Gelände sollte über ein Ausmaß von 3000 Mal 3000 Metern verfügen und zudem möglichst eben sein, schreibt Hundhammer.

Bis zum Abstand von 500 Metern zu den Antennen durften weder Gebäude noch topografische Unebenheiten vorhanden sein. Zudem wurde ein ausreichend tragfähiger Untergrund benötigt, um die massiven Gewichte der 125 Meter hohen Stahlmasten aufzunehmen. Am Ende konnten nur noch zwei Orte all diese Anforderungen erfüllen, die interessanterweise nur etwa 40 Kilometer entfernt lagen: die Ebene der mittleren Iller und das Wertachtal, beides Schotterterrassen des Eiszeitalters.

Schon frühzeitig machte sich jedoch im Illertal teils massiver Widerstand gegen die Pläne zur Errichtung einer Großsendeanlage breit. Man befürchtete unter anderem eine verstärkte Strahlenbelastung durch elektromagnetische Wellen. Auch die Verhandlungen zum Grundstückserwerb gestalteten sich schwierig.

All dies und auch die Tatsache, dass die östliche der beiden potenziellen Standorte weit weniger dicht besiedelt war, als das württembergische Illertal, war letztendlich ausschlaggebend für die Favorisierung des späteren Standorts. Die Bundespost kaufte in der Folge die umliegenden Flächen, der sich allein auf weiter Flur befindliche Pisterhof wurde abgebrochen und am 26. August 1969 begannen die ersten Arbeiten am künftigen Großsender. Schon im darauffolgenden Jahr konnte das Richtfest gefeiert werden.

Warum der Wertachtalsender nicht "Sender Mindelheim" hieß

Zu diesem Zeitpunkt sollte der Bau bereits die größte Kurzwellensendeanlage in Europa werden. An die 600 Arbeiter waren in Hochzeiten beschäftigt. Die entsprechenden Antennen lieferte Telefunken unter Zeitdruck, galt es doch vor dem sportlichen Großereignis noch einen ausgiebigen Probelauf durchzuführen. Mit der offiziellen Einweihung am 12. Juni 1972 konnte der Betrieb dann guten Gewissens starten, schließt Hundhammer.

Vorausgegangen war allerdings noch eine Meinungsverschiedenheit hinsichtlich der offiziellen Standortbezeichnung. Wäre es nach der Deutschen Bundespost gegangen, sollte die neu errichtete Anlage nach der nächstgelegenen (Kreis-)Stadt benannt werden: Sender Mindelheim.

Mit diesem Vorschlag zeigten sich die Anliegergemeinden jedoch in keiner Weise einverstanden. Da aber auch hier keine interkommunale Lösung zu finden war, zogen die Verantwortlichen letztendlich den nächsten größeren Fluss als Namenspate heran. Allein dadurch wurde der Name Wertachtal nicht nur unter den Kurzwellen-Fans zu einer Marke ... die zwischenzeitlich Geschichte geworden ist.

Bevor aus der Konversionsfläche dann eine der größten Solaranlagen in ganz Deutschland entstehen konnte, musste ein aufwendiges Planungs- und Genehmigungsverfahren als Voraussetzung für die jetzige Sonnenenergienutzung durchgeführt werden.

Darin eingebunden waren die Gemeinden Langerringen - mit einer anteilig vergleichsweise kleinen Fläche am nördlichen Rand und Amberg mit der weitaus größten Fläche, sowie die Eigentümer des Geländes. Als Nachbargemeinde wurde auch Ettringen als „Träger öffentlicher Belange“ während des Verfahrens gehört, wobei sich der dortige Gemeinderat im Verlauf der Genehmigung mehrfach gegen die Erweiterung stemmte.

Den Ettringern blieben kaum Möglichkeiten, den Wertachtalsender zu verhindern

Doch letztlich blieben den Ettringern kaum Möglichkeiten, das Amberger Einverständnis zu verhindern. Eine mögliche juristische Auseinandersetzung kam nicht in Betracht. Inzwischen wurden 170.000 Solarmodule auf 58 Hektar verbaut. Die damit erreichte Stromausbeute entspricht mit rund 52 Millionen Kilowattstunden (kW/h) dem Jahresverbrauch von etwa 15.000 Haushalten (bei einem angenommenen Jahresverbrauch von jeweils 3500kW/h) oder dem Jahresverbrauch von etwa 20 Gemeinden der Größe Ambergs.

Die WV AG habe bisher 44 Millionen Euro investiert. Damit ist der Ausbau einer der landesweit größten Freiflächenfotovoltaikanlagen noch längst nicht beendet. Südlich des ehemaligen zentralen Technikgebäudes steht noch einmal eine etwa doppelt so große Fläche für den Ausbau zur Verfügung.

Dabei habe sich die Gewichtung in der betriebswirtschaftlichen Planung inzwischen radikal verschoben. Über Zwischenetappen fand das Gelände des heutigen Solarparks, in der WV Energie AG aus Bad Vilbel einen neuen Eigentümer, nachdem Media Broadcast als Senderbetreiber keine Verwendung mehr für den Standort hatte.

Aktionäre des mehr als 100 Jahre alten Unternehmens sind überwiegend Stadtwerke aus der ganzen Bundesrepublik. WV Energie war und ist auf der Suche nach solchen großen zusammenhängenden Konversionsflächen, welche die Nutzung erneuerbarer Energien unternehmerisch wirtschaftlich erscheinen lassen.

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