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Unterallgäu

09.04.2019

Wie die Kirchen im Unterallgäu gegen Austritte kämpfen

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Auch 2018 sind wieder viele Unterallgäuer aus der Kirche ausgetreten - eine Entwicklung, die sich 2019 voraussichtlich fortsetzen wird.
Bild: dpa

Plus Auch im Unterallgäu verlassen weiter viele Gläubige die Kirche. Welche Ursachen die Pfarrer ausfindig machen – und was das mit dem FC Bayern zu tun hat.

Was hat Kirche mit dem FC Bayern zu tun? Auch wenn mancher Anhänger den Fußballverein als heilig verstehen mag: auf den ersten Blick nicht viel. Erik Herrmanns zieht diesen Vergleich trotzdem gerne, wenn er als evangelischer Pfarrer von der Mitgliedersituation in seiner Kirchengemeinde Mindelheim spricht. Die entwickelt sich – anders als beim FC Bayern – zwar immer weiter nach unten. Doch bei der Ursachenforschung hilft der Vergleich.

„Ich bin kein Mitglied beim FC Bayern, weil ich kein Interesse daran habe – viele Nichtgläubige sehen das im Bezug auf die Kirche ähnlich“, sagt Herrmanns. „Das ist zwar schade, steht aber jedem zu und ist letztlich nur konsequent.“ Insgesamt sind in seiner Gemeinde im vergangenen Jahr 20 Mitglieder ausgetreten, 2017 waren es 19 – eine Austrittsquote von jeweils 0,6 Prozent, die im bayernweiten Vergleich (0,9 Prozent) noch milde ausfällt.

Kirchenaustritte im Unterallgäu liegen auch am verlorenen Glauben - und verschiedenen Skandalen

Woran der relativ schwache Rückgang liegt, kann Herrmanns, der Mitglied der bayerischen evangelischen Landessynode ist, nur vermuten: „Die Protestanten in Mindelheim sind in der Regel früher oder später zugereist: nach dem Weltkrieg Flüchtlinge, in den 90er-Jahren einige Osteuropäer aus Kriegsgebieten und Russland-Deutsche, jetzt viele, die in der Region Arbeit finden.“ All diese Leute seien mit eigenen Traditionen gekommen. „Wer sich dann dafür entschieden hat, unserer Kirche beizutreten, bleibt dabei – das ist, glaube ich, eine bewusste Entscheidung.“ Auch das aktive Gemeindeleben führe dazu, dass weniger Leute aussteigen.

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Doch nicht nur der verlorene Glaube bringt Menschen zum Austreten – insbesondere Missbrauchs- und Finanzskandale, mit denen jüngst vor allem die Katholische Kirche Negativ-Schlagzeilen gemacht hat, tun ihr Übriges. Dabei würden viele nicht zwischen beiden christlichen Konfessionen unterscheiden, so Herrmanns: „Für manche gibt es nur diese eine Institution Kirche, der Bezug fehlt in diesen Fällen völlig. Das ist, als würde ich beim FC Bayern austreten, obwohl ich mich über einen Eishockey-Trainer ärgere.“

Warum sich ein Unterallgäuer Pfarrer im Kampf gegen Kirchenaustritte wie Don Quijote fühlt

Als Vertreter der anderen „Sportart“ blickt Andreas Straub, Leiter der katholischen Pfarreiengemeinschaft und des Dekanats Mindelheim, ebenfalls mit Sorge auf die Mitgliederentwicklung seiner acht Pfarrgemeinden. Sie sind 2018 durch Kirchenaustritte um 83 Mitglieder und damit 0,8 Prozent geschrumpft, während es nur acht Wiedereintritte gab. Die Entwicklungen 2019 lassen ihn jedoch befürchten, dass diese Zahl deutlich ansteigen wird: In den ersten drei Monaten des Jahres sind bereits 39 Katholiken ausgetreten, bis Ende 2019 rechnet Straub – wenn sich der Trend fortsetzt – mit einer Verdoppelung im Vergleich zu 2018.

Dies sei im Vergleich zu anderen, größeren Städten zwar ein deutlich geringerer Prozentsatz, so Straub. „Trotzdem stelle ich schon seit Jahren eine zunehmende Entfremdung der Menschen von der Kirche und ihrer Gemeinschaft fest. Das ist ein schleichender Prozess, gerade auch weil sich der Glaube immer mehr ins Private verlagert.“ Die Missbrauchsfälle seien ebenso wie der Finanzskandal in Eichstätt für viele nur ein letzter Auslöser, die Katholische Kirche zu verlassen. „Viele sagen: ’Die brauchen mein Geld nicht auch noch’. Da geht es nicht unbedingt nur um die Kirchensteuer – auch wenn das natürlich auch ein Faktor sein kann.“ In der Summe seien bestimmte gesellschaftliche Trends geradezu unmöglich aufzuhalten: „Manchmal fühlt man sich wie Don Quijote, der gegen Windmühlen kämpft.“

In der Stadt verlassen deutlich mehr Menschen die Katholische Kirche als in kleineren Ortschaften

Bei einem genaueren Blick auf die Zahlen des Dekanats Mindelheim lässt sich ein klarer Trend erkennen: So entsagen in der Stadt Mindelheim deutlich mehr Menschen der Katholischen Kirche als in den umliegenden Ortschaften: Alleine 33 der 39 Austritte in diesem Jahr sind auf Bewohner der Kreisstadt zurückzuführen – eine Quote von 85 Prozent, die schon 2018 (83 Prozent) auffallend hoch war. „In kleineren Ortschaften ist die Identifikation der Menschen mit der Kirche und der Pfarrgemeinde vor Ort oft größer“, versucht sich Pfarrer Straub in Erklärungen. „Auch herrscht dort weniger Anonymität. Die Hemmschwelle, tatsächlich auszutreten, ist deshalb möglicherweise etwas höher.“

Straub ist sich mit seinem evangelischen Amtskollegen Herrmanns darin einig, dass man die fortschreitende Kirchenflucht nur eingrenzen kann, indem man auf die Gläubigen zugeht. Soll heißen: viele Gespräche, sorgfältige und umfängliche Seelsorge vor Ort, größtmögliche Transparenz im Umgang mit den zutage getretenen Missständen – und nicht zuletzt eine konstruktive Zusammenarbeit der beiden christlichen Kirchengemeinden. Letztlich, so Herrmanns, gehe es aber immer um die persönliche Beziehung zu Gott. „Nur, weil ich Mitglied der Kirche bin, bin ich nicht automatisch auch gläubig. Das ist genau wie beim FC Bayern: Ich kann mit der Unterschrift unter ein Formular zwar Mitglied sein – Fan des Vereins bin ich allein deswegen aber noch lange nicht.“

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